Im Herbst hatte die Schweiz über 1:12 abgestimmt. Die Initiative der Juso wurde bekanntlich klar abgelehnt – vermutlich auch, weil die wirtschaftliche Ungleichheit hierzulande kleiner ist als in vielen anderen entwickelten Volkswirtschaften. So konzentriert sich in den USA etwa der Gossteil des Wohlstands vor allem bei den Reichsten der Gesellschaft.

Einen neuen Beleg für die wachsenden wirtschaftlichen Unterschiede in der grössten Volkswirtschaft der Welt lieferte nun die Vereinigung der Gewerkschaften in den USA. AFL-CIO wertete eigenen Angaben zufolge Zahlen von rund 350 Unternehmen aus, die im Aktienindex S&P 500 vertreten sind. Das Ergebnis: Ein durchschnittlicher S&P-Geschäftsleiter verdiente im vergangenen Jahr rund 11,7 Millionen US-Dollar. Ein Mitarbeiter hingegen bekam im Schnitt gut 35'200 Dollar. Unterm Strich heisst das: Die Geschäftsleiter (CEO) der grossen Konzerne erhielten 2013 rund 331-mal mehr Lohn als ihre Beschäftigten.

Die Erhebung zeigt zudem: Oracle-Chef Larry Ellison und Tesla-Lenker Elon Musk strichen im vergangenen Jahr mit über 37'000 Dollar mehr Geld in einer Stunde ein als ein durchschnittlicher amerikanischer Beschäftigter im gesamten Jahr.

Angst vor der Erosion der Mittelschicht wächst in den USA

Im Vergleich zum Vorjahr sank das Gesamtverhältnis zwar leicht: 2012 verdiente ein CEO noch 354-mal mehr als ein durchschnittlicher Angestellter. Laut AFL-CIO ist dieser Rückgang jedoch lediglich auf gesunkene Zinsen zurückzuführen, die den Gegenwert der künftigen Pensionen der Geschäftsleiter senkte – und nicht auf reale Lohnsenkungen. Auf lange Sicht sei der Trend laut Gewerkschaftsverband nicht von der Hand zu weisen: Noch 1983 lag das Verhältnis bei 46:1, stieg 1993 auf 195:1 und erreichte vor zehn Jahren bereits 301:1.

Anzeige

Die Zahlen der Vereinigung der Gewerkschaften befeuern in diesen Tagen in den USA bereits die Gerechtigkeitsdebatte, die immer höhere Wellen schlägt. Die Angst vor einer Erosion der Gesellschaft ist gross: Laut einer Umfrage des Dienstleisters Gallup fühlen sich nur noch 55 Prozent der Amerikaner der Mittelklasse zugehörig. Kurz vor Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 lag dieser Wert noch acht Prozentpunkte höher.

Gerechtigkeitsfrage wird heiss diskutiert

Unterstützung erfahren die Gewerkschaften in den USA derzeit von einem französischen Wirtschaftswissenschaftler. Thomas Piketty ist der führende Ökonom in Sachen Ungleichheit und Autor des kürzlich erschienenen Bestsellers «Capital in the 21. Century». Seinen Forschungsergebnissen zufolge partizipierte das Gros der amerikanischen Gesellschaft von der wirtschaftlichen Erholung nach der Finanzkrise nicht. Vor allem das reichste ein Prozent konnte seinen Wohlstand mehren (siehe Grafik).

Börsenaufsicht SEC will Kennziffer veröffentlichen lassen

Entsprechend nachvollziehbar sind die Bemühungen der Börsenaufsicht SEC. Sie will Unternehmen dazu bringen, das Verhältnis der Saläre innerhalb einer Firma offenzulegen. Eine entsprechende Regel ist seit Herbst auf dem Weg: So soll künftig das Gehalt des Geschäftsleiters ins Verhältnis gesetzt werden zum mittleren Lohn aller Mitarbeiter – und im Geschäftsbericht ausgewiesen werden.

Doch wird diese Kennziffer etwas an der Ungleichheit ändern? Nach Ansicht von Bloomberg-Kolumnist Matt Levine nicht. Ein Grund: Aktionäre sind nicht auf der Seite der Mitarbeitenden, glaubt er. Eher würde eine solche Kennzahl dazu führen, dass Unternehmen die Gehälter ihrer CEOs erhöhen, wenn sie sehen, dass Wettbewerber besser zahlen, argumentiert Levine.

Ungleichheit in der Schweiz geringer

Die Kompensationszahlen aus den USA zeigen gleichzeitig, dass die Schweizer Saläre noch immer relativ ausgeglichen sind. Dies gilt nicht nur, weil der Durchschnittslohn hierzulande deutlich höher. Auch die Topgehälter sind niedriger als in den USA: So verdiente der Geschäftsleiter eines im Aktienindex SMI vertretenen Unternehmen 2013 im Schnitt knapp 7 Millionen Franken.

Anzeige

Spitzenverdiener war demnach Steven Newman, der 13,94 Millionen Dollar nach Hause nahm – umgerechnet rund 12,3 Millionen Franken. Im Gegensatz zum bestbezahlten S&P-Manager backt aber auch der Chef des Mineralölkonzerns Transocean vergleichsweise kleine Brötchen: Oracle-Lenker Larry Ellison erhielt 2013 gut 78 Millionen Dollar Entschädigung.