Er wird unterschätzt. Das ist der grosse Vorteil von Paul Bulcke. Unterschätzt von Medien und Finanzgemeinde. Das hat seine überraschende Wahl zum CEO des weltweit grössten Nahrungsmittelkonzerns gezeigt. Der Kurs fiel, die Medien- und Analystenwelt waren konsterniert, die Mitarbeiter dagegen klatschten. Bulcke kann nur gewinnen.

Am 10. April 2008 wird der bescheiden auftretende Belgier vom vor Selbstbewusstsein strotzenden Österreicher Peter Brabeck das Steuer des gut 100 Mrd Fr. schweren Tankers übernehmen, der Volldampf auf Kurs fährt. Der Kurs geht weiter in Richtung Nutrition-, Gesundheits- und Wellnesskonzern. Dabei wird 2008 vor allem auch auf die Ausserhausverpflegung gesetzt, die als eigene Geschäftseinheit, «Nestlé Professional», geführt wird. Bulcke wird bald Lösungen für die bisherigen Beteiligungen am Kosmetikhersteller LOréal und Augenheilmittelhersteller Alcon präsentieren müssen.

Am bisherigen Erfolgskurs von Nestlé war Bulcke zuletzt als Amerika-Chef (Nord- und Südamerika), der mit Abstand umsatz- und ertragsstärksten Region, massgeblich beteiligt. Nun kann er seine Erfolgsrezepte auf den ganzen Konzern übertragen. Dabei kann ihm keiner seiner Untergebenen etwas vormachen, wenn die angestrebten Ziele nicht erreicht werden. Denn Bulcke kennt den Konzern seit bald 30 Jahren in- und auswendig. Er war unter anderem Volontär im Marketing, übernahm Leitungsfunktionen in Chile, Peru und Ecuador, war Länderchef in Portugal, Tschechien und der Slowakei sowie in Deutschland.

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Frauen als Chance

Was sein österreichischer Vorgänger zehn Jahre lang bei Nestlé verpasst hat, kann der 53-Jährige nun nachholen: Endlich eine Frau in die Generaldirektion zu holen. Eine Stelle ist allerdings momentan nicht offen, aber das kann sich schnell ändern.

Kritisiert wurde in den Medien Bulckes Schwäche als Kommunikator in der Öffentlichkeit. In der Tat ist die öffentliche Show nicht seine Stärke, aber im persönlichen Gespräch zeigt der Genussmensch Witz und feine Ironie. Wenn sich Brabeck auf den Stuhl des Verwaltungsratspräsidenten zurückzieht, wird Bulcke seinen trockenen Humor auch öffentlich entfalten können, um Konsumentinnen und Konsumenten für sich und damit für den Konzern zu gewinnen.