Die Champagnerkorken knallten beim Öldienstleister Transocean, als im September das Loch tief auf dem Meeresboden endlich verschlossen wurde. Seit der Explosion auf der Bohrinsel Deepwater Horizon war fünf Monate lang Erdöl ins Meer gesprudelt. Die Anwälte bei Bernstein Litowitz Berger & Grossmann in Manhattan blickten derweil kaum von ihren Aktenbergen auf. Sie arbeiten an einer Sammelklage.

Die renommierte Kanzlei wirft der in der Schweiz ansässigen Transocean vor, ihre Investoren betrogen zu haben. Der Konzern, der die Tiefseeplattform für BP betrieb, habe das mehrfache Versagen des sogenannten Blowout Preventers, des Abdichtungskopfs bei Bohrungen, vertuscht. Die Katastrophe brachte den Transocean-Aktionären einen Verlust von über 15 Milliarden Franken an Marktkapitalisierung. Dies wollen sie einklagen.

Die diversen Ansprüche der Transocean-Aktionäre wurden auf eine Klage konsolidiert, wobei die New Yorker Kanzlei Bernstein Litowitz Berger & Grossmann die Federführung besitzt. Die Kanzlei gilt als Spezialistin für Sammelklagen und vertritt insbesondere institutionelle Investoren. Ihre Erfolgsbilanz kann sich sehen lassen. Allein 2009 erzielte sie in der Klage um die Fusion von Merrill Lynch und Bank of America eine aussergerichtliche Einigung von 150 Millionen Dollar. Für die Aktionäre des Pharmakonzerns Bristol-Myers-Squibb oder des Automobilzulieferers Delphi erstritt sie ebenfalls Millionen. Eine Anfrage der «Handelszeitung» um eine Stellungnahme zu den Transocean-Sammelklagen lehnte die Kanzlei ab.

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Transocean ist indes noch stärker in Bedrängnis. Anteilseigner des Unternehmens Global Santa Fe, das 2007 mit Transocean fusionierte, wollen ebenfalls Geld. Die Klägergruppe fühlt sich durch Prospekte und Börsenveröffentlichungen in Bezug auf die Sicherheitsstandards hinters Licht geführt. Den Fall führen bislang unter anderem die Kanzleien Scott & Scott sowie Kahn, Swick & Foti.

Neue Kläger tauchen auf

Es ist zu erwarten, dass der Prozess ebenfalls in die Hände von Bernstein Litowitz Berger & Grossmann gelegt wird, da die Argumentationslinie in beiden Fällen ähnlich ist. «Wir werden diesen Fall aggressiv verfolgen», schwört Anwalt Mike Swick, der eine Position als Nebenkläger anstrebt: «Schon als wir die erste Klageschrift erstellten, hatten wir schlagkräftige Argumente, weil Transocean keinen wirklichen Plan für einen Ölauslauf hatte. Seitdem schwoll die Beweisflut, dass Transocean für Kursverluste haftbar ist, an.»

Swick bezieht sich auf Dokumente, die nahelegen, dass BP schon 2000 Transocean eine «Benachrichtigung einer Leitungsstörung» ausstellte, weil das vollautomatische Ventilverschlusssystem, das Transocean auf BPs Discover-Enterprise-Bohrinsel einsetzte, fehlerhaft war. Dieses war von der texanischen Cameron International geliefert worden. Transocean montierte auch zehn Jahre später bei der Deepwater Horizon wieder ein solches Ventilverschlusssystem.

In der Sammelklage wird moniert, dass Transocean wiederholt Probleme mit den Ventilverschlusssystemen hatte und sich bewusst war, dass sie «eine Vielzahl von Toten und Millionen Liter Öl, die ins Meer fliessen», riskierte. «Das Management von Transocean entschloss sich, das Wissen um diese bekannten Risiken zu verschleiern, indem man 2009 und 2010 falsche und irreführende Angaben machte», heisst es in der Klageschrift. Dort wird ein Artikel des «Wall Street Journal» zitiert, in dem es heisst, dass im Golf von Mexiko laut Aufsichtsbehörde drei von vier Bohrinseln, die Sicherheitsmängel aufzeigten, von Transocean betrieben wurden. Dabei stellt Transocean in der Region insgesamt nur rund die Hälfte aller Bohrtürme, die tiefer als 1000 Meter bohren.

Es fehlten richtige Tests

Den Anwälten liegt zudem ein Papier aus dem Jahr 2008 vor. Dort warnt Jeff Shepard, Sicherheitsexperte von Transocean, dass «die Schubkolben des Ventilverschlusssystems Schwierigkeiten haben, die Stösse der heutigen extrem starken und stabilen Bohrgestänge auszuhalten». Schon ein Bericht von 2003 stellte die Zuverlässigkeit der Blowout Preventer in Frage, weil die Bohrunternehmen nicht über detaillierte Spezifikationen verfügten, die sie an die Hersteller weitergeben konnten. Zudem wurden die Ventilverschlusssysteme ohne grosse Tests ausgeliefert. Selbst bei einem Störfall wurde nicht nach Gründen geforscht. «Wegen des Zeitdrucks, die Ausrüstung schnell wieder einzusetzen, werden tiefere Analysen in der Regel nicht durchgeführt», so der Bericht.

Transocean dagegen gelobt noch heute auf seiner Internetseite unter dem Schlagwort Firmenphilosophie eine «Sicherheitsvision»: «Wir führen unsere Geschäfte in einem störfallfreien Arbeitsumfeld aus, immer und überall.» Das macht die Firma angreifbar.

«Es geht allein für Global-Santa-Fe-Aktionäre um mehrere Hundert Millionen Dollar», schätzt Swick. Oft ziehen sich Sammelklagen von Aktionären über drei bis fünf Jahre hin, wenn sich das Unternehmen nicht zu einer aussergerichtlichen Einigung entschliesst. Die erstrittene Summe wird dann auf alle Aktionäre, die im festgelegten Zeitraum die Aktien hielten, aufgeteilt - unabhängig davon, ob sie sich der Sammelklage angeschlossen hatten. Hauptgewinner werden aber die Rechtsanwälte sein - sie erhalten in der Regel ein Viertel der Schadenssumme.