Gratulation zur Wahl zum Unternehmer des Jahres: Sind Sie überrascht?

Peter Spuhler: Ja, ich bin erstaunt. Es freut mich, dass ich nicht nur als Nationalrat und ehemaliger UBS-Verwaltungsrat, sondern in diesem Fall als Unternehmer wahrgenommen werde. Aber diese Auszeichnung geht in erster Linie an das Stadler-Rail-Team. Ich bin auch nur ein Teil davon.

Was bedeutet für Sie Unternehmertum?

Spuhler: Das ist die Basis unseres Wohlstands. Ein Unternehmer ist jemand, der bereit ist, alles zu geben, sein Vermögen zu riskieren, um eine Firma aufzubauen und Arbeitsplätze zu schaffen. Unternehmertum hat die Schweiz zu dem gemacht, was sie heute ist: Ein reiches und attraktives Land. Darum müssen wir dem Unternehmertum Sorge tragen.

Wie?

Spuhler: Indem wir Unternehmern möglichst viele Freiheiten lassen, ihnen Handlungsspielraum geben, um Neues zu entwickeln. Je mehr Verbote wir erlassen und Hürden aufbauen, desto mehr geht das Unternehmertum den Bach runter.

Sie fordern möglichst viel Freiheit. Doch in der Krise rufen selbst Wirtschaftsführer nach Staatshilfe - wie die UBS.

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Spuhler: Ja, das ist leider so. Der volkswirtschaftliche Schaden wäre bei einem Kollaps des Finanzsystems zu gross gewesen. Ordnungspolitisch sind aber diese weltweiten Hilfsprogramme in der Finanz-, aber neuerdings auch in der Realwirtschaft ausserordentlich fragwürdig.

Waren Sie denn als UBS-Verwaltungsrat gegen die Staatshilfe für die Grossbank?

Spuhler: Ich kann hier keine Auskunft geben, zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr im UBS-Verwaltungsrat.

Die Banken haben versagt: Da braucht es doch neue Regeln - auch zum Schutz der übrigen Wirtschaft?

Spuhler: Mit der Revision des Bankengesetzes, den höheren Eigenmittelvorschriften und der Leverage-Ratio hat man die richtigen Schritte unternommen. Mehr braucht es nicht. Der Finanzsektor ist die am stärksten regulierte Branche. Das hat die Krise nicht verhindert. Selbst unter der strengen Aufsicht der US-Börsenaufsicht SEC war der Milliardenbetrug von Bernard Madoff möglich. Mehr ist nicht immer besser, es braucht intelligente Lösungen.

Auch die Industrie ruft nach dem Staat. Reichen die Massnahmen von Wirtschaftsministerin Doris Leuthard, um die Konjunktur anzukurbeln?

Spuhler: Ich bin sehr skeptisch gegenüber Konjunkturprogrammen. Sie greifen fast immer am falschen Ort und zur falschen Zeit.

Bundesrätin Leuthard will mit einem zweiten Konjunkturpaket von bis zu 650 Mio Fr. der Rezession begegnen. Zweifeln Sie an der Wirkung dieser Massnahmen?

Spuhler: Grundsätzlich vertrete ich die Ansicht, dass der Staat der Wirtschaft optimale Rahmenbedingungen schaffen muss. Künstlich geschaffene Nachfrage ist falsch. Vertretbar finde ich, dass notwendige Investitionen vorgezogen werden, wie in der Dezembersession beschlossen wurde.

Braucht es auch für KMU keine Hilfen?

Spuhler: Genau. Die grösste Hilfe ist, wenn der Staat die administrative Belastung für die KMU herunterfährt. Leider läuft der Trend in die entgegengesetzte Richtung.

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Wie beurteilen Sie die konjunkturellen Aussichten für die Schweiz?

Spuhler: Der Werkplatz Schweiz hängt stark von der internationalen Konjunktur ab. Angesichts der Rezession in der EU, den USA und Japan wird auch auf uns ein schweres Jahr zukommen. Immerhin glaube ich, dass die Schweizer Industrie gut aufgestellt ist, um die Krise zu meistern. Ich erwarte, dass wir ab 2010 wieder aus der Rezession herauskommen.

Ist es für Industriefirmen und für KMU schwieriger geworden, von den Banken Kredite zu erhalten?

Spuhler: Die Statistik sagt, dass die Kreditvergabe in der Summe nicht zurückgegangen ist. Ich höre aber vermehrt von grösseren und kleineren Unternehmen, dass sie Mühe haben, Kredite zu bekommen. Die Banken müssen ihre volkswirtschaftliche Verantwortung unbedingt wahrnehmen und die Wirtschaft auch in schwierigen Zeiten mit Liquidität versorgen.

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Was bedeutet der Konjunkturabschwung für Ihre Gesellschaft?

Spuhler: Wir spüren bis heute keine negativen Auswirkungen. Aufgrund der Grossaufträge, die wir in letzter Zeit erhalten haben, verfügen wir in den nächsten drei Jahren über eine gute Auslastung. Uns trifft die Krise momentan noch nicht.

Profitieren Sie von Infrastrukturprogrammen?

Spuhler: Nein. Ich habe in meiner 20-jährigen Zeit als Unternehmer noch nie gehört, dass Schienenfahrzeuge bei Konjunkturprogrammen beschafft worden sind. Konjunkturprogramme beziehen sich immer auf den Ausbau von Verkehrs- und Energienetzen.

Wo wollen Sie wachsen?

Spuhler: Wir sind sehr stark aufgestellt im S-Bahn-Bereich, jetzt speziell auch mit dem Doppelstock-Konzept, das wir international durchsetzen. Auch im Strassenbahnbereich haben wir in den letzten zwei Jahren deutlich Boden gut gemacht. Wir konnten in Bochum-Gelsenkirchen, Lyon, München, Nürnberg, Bergen, Graz und Basel Aufträge gewinnen und uns gegen Konkurrenten wie Siemens, Bombardier und Alstom durchsetzen.

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Wie schaffen Sie es, sich als kleines Schweizer Unternehmen gegen die internationalen Konzerne durchzusetzen?

Spuhler: Anders als in der Autoindustrie ist Grösse in unserem Geschäft kein strategischer Vorteil. Wir können nicht mit möglichst grossen Stückzahlen die Kosten senken. Jeder Auftrag hat spezifische Anforderungen. Da können wir als Mittelständler punkten.