Wells-Fargo-Chef John Stumpf dürfte nicht schlecht gestaunt haben, als er letzte Woche seine Mails durchging. In einem Brief forderte ein einfacher Angestellter in Portland eine Lohnerhöhung von 10'000 Dollar im Jahr für sich und seine knapp 300'000 Mitarbeiter. Von etwa 200'000 von ihnen hatte er zuvor in mühsamer Kleinarbeit die E-Mail-Adressen rausgesucht, um sie mit in die CC-Zeile zu nehmen.

«Mit Blick auf die steigende Einkommensungleichheit in den USA hat Wells Fargo die Möglichkeit, als Pionier neue Massstäbe zu setzten», beginnt der Brief des 30-jährigen Tyrel Oates, der seit sieben Jahren für Wells Fargo arbeitet. Die Bank könne als gutes Beispiel vorangehen und zeigen, dass eine Firma auch dann profitabel sein kann, «wenn sie sich nicht nur um die Kunden und Aktionäre kümmert, sondern auch um die Angestellten».

«Ein Bruchteil des Gewinns»

Mit einem Gewinn von 5,7 Milliarden Dollar im zweiten Quartal sei Wells Fargo zur Zeit eine der stärksten Firmen der USA, schreibt Tyrel Oates. «Weshalb sollen nicht alle Angestellten davon profitieren?» Er, John Stumpf, habe im letzten Jahr immerhin 19 Millionen Dollar eingestrichen. «Das ist mehr als die meisten Angestellten in ihrem ganzen Leben kriegen werden.»

Anzeige

Eine Lohnerhöhung von 10'000 Dollar für alle Mitarbeiter würde im Jahr rund drei Milliarden Dollar kosten, rechnet Oates vor. «Eine kleiner Bruchteil des Gewinns von Wells Fargo». Und doch wäre es damit möglich, die Mitarbeiter finanziell abzusichern und sie so glücklicher und produktiver zu machen, glaubt der Angestellte.

Keine Angst vor Entlassung

Wie CEO John Stumpf auf den Brief reagiert hat, ist nicht bekannt. Um Tyrel Oates ist jedoch vor allem in den USA ein regelrechter Medienhype entstanden. Im Interview mit dem US-Wirtschaftsmagazin «Business Insider», sagt Oates, dass er keine Angst habe, wegen der Aktion seinen Job zu verlieren. Vielmehr sei er überwältigt von den positiven Reaktionen seiner Kollegen: «Von Hunderten Antworten waren nur zwei negativ.»

Tyrel Oates verdient nach eigenen Angaben rund 15 Dollar pro Stunde. Doch es geht im um mehr, als um den eigenen Lohn. Die E-Mail-Adressen seiner Kollegen habe er während zwei Wochen in der Mittagspause zusammengesucht, so Oates im Interview. «Die meisten Amerikaner sind im Verhältnis zu den Gewinnen ihrer Arbeitgeber unterbezahlt.» Darauf habe er aufmerksam machen wollen.

Aufruf zur Geschlossenheit

In der Mail richtet sich Oates auch direkt an seine Mitarbeiter. «Nur weil Wells Fargo die Bildung von Gewerkschaften verbietet, bedeutet dies nicht, dass wir nicht geschlossen handeln können.» Es sei an der Zeit, eine gerechte Entlohnung zu fordern. «Und während die Stimme einer einzelnen Person in dieser Welt wie ein Flüstern erscheinen mag, können die Stimmen von uns allen Berge versetzen.»