Seit Ausbruch der Finanzmarktkrise im Jahr 2007 hat Liquidität wieder Top-Priorität. Institutionelle Anleger, die in Illiquiditätsfallen tappten, investieren vermehrt in leichter realisierbare Anlageformen. Insbesondere Hedge-Fonds sehen sich gezwungen, vermehrt in liquidere und unabhängigere Produkte zu investieren. Dabei entdecken sie Exchange Traded Funds (ETF) zunehmend als effiziente Liquiditätsgaranten.

Europa hinkt den USA hinterher

In den USA haben sich Hedgefonds bereits als grösste Nutzniesser von ETF etabliert, bestreiten sie doch mehr als 30% der täglichen ETF-Börsenumsätze. Europa dürfte einen ähnlichen Weg einschlagen, auch wenn wir hier noch weit entfernt von US-Verhältnissen sind. Während die täglichen Börsenumsätze in Übersee rund 10 bis 12% der verwalteten Vermögen ausmachen, sind es hier lediglich 1%. Auch volumenmässig hat Europa noch grosses Aufholpotenzial. Das europäische ETF-Vermögen erreicht mit 250 Mrd Dollar lediglich ein Drittel der 850 Mrd Dollar in den USA gemanagten ETF-Assets.

Erstaunlicherweise brillieren Europas ETF-Märkte jedoch mit einer weit höheren Vielfalt: Fast 30 ETF-Anbieter mit mehr als 830 Produkten sind hier vertreten. Doch deren Liquidität verzettelt sich auf fast 20 Börsen! Europa leidet nicht nur unter zu vielen Börsen, sondern auch unter einer Flut an Regulierungen, Aufsichtsbehörden, Währungen, Steuersystemen, nationalen Anlagepräferenzen sowie Behinderungen des grenzüberschreitenden Vertriebs. Von hochliquiden Produkten «à l’américaine» wie den führenden SPDR S&P500, Spiders genannt, kann man in unseren Breitengraden vorerst nur träumen.

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Europa befindet sich in einer typischen «Huhn und Ei»-Situation. Die regulierten ETF-Börsen bieten zu wenig Liquidität, um Institutionelle anzuziehen. Ausserdem verhindern strukturelle Eigenheiten das effiziente Ausleihen und Shorten von ETF. Last but not least sind die Geld-Brief-Spreads zu wenig kompetitiv, unter anderem deshalb, weil die Market Maker noch keine hohen ETF-Volumen handeln. Um ihre Liquiditätsbedürfnisse in Europa abzudecken, suchen Hedge-Fonds deshalb Zuflucht im ausserbörslichen Derivativmarkt, wogegen sich deren US-Pendants auf ihren effizienten ETF-Markt abstützen können.

Durchbruch mit Branchen-ETF

Eine schrittweise Erhöhung der Liquidität bringt naturgemäss steigende ETF-Volumen. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Branchen-ETF. Diese bilden in den USA einen stark frequentierten Markt. 11% der US-ETF investieren in Branchen. Das Handelsvolumen beläuft sich auf 8 bis 10% der Assets, und die Hedge-Fonds sind hier sehr engagiert. In Europa investieren ETF weniger als 5% in Sektoren, und das Handelsvolumen liegt sogar unter dem Marktdurchschnitt von 1%.

Grade in diesem Segment wartete Europas ETF-Markt vor einem Jahr mit einer nicht zu unterschätzenden Innovation auf. Im Juli 2009 lancierten führende Investmentbanken unter ihrem gemeinsamen ETF-Dach 18 Branchen-ETF, die auf dem neuen STOXX Europe 600 Optimised Supersector-Index basieren. Diese Indizes fokussieren auf sehr liquide Aktienbaskets, und die ETF selbst offerieren eine nahtlose Aktienausleihe. Damit ist es den Hedge-Fonds nun an Europas Aktienbörsen möglich, sowohl Short- wie auch Long-Strategien umzusetzen.

Die bisher gemachten Erfahrungen sind ermutigend. Die Assets der neuen Branchen-ETF erreichten bereits 1,8 Mrd Dollar, und der tägliche Umsatz entspricht rund 20% davon, wobei sich die Short- und Long-Aktivitäten entsprechen. Vielversprechend ist auch die Entwicklung der Monatsumsätze, die im Juli 2010 gemäss dem deutschen Clearingsystem Cascade die Schwelle von 10 Mrd Euro überschritten. Das sind 90% der gesamten Mittelflüsse in Europas Branchen-ETF und übertrifft sogar die Volumen im Futures-Markt.

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Zur hohen Liquidität trägt die Tatsache bei, dass die neuen ETF nur an einer einzigen Börsen kotiert sind. Dies beweist, dass Europas-ETF-Märkte die «Huhn und Ei»-Situation überwinden, zu den US-Börsen aufholen und institutionellen Anlegern wie den Hedge-Fonds attraktive Rahmenbedingungen bieten können.