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Urs Schaeppi: «Netzausbau wird länger dauern»

Urs Schaeppi
Swisscom-Chef Urs Schaeppi zum Start des 5G-Netzes: «Der Ausbau wird viel länger dauern.»Quelle: Keystone.

Die Konkurrenz setzt Branchenprimus Swisscom unter Druck. Mit Hightech-TV, Netzqualität und Cloud-Angeboten will Chef Urs Schaeppi kontern.

Von Stefan Barmettler
am 12.04.2018

Konkurrent Salt hat ein Preisbrecher-Angebot für super schnelles Internet, TV, Mobile und Festnetz. Wie weh tuts?
Der Schritt war seit längerem erwartet worden und zeigt, dass der Wettbewerb auf allen Ebenen wie auch auf der der Infrastruktur spielt und dass der Druck in der Branche weiter zunimmt.

Die Swisscom-Aktien sind unter Druck.
Kurzfristige Kursausschläge sind schwierig zu interpretieren, da spielen viele Faktoren rein. Wir sind gut aufgestellt, flächendeckend präsent und unsere Aussichten sind intakt.

Sie haben als Reaktion die Preise des Bündel­angebots Ihrer Marke Wingo gesenkt. Genügt das?
Mit unserer Zweitmarke Wingo sprechen wir seit Jahren gezielt jüngere, digitalaffine und urbane Kunden an. Diese Positionierung kommt Salt am nächsten. Mit diesem Schritt haben wir ein vergleichbares Konvergenzangebot im Markt.

Die Konkurrenz macht einen immer besseren Job. Salt gibt Gas, Sunrise hat ein gutes Netz und gute Zahlen.
Das ist so, aber wir auch. Deshalb hat Swisscom die Umsatzmarktanteile gehalten. Im Mobilbereich haben wir sogar leicht zugelegt – weil unsere Performance gut ist.

Aber Sie sind stärker unter Druck als auch schon.
Heute haben wir einen viel höheren Wettbewerbsgrad in unserer Branche, das ist richtig. Wir behaupten uns dank Innovation, Qualität und Kundenservice gut und können unsere Marktanteile stabil halten, ja sogar steigern; beispielsweise bei TV oder in Segmenten des Geschäftskunden­marktes.

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Der Ständerat hat Ihnen kürzlich einen Strich durch die Rechnung gemacht und die Lockerung der Mobilfunkgrenzwerte abgelehnt. Was lief falsch?
Die Branche konnte den Ständerat nicht über­zeugen, dass eine Lockerung der Grenzwerte keine Gesundheitsgefährdung bedeutet. Die vorgeschlagene moderate Anhebung der Grenzwerte wäre immer noch dreimal unter dem Vorsorgewert der WHO gelegen, der in den meisten Ländern ­Europas gilt.

Die Folgen?
Der Netzausbau wird viel länger dauern und das Potenzial von 5G wird nicht voll erschlossen werden können.

Sie wollten Ende Jahr mit schnellen 5G-Verbin­dungen loslegen. Ihr Plan ist jetzt Makulatur?
Den ursprünglichen Fahrplan können wir so nicht einhalten. Der Entscheid heisst, dass wir substanziell mehr Antennen bauen müssen. Dies macht man nicht ohne Einsprache; im Einzelfall kann ein Bewilligungsprozess zwei bis drei Jahre dauern.

Ein Jahr Verzögerung beim Ausrollen von 5G?
Wir halten am Plan fest, bis Ende 2018 erste Orte mit 5G auszurüsten. Die Branche wird in der Schweiz gewisse technische Möglichkeiten jedoch nicht nutzen können, die 5G bietet. Es geht nicht nur um mehr Bandbreite und Kapazitäten, sondern auch darum, dass wir keine spezifischen Leistungen auf einen einzelnen Kunden ausrichten können, damit er mehr Bandbreite erhält. Dies bedeutet für die Kundschaft eine reduzierte Servicequalität.

Sie haben sicher einen Plan B?
Klar. Er ist simpel. Wir werden viel mehr Standorte für neue Antennen suchen müssen – das braucht Zeit und Geld.

Wie viele zusätzliche Antennen? Heute sind es 300 Stück im Jahr.
Exakte Zahlen will ich keine nennen. Was ich ­sagen kann: Der Ausbau wird viel teurer. Weil sich das Datenvolumen auf dem Netz fast jedes Jahr verdoppelt, sind wir mit Hochdruck am Ausbau, zumal wir auf drei bis vier Jahre hinaus planen und bauen müssen

Wie hoch wird Ihr zusätzlicher Investitionsbedarf?
Wir reden von deutlichen Mehrinvestitionen. Die Konkurrenten haben dasselbe Problem; auch sie müssen mehr investieren.

 

Video zu 5G: Was ist das und weshalb ist es wichtig?

Swisscom hat ein strategisches Problem: Hohe ­Investitionen und sinkende Erträge. Zudem sind die Margen unter Druck. Richtig?
Im Telekommarkt wachsen die Volumen und unsere Leistungen werden immer relevanter für unsere Kunden. Es gibt also immer mehr Datenvolumen, immer mehr SIM-Karten, immer mehr Vernetzung. Gleichzeitig sinken die Preise, auch in der Schweiz, und zwar substanziell.

Die Nachfrage wäre also vorhanden, doch die Preise brechen ein. Was tun im strategischen Dilemma?
Man muss erstens im Kerngeschäft liefern, indem man einen super Service, überlegene Produkte und ein umfassendes Netz bietet. Daneben muss man neue Wachstumsfelder erschliessen. In diesem ­Bereich kreieren wir jährlich ein Wachstum in dreistelliger Millionenhöhe. Dem steht ein Umsatz­zerfall im Kerngeschäft gegenüber. Ich erwähne nur den Rückgang beim Festnetz, bei den Telefonkabinen, bei den Roaming-Gebühren. Mein Fazit: Obwohl wir sehr gut wachsen, schaffen wir es zurzeit nicht ganz, die Ausfälle voll zu kompensieren.

Sie wollen kompensieren, indem Sie viele Ideen lancieren – E-Health, Chat-App IO, Spendenvermittlungsplattform Letshelp, Überwachungs-App Petfinder. Nach einiger Zeit wird ein Grossteil der Projekte eingestellt.
Das bestreite ich. Was Sie aufzählen, sind nicht die grossen Themen. Diese sind beispielsweise Cloud, IT-Dienstleistungen, Swisscom TV – und hier haben wir uns eine starke Position erarbeitet. Zum Stichwort E-Health: Da sehen wir ein grosses Potenzial, etwa in der digitalen Vernetzung von Spitälern. Das bringt uns ein schönes Wachstum im B2B. Aber wie gesagt, das Cloud-Geschäft ist wichtiger – und da sind wir heute gut aufgestellt.

Oder das Projekt Swisscom Energy Solutions, das nicht in die Gänge kommt?
Gutes Beispiel. Das ist eine prämierte Lösung, jetzt gehen wir damit ins Ausland.

Weil es in der Schweiz nicht vorwärtsgeht?
Im Venture-Geschäft ist es so: Erfahrungsgemäss wird die Strategie drei- oder viermal geändert, bis man Erfolg hat. Da gehts um Exploration. Wir sind in den Energiemarkt eingestiegen, weil er viel ICT-Potenzial hat. Die Energieversorgung zu managen, da setzt Swisscom Energy Solutions ein. Weil sich der Markt in der Schweiz nur langsam liberalisiert und wir deshalb nicht schnell genug wachsen, sind wir mit unserem Angebot ins Ausland, nach Frankreich und Deutschland.
 
Den Vorwurf, Swisscom schiesse mit der Schrot­flinte, lassen Sie nicht gelten?

Das ist ein Vorwurf ohne Basis. Der rote Faden bei Swisscom sind Telekommunikation und IT-Dienstleistungen. Da fokussieren wir uns auf skalierbare Produkte und Marktbereiche. Klar, von Journa­listen werden wir gerne auf ein paar Angebote ­reduziert, die zwar visibel sind, aber letztlich unbedeutend. Und andere Innovationen, die am Anfang klein sind, bauen wir ins Angebot ein. Doch das bleibt oft unbemerkt. Nehmen wir unsere Aktivi­täten in der Spracherkennung. Sie fragen jetzt ­sicher, weshalb musste Swisscom da auch noch rein. Meine Antwort: Wir sind am Optimieren der Software und bauen das Feature ins Gesamtport­folio ein, etwa bei Swisscom TV. So vereinfachen wir die Benutzung.

Man hat eher den Eindruck, Sie fangen den ­Rückgang beim Umsatz nicht durch Neugeschäft, sondern durch Kostensenkung beim Personal ab.
Falsch. Richtig ist, wir stecken in einer Transformation. Es gibt Bereiche, da kreieren wir über 100 Millionen Franken Wachstum pro Jahr. Dann gibt es Bereiche, die rückläufig sind. Das heisst, wir bauen in einigen Bereichen ab, gleichzeitig rekrutieren wir jährlich extern rund tausend Mitarbeitende. Wir ­beschäftigen aktuell in der Schweiz mehr Mitarbeitende als vor fünf Jahren.

Swisscom
Swisscom-Shop: Die Aktie des Unternehmens ist seit Anfang Jahr um 15 Prozent eingebrochen.
Quelle: Keystone

Nochmals: Sie reissen viel an, aber fehlt am Schluss nicht der Wille, um etwas durchzuziehen? Mit Bluewin TV ist Swisscom früh ins TV-Geschäft, man hat sich durchgebissen – und ist heute erfolgreich mit Swisscom TV.
Wir bleiben vielenorts dran. Schauen Sie sich unsere Marktposition im ICT-Geschäft im Geschäftskundenmarkt an. Da haben wir uns eine starke ­Position erarbeitet und ich erinnere mich gut an gleich kritische Fragen Ihrer Kollegen. Oder im Cloud-Bereich sind wir breit eingestiegen und ­haben heute eine gute Marktposition. Dasselbe bei Swisscom TV, da bauen wir laufend aus. Ich könnte viele weitere Angebote aufzählen, die wir mit Konsequenz und Investitionen vorantreiben. Reden Sie mit Analysten und Investoren. Da höre ich: Swisscom ist einer der besten Telcos weltweit.

In welchem Zukunftsfeld wachsen Sie am stärksten?
Ein wichtiger Bereich ist Cloud, da werden wir von den Experten von Gartner als einer der grossen ­Anbieter wahrgenommen. Wachstum haben wir auch bei den IT-Dienstleistungen für Geschäftskunden, die wir in den letzten Jahren massiv ausgebaut haben. Weiter setzen wir auf das TV-Geschäft, auch das floriert. Selbst in kleineren Bereichen legen wir zu, etwa im Zubehörgeschäft, das wächst sogar gut. Dieses und andere Wachstumsbereiche sind im ­Vergleich zu Cloud, IT-Dienstleistungen oder TV viel kleiner. Für mich ist zentral, dass wir im Kern­geschäft und im Kern-Nebengeschäft performen. Da liegt unser Fokus.

Swisscom verkauft sich als Premium-Anbieter. Da hat die Qualität in den letzten Wochen nicht ­gestimmt. Datenleck hier, Unterbruch dort.
Wir hatten einen schlechten Start ins Jahr; das hat mich geärgert. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns bei der Qualität laufend verbessert haben. Letztes Jahr hatten wir beispielsweise 30 Prozent weniger Ausfallminuten bei Internetdiensten für Privatkunden als im Jahr zuvor. Swisscom hat eine hohe Qualität und wir engagieren uns jeden Tag, die Qualität weiter zu steigern.

Und 2018 folgt der Taucher?
Nein, die Ausfallminuten sind in den ersten Wochen von 2018 um weitere 15 Prozent gefallen. Auch in anderen Bereichen steigt die Verfügbarkeit; das ist wichtig. Aber bei der Telefonieplattform für KMU hatten wir einen harzigen Start mit Qualitätsproblemen; dafür entschuldige ich mich.

Empirisch haben Sie sich verbessert, aber in der Perzeption bleibt der gegenteilige Eindruck, richtig?
Die Kundenansprüche an die Verfügbarkeit steigen laufend. Die Kunden wünschen sich Always-on-Verfügbarkeiten. Es ist für uns der Ansporn, noch mehr auf die Verfügbarkeit und Sicherheit zu ­achten.

Sie haben den Datenschutz vernachlässigt?
Der im Februar kommunizierte Datenklau von Kontaktdaten zeigt, dass wir unzureichend geschützt waren. In der Zwischenzeit haben wir ­Verbesserungsmassnahmen eingeleitet. Über alles gesehen ist unser Datenschutz auf hohem Niveau. Wir tun viel dafür, aber wir müssen weiter zulegen. Der Schutz der Kundendaten ist uns sehr wichtig. Was vor drei oder vier Jahren gut war, genügt heute nicht mehr, weil die Angreifer jeden Tag hoch­rüsten und damit gefährlicher werden.

Die Kunden sind sensitiver und reagieren schnell, wenn etwas nicht funktioniert.
In unserem Geschäft wird man nie eine 100-prozentige Verfügbarkeit und Datenschutzsicherheit hinkriegen. Denken wir daran: Wir nehmen alle drei Minuten einen Eingriff in unseren Netzen vor. Bei einer derart hohen Veränderungsrate wird ab und zu etwas nicht optimal funktionieren. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass die Kundschaft heute nicht mehr akzeptiert, wenn ein Internet­anschluss oder ein Handy einige Minuten ausfällt.

Ihr nächstes grosses Ding?
Das nächste grosse Ding ist die Digitalisierung und die Vernetzung mit ICT-Leistungen.

Internet of Things?
Damit werden wir zweifellos wachsen. Wir werden in vier bis fünf Jahren 200 Millionen Geräte haben, die miteinander kommunizieren. Wenn wir hier die SIM-Karten liefern und für Connectivity sorgen, dann schenkt das ein. Was ich sage: Es wird eine Vielzahl an neuen Geschäften in der Zukunft geben, die Wachstum generieren.

Besteht nicht die Gefahr, dass Telekomfirmen zum «Wasserversorger» werden, zum Anbieter einer nicht differenzierbaren Basisinfrastruktur? Das lukrative Geschäft angeln sich Facebook, Google oder Apple?
Es ist unsere Strategie, dies zu verhindern. Das tun wir, ­indem wir uns differenzieren und Zusatzdienstleistungen bieten. Der Kunde will nicht einfach einen Internet­anschluss, sondern ein gutes und einfaches Kundenerlebnis. Nehmen wir Swisscom TV: Wir lancierten vor drei ­Jahren eine neue Cloud-TV-Plattform, die ganz viele Funktionalitäten aufweist. Der Kunde ist so zum eigenen Programmdirektor geworden. Er kann zeitversetzt Sen­dungen schauen, auf einfache Art Filme speichern, über Sprach­erkennung Filme auswählen, dann offerieren wir die Film-Bibliothek von Teleclub, einen einfachen Zugang zu Net­flix. Swisscom ist zum TV-Aggregator geworden, der das Entertainment-Erlebnis der Kunden orchestriert.

Da stehen Sie im Wettbewerb nicht mit Salt oder Sunrise, sondern mit Konzernen wie Liberty Global. Genügt da Ihre Einkaufsmacht und Grösse?
Es geht auch um Innovation und gute Produkte. Ich bin überzeugt, dass wir wettbewerbsfähig sein werden. Wir ­gewinnen Marktanteile im TV-Geschäft, wo bereits heute globale Anbieter tätig sind.

Wer Netflix oder Zattoo verwendet, der benützt zwar die ­Leitung von Swisscom, aber auf den Rest kann er verzichten.
Es wird eine kleine Zahl von Kunden geben, die so re­agieren. Eine grosse Mehrheit will eine möglichst breite Vielfalt von Angeboten aus einer Hand. Nehmen Sie den Sportrechtemarkt: Da gab es ein paar wenige Anbieter. In den letzten Jahren hat sich dieser Markt total fragmentiert. Für die Kundschaft ist das ein Ärgernis, denn sie will nicht mit drei, vier verschiedenen Anbietern Verträge für Sportübertragungen abschliessen. Wir dagegen bieten einen einfachen Zugang zu einer breiten Angebotspalette an. Wir bleiben erfolgreich, wenn wir auf der Plattform weiter sehr innovativ sind. Dazu gehört, dass wir immer mehr personalisierte Features einbauen, sodass man das Angebot auf der Basis von persönlichen Bedürfnissen konfigurieren kann.