Die Kapitalmärkte sind jüngst in ein unruhigeres Fahrwasser geraten. Sind damit die goldenen Zeiten im Banking zu Ende?

Urs Roth: Die Banken operieren wie alle Unternehmen in einem zyklischen Geschäft. Auch nach dem Börseneinbruch von 2002 waren die «goldenen Zeiten» kurzfristig vorbei.

Das tönt optimistisch. Erwarten Sie trotz den Turbulenzen in der Finanzindustrie ein weiteres Rekordjahr?

Roth: Da möchte ich nicht in die Kristallkugel schauen. Das Bankgeschäft dürfte sich aber mittelfristig weiter gut entwickeln.

Die Banken haben wieder zusätzliches Personal eingestellt, nachdem die Beschäftigtenzahl vor drei Jahren unter die Marke von 100000 gesunken war. Geht das im gleichen Stil weiter?

Roth: Ich bin zuversichtlich, dass sich dieser Aufwärtstrend auch im laufenden Jahr fortsetzen wird. Die bisherigen Meldungen aus der Branche deuten auf ein Nettowachstum der Beschäftigten hin.

Viele Banken klagen über einen Mangel an Spezialisten. Sorgt die erweiterte Personenfreizügigkeit mit den EU-Ländern nicht für eine Entspannung am Arbeitsmarkt?

Roth: Ja, das Freizügigkeitsabkommen mit der Europäischen Union war für uns sehr wichtig. Wir können damit auch vermehrt Spezialisten aus diesem Raum rekrutieren. Das allein genügt aber nicht. Wir brauchen auch qualifiziertes Personal aus den USA, Indien und anderen Weltgegenden. Deshalb drängen wir auf eine weitere Liberalisierung bei den Anstellungsmöglichkeiten. Mit dem Swiss Finance Institute leisten wir auch selber einen Beitrag zur Weiterbildung, um damit talentierte Kräfte in der Schweiz auszubilden.

Die Umstellung auf eine neue Generation von IT-Systemen und Abwicklungsprozessen hat in der Finanzindustrie erst begonnen. Wird das in naher Zukunft zum Abbau von Arbeitsplätzen führen?

Roth: Die Umstrukturierung findet laufend statt. Wir beobachten eine Industrialisierung insbesondere im Backoffice aber auch im Retailgeschäft. Diese Effizienzsteigerung wird sich fortsetzen. Es wird zu einer Aufsplittung der Wertschöpfungskette kommen. Das wird bei den Banken teilweise zum Abbau von Arbeitsplätzen führen, da die industrialisierten Prozesse an günstigeren Standorten mit lokalem Know-how effizienter durchgeführt werden können. Gleichzeitig werden bei den Beratungsdienstleistungen aber neue Arbeitsplätze entstehen, die den Jobverlust im Backoffice mehr als kompensieren.

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Wird die Verlagerung von Arbeitsplätzen zum Dauerzustand werden?

Roth: Ja, innerhalb und ausserhalb der Landesgrenzen.

Die Schweiz hat sich eine starke Stellung bei den Dach-Hedge-Funds erobert. Im Markt für Einzelprodukte liegt sie zurück. Erwarten Sie mit dem neuen Kapitalanlagengesetz (KAG) eine Aufwärtsbewegung für die schweizerischen Hedge-Fonds?

Roth: Mit dem KAG wurde ein gutes Gesetz geschaffen, das uns die Grundlage für neue Rechtsformen bietet, die mit den Limited Partnerships im angelsächsischen Raum schon seit längerem bestehen. Diese juristischen Voraussetzungen für Gesellschaften im Bereich Private Equity und Hedge Funds sind nun auch in der Schweiz vorhanden. Auf der steuerlichen Seite haben wir ebenfalls gewisse Fortschritte gemacht. Trotzdem sind wir auf halbem Weg stehen geblieben. Für die Manager dieser Vehikel wurde steuerlich keine konkurrenzfähige Regelung gefunden, insbesondere im Vergleich zu London und New York. Wir müssen beim sogenannten Carried Interest zu einer Lösung kommen, die internationalen Massstäben entspricht. Dies umso mehr als wir bereits eine gute Basis für Single Hedge Funds haben und dank der Nähe zum Vermögensverwaltungsgeschäft, die Anlagevolumen aufweisen. Der vorhandene Anlagepool für solche Instrumente ist also äusserst attraktiv.

Wie hoch muss die Steuer auf das Carried Interest angesetzt sein?

Roth: Um gegenüber London gleich lange Spiesse zu haben, müsste diese Steuer zwischen 10% bis 15% liegen.

Erkennen Sie bei den Steuerbehörden die Bereitschaft in diesem Bereich etwas zu bewegen?

Roth: Die Eidgenössische Steuerverwaltung hat uns bisher nicht unterstützt. Aus ihrer Sicht kann man dies auf der Ebene der Bundessteuern nicht durch eine Interpretation des Gesetzes lösen. Wir sind aber weiter daran, die nötige Überzeugungsarbeit zu leisten. Zudem haben wir den Kontakt mit den Kantonen aufgenommen, um wettbewerbsfähige Lösungen bei den kantonalen Gesetzen zu diskutieren.

Einzelne Kantone könnten eine Vorreiterrolle einnehmen. Nützt das etwas, wenn der Bund nicht nachzieht?

Roth: Natürlich. Wir sind an Lösungen interessiert, wie immer die auch aussehen.

Einige Hedge-Fonds sind wegen dem Kurssturz an den Aktienmärkten und den steigenden Zinsen in die Bredouille geraten. Ist es bei solchen Reputationsverlusten überhaupt wünschenswert, wenn die Schweiz zu einem wichtigen Produktionsstandort für solche Vehikel wird?

Roth: Ja, das wäre wichtig für die künftige Stärkung des Finanzplatzes Schweiz. Hedge-Fonds sind zyklische Produkte, die bei heftigen Turbulenzen am Kapitalmarkt vorübergehend in Schwierigkeiten geraten können. Das hängt auch vom jeweils gewählten Geschäftsmodell ab. Je nach gewählter Strategie werden einige stärker belastet sein, andere aber von der Marktentwicklung profitieren. Hedge Funds und Private Equity tragen insgesamt zur Risikodiversifikation bei.

Die Schweiz gilt als «Safe-haven», dem die Gelder in unsicheren Zeiten zufliessen. Bei den jetzigen Verwerfungen am Kapitalmarkt ist der Wechselkurs des Schweizer Frankens gegenüber den anderen Währungen nicht nach oben geschnellt. Ist der Finanzplatz für eine internationale Kundschaft weniger attraktiv?

Roth: Nein, das glaube ich nicht. Der Schweizer Franken hat seine «Safe haven»-Funktion sicher zu einem gewissen Grad eingebüsst. Das ist positiv, denn bei Turbulenzen an den Kapitalmärkten wird der Frankenkurs nicht automatisch durch massive Geldzuflüsse nach oben getrieben.

Aber die Kundschaft wird anspruchsvoller. Sie sucht eine gute Performance. Können die Schweizer Banken im internationalen Wettbewerb mithalten?

Roth: Wir haben unseren Anteil von rund 28% am internationalen Vermögensverwaltungsgeschäft halten können. Dies auch dank Neugeldzufluss. Die Konkurrenz ist aber härter geworden. Das stärkste Wachstum findet im Bereich der institutionellen Vermögensverwaltung statt. Bei den internationalen Anlegern entfallen bereits 60% auf institutionelle Kunden.

Welche Rolle spielt das Bankgeheimnis?

Roth: Der Schutz der Privatsphäre bleibt bei den Privatkunden und den institutionellen Investoren wichtig.

Im Rahmen der Terrorbekämpfung wird das Bankgeheimnis aber immer wieder geritzt. Führt das nicht zu einem Erosionsprozess?

Roth: Diese Gefahr besteht natürlich. Hier muss man wachsam bleiben. Insbesondere in der internationalen Rechtshilfe gilt es klare Abläufe und unsere Rechtsprinzipien einzuhalten.

Erwarten Sie weitere Vorstösse zur Abschaffung des Bankgeheimnisses, speziell von Seiten der OECD?

Roth: Derzeit sehen wir keine besonderen Gewitterwolken am Horizont. Die Schweiz ist auf keiner schwarzen Liste der OECD.

Um das Zinsbesteuerungsabkommen mit der EU ist es ruhig geworden. Ist Brüssel mit den abgelieferten Beträgen zufrieden?

Roth: Es gab jedenfalls keine Kritik aus den EU-Ländern. Die Schweiz hat das Abkommen mustergültig umgesetzt.

Wie viel floss in die EU-Kassen?

Roth: Für das letzte Jahr wurden insgesamt 400 Mio Fr. an die Mitgliedsländer der Europäischen Union abgeliefert.

Wie stark sind die Schweizer Banken von der neuen EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID) tangiert?

Roth: Die Schweiz muss die MiFID nicht umsetzen. Die Bankenkommission hat sich in diesem Sinn ganz klar geäussert. Banken mit Niederlassungen in der EU müssen MiFID bei den Tochtergesellschaften befolgen. Das gilt aber nicht für Geldinstitute, die ausschliesslich im Inland tätig sind. Es ist nicht auszuschliessen, dass die EU-Kundschaft bei Banken in der Schweiz gewisse Erwartungen hat. Somit könnten gewisse Anpassungen an MiFID erfolgen. Das Schweizer Recht könnte im einen oder anderen Fall die guten Seiten von MiFID übernehmen.

Bei der MiFID-Regelung werden die Kosten beim Vertrieb offen gelegt. Wird diese Transparenz auch bei uns kommen?

Roth: Die Kundenbedürfnisse werden letztlich über die Details bei der Kostentransparenz entscheiden. Die MiFID-Regelung dürfte nicht tel quel übernommen werden, weil darin auch Regeln enthalten sind, die der Kunde nicht braucht.

In der Schweiz wird eine neue integrierte Finanzmarktaufsicht (Finma) vorbereitet. Wann ist sie bereit?

Roth: Am 1. Januar 2009.

Was heisst das für die Banken?

Roth: Das Finma lässt die Bankengesetzgebung im Wesentlichen unverändert. Die Finma orientiert sich stark am EBK-Modell. Für den Bankensektor gibt es keine revolutionären Änderungen.

Bei den Börsen hat weltweit ein Konzentrationsprozess eingesetzt. Kann sich die Schweiz heraushalten, weil die SWX Swiss Exchange als Verein organisiert ist?

Roth: Die Börse, das Settlement und Clearing ebenso wie die Zahlungsverkehrsorganisation bleiben im Eigentum des Bankensektors. Unser Finanzplatz braucht eine eigene Infrastruktur, die höchsten Ansprüchen genügt.

Aber ist der Alleingang die Lösung?

Roth: Mit dem gewählten Modell sind Partnerschaften möglich. Die Marktteilnehmer erwarten Effizienz und konkurrenzfähige Preise. Dies wird durch eine starke schweizerische Infrastruktur gewährleistet.

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Steckbrief

Name: Urs Roth
Funktion: CEO Schweizerische Bankiervereinigung
Alter: 60
Ausbildung: Doktorat Rechtswissenschaften Universität Zürich; Anwaltspatent
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Swiss Banking

Aufgabe
Die Bankiervereinigung vertritt die Interessen der Banken gegenüber in- und ausländischen Behörden. Zum Arbeitsgebiet zählt auch die Selbstregulierung in Absprache mit den Regulatoren ebenso wie die Nachwuchsförderung.