«Mich erfüllt es mit grosser Sorge, dass dieses Jahr wohl viele IT-Spezialisten ihre Stelle durch Kostenreduktionen und Konkurse konjunkturbedingt verlieren», sagt Andrej Vckovski, CEO der Netcetera-Gruppe und Präsident des Branchenverbands für Neue Medien, Internet und Software, Simsa. «Denn die stellensuchenden Informatiker lassen kurzfristig vergessen, dass der Schweiz mittel- und langfristig ein erheblicher ICT-Fachkräftemangel droht, weil schon heute zu wenig Nachwuchs ausgebildet wird», so Vckovski.

Alfred Breu, Präsident des Zürcher Lehrmeisterverbandes Informatik (ZLI), erklärt, wie das wirtschaftliche Umfeld die Situation für die Angestellten in der IT-Branche verändern wird.

Ist der Abschwung bei der IT-Ausbildung angekommen?

Alfred Breu: Glücklicherweise nicht, die Anzahl Informatiklernender steigt sogar stark. Das ist nicht weiter verwunderlich. Informatikunternehmen oder Informatikabteilungen in Betrieben anderer Branchen spüren die Personalknappheit deutlich. Das ist darauf zurückzuführen, dass jährlich 6000 bis 10000 Informatiker pensioniert werden und nur wenig mehr als 2000 aus der Grundbildung und Hochschulbildung in den Arbeitsmarkt übertreten. Es ist daher nicht weiter erstaunlich, dass 2007 und 2008 je rund 6000 Informatiker aus der EU und aus anderen Ländern in die Schweiz geholt worden sind.

Spüren die IT-Ausbildungsorganisationen den Abschwung?

Breu: Da viel zu wenig sehr gut ausgebildete Informatiker verfügbar sind, hoffe ich, dass die Betriebe nun nicht nachlassen. Im Gegenteil! Sie sollten jetzt erst recht in Grund- und Weiterbildung investieren. Zur erfolgreichen Arbeitgeberpolitik gehört das entschiedene Engagement, für die Aus- und Weiterbildung auf allen Stufen zu sorgen. Dienstleistungen können nur so gut sein, wie es die Qualität der Mitarbeitenden zulässt.

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Wird diese Krise die Spielregeln für Informatiker verändern? Müssen die Lehrpläne angepasst werden?

Breu: Jedes Produkt, jede Dienstleistung und jeder Prozess ist heute Informatik unterstützt. Es geht heute nicht mehr um die Informatik an und für sich, sondern um die Frage, mit welchen neuen Produkten eine Firma Marktanteile erhalten oder gewinnen will. Die Informatik ist in diesem Sinn «Business-enabler». Lehrpläne müssen keine verändert werden. Es ist jetzt an der Gesinnung der Informatiker und ihrer Kundschaft, diese effizient zu nutzen.

Wie können sich IT-Fachleute oder solche, die es werden wollen, darauf einstellen?

Breu: Gut die Hälfte der Informatiker ist in der Applikationsentwicklung tätig. Gerade diese haben sich auf besagte neue Rolle auszurichten. Jetzt ist die Zeit, um sich auf den nächsten Aufschwung vorzubereiten.

Nimmt der Druck zum Offshoring zu?

Breu: Offshoring wird heute mehr aus Personalmangel betrieben, denn aus Kostengründen. Entwicklungsaufträge ins Ausland zu vergeben und gut in die Heimlösung zu integrieren, ist nicht einfach. Es erstaunt daher nicht, dass viele Schweizer Betriebe lieber in der Schweiz entwickeln würden.

Bleibt in der Krise die Kreativität der IT-Branche auf der Strecke?

Breu: Ich hoffe nicht. Im Gegenteil, vielleicht hilft der nachlassende Druck, einen wirklichen Quantensprung bei neuen Geräten, Systemen, Dienstleistungen oder Prozessen auszulösen. So kann der Informatikstandort Schweiz durch die Krise sogar noch gestärkt werden.