Ab Freitag, 30. Juli, wird die neuste Generation von Apples Erfolgshandy in der Schweiz verfügbar sein. Auf das iPhone 4 freuen sich aber nicht nur Apple-Fans - auch wenn diese einige schlechte Nachrichten über die Empfangsqualität des Geräts zu verdauen hatten. Für viele Schweizer Unternehmen bieten sich mit der zunehmenden Verbreitung der sogenannten Smartphones von Apple und anderen Anbietern neue Geschäftsfelder: Die «Apps» genannten Programme ermöglichen ausgereifte und leistungsfähige E-Commerce-Lösungen, so die Experten der Fachhochschule Nordwestschweiz in ihrem E-Commerce-Report 2010.

So generieren die Detailhändler Coop und Migros wenige Wochen nach der Lancierung ihrer Programme beträchtliche Umsätze über die Apps, wie es auf Anfrage der «Handelszeitung» heisst. Im Juni machte der Anteil der via iPhone bestellten Waren am Total der Bestellungen 3,5% aus. Der durchschnittliche Einkaufsbetrag belief sich auf über 232 Fr., beinahe gleich viel wie im Onlineshop. Bei 110000 App-Downloads geht Coop von 26000 aktiven Kunden aus. Etwas erfolgreicher ist die Migros. Die Applikation der Online-Tochter LeShop wurde 150000 Mal heruntergeladen. 4% aller Einkäufe bei LeShop werden via Smartphone getätigt.

SBB: Wichtiger Verkaufskanal

Bereits 530000 Mal wurde die SBB-App bezogen. Neben Fahrplaninformationen kann das Programm auch auf den Ticket-Shop der SBB zugreifen. Das Unternehmen gibt aber nicht bekannt, welchen Umsatz über die Applikation erzielt wird. Laut Daniele Pallecchi von der SBB-Medienstelle ist SBB Mobile jedoch ein wichtiger und zukunftsträchtiger Verkaufskanal.

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Richtiggehend überrascht vom Erfolg ihrer App wurden die beiden Schweizer Jungunternehmen Doodle und getAbstract. So stand bei der Veröffentlichung des iPhone-Apps des Internet-Terminfinders Doodle der kommerzielle Aspekt nicht im Vordergrund. Doch bereits nach wenigen Tagen sind die Entwicklungskosten des 3.30 Fr. teuren Programms gedeckt, so Doodle-Sprecher Tilman Eberle. Auch bei der Buchrezensionsfirma getAbstract stand eigentlich ein verbesserter Kundenservice im Vordergrund. Von den mehr als 100000 Downloads ist das Unternehmen «begeistert», so getAbstract-Mitgründer Patrick Brigger.

Ebenfalls begehrt ist die Applikation von Swissquote. Bereits 100000 Mal wurde das Tool der Online-Bank heruntergeladen, rund 25000 Kunden benutzen es aktiv. Auf Anfrage gibt das Unternehmen bekannt, dass bereits rund 10% der Börsenaufträge über die verschiedenen mobilen Plattformen abgewickelt werden.

Bei der Online-Bank werden alle mobilen Plattformen als wichtig erachtet, daher wurden vor Kurzem auch Applikationen für den neuen Tablett-PC iPad, das Business-Handy BlackBerry und für das Google-Betriebssystem Android entwickelt. Nun soll zudem eine Anwendung für den Ovi-Store von Nokia folgen und eine Applikation für den Fremdwährungshandel über iPhone und iPad angeboten werden. Um diesen Aufwand zu meistern, musste die Entwicklungsabteilung ausgebaut werden, weitere Investitionen in den Mobile-Bereich sind zudem vorgesehen. Bei den Unternehmen, die alle relevanten Systeme abdecken wollen, nimmt der finanzielle Aufwand zu.

Bei allem iPhone-Hype zeigen Zahlen aus den USA, dass das BlackBerry von RIM mit einem Marktanteil von 42% noch immer Marktführer bei den Smartphones ist; demgegenüber stammt ein Viertel der US-Smartphones von Apple. Beachtlich ist die Aufholjagd von Googles offenem Betriebssystem Android. Im Mai dieses Jahres waren bereits 13% der US-Smartphones mit Android ausgestattet, so die Experten des US-Marktanalysten Comscore. Und auch in der Schweiz werden Android-Geräte immer beliebter. «Neue HTC- und Samsung-Geräte werden von den Konsumenten sehr gut angenommen», sagt Mobilezone-CEO Martin Lehmann. Einzelne Android-Handys waren aufgrund der hohen Nachfrage über Wochen nicht lieferbar.

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Das stellt auch Schweizer Unternehmen vor die Wahl: Sollen sie nur den erfolgreichen App-Store bedienen oder auf mehrere Anbieter setzen, etwa auf den Newcomer Android?

Die meisten der von der «Handelszeitung» angefragten Unternehmen wollen zwar möglichst alle Plattformen bedienen, scheuen aber die zusätzlichen Entwicklungskosten. In dieser Situation befindet sich derzeit auch die Migros-Tochter Ex Libris. Zuerst soll nun im 4. Quartal ein App für das iPhone veröffentlicht werden, so Ex-Libris-CEO Daniel Röthlin. Wachsen die anderen Plattformen jedoch weiter stark, werden möglichst bald auch dort Ex-Libris-Apps verfügbar sein. Für die Entwicklung liess sich Ex Libris Zeit, denn erst sollte ausgeschlossen werden, dass technische Probleme bei der Abwicklung von Bestellungen auftreten könnten. Daher wurden erst die Informatiksysteme abgestimmt und erst dann die App in Auftrag gegeben. «Die Applikation soll den Kunden einen möglichst hohen Nutzen bieten», sagt Röthlin. Die Ladenkette und der Onlineshop sollen über das Tool zu einem Einkaufserlebnis verbunden werden. «Das App muss einen echten Mehrwert bieten und mit zusätzlichen Informationsangeboten ausgestattet sein», so Röthlin.

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UBS schneller als Credit Suisse

Seit einigen Tagen ist nun auch eine erste Applikation der UBS verfügbar. Mit ihr lässt sich unterwegs der nächste UBS-Bancomat oder die nächste Geschäftsstelle finden. Doch damit ist bei der Bank noch lange nicht Schluss, weitere Mobile-Apps mit mehr Funktionen sollen folgen, wie UBS-Sprecher Andreas Kern auf Anfrage bekannt gibt. Bei allen Online-Aktivitäten gilt es jedoch, den direkten Kundenkontakt aufrechtzuerhalten. Eine persönliche Beratung, etwa bei Hypotheken oder Geldanlagen, lasse sich nicht ersetzen, so der UBS-Sprecher.

Auch bei PostFinance befindet sich laut Sprecher Alex Josty derzeit eine App in Entwicklung. Mit ihr lassen sich Geldautomaten finden, aber es soll auch Geld überwiesen werden können oder die Möglichkeit geschaffen werden, eine verlorengegangene PostFinance-Karte zu sperren. Das Programm soll im Spätsommer verfügbar sein. Die Vision von PostFinance geht aber deutlich weiter: Das Handy soll zum persönlichen Finanzassistenten werden, eine Übersicht über die Finanzen bieten und als Zahlungsmittel eingesetzt werden können. Während PostFinance und UBS aufs Gas drücken, hält sich die Credit Suisse eher zurück. Denn die Bank will derzeit nicht auf den App-Zug aufspringen, so eine Sprecherin.

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Entwicklung erst am Anfang

Bei aller Kritik am neuen Handy hat Apple einen Weg gefunden, das iPhone-Ökosystem mit seinen Apps mit eindrücklicher Effizienz zu monetarisieren, folgern die Analysten der Strategieberatung Booz & Company. Die Experten gehen davon aus, dass der App Store 2010 voraussichtlich ein Umsatzvolumen von 2,3 Mrd Euro erwirtschaften wird. In drei Jahren sollen es bereits 17 Mrd Euro sein.