Aus dem menschlichen Körper gewonnene DNA kann einem Urteil des Obersten Gerichtshofes der USA zufolge nicht patentiert werden. Firmen können sich jedoch synthetisch hergestellte Erbsubstanz urheberrechtlich schützen lassen, legten die neun Richter in einer einstimmigen Entscheidung fest.

Das Urteil war mit Spannung erwartet worden und stellt einen Kompromiss dar. In dem Fall ging es konkret um Patente der Firma Myriad Genetics. Das Urteil der Richter stimmt die Investoren froh - die Myriad-Genetics-Aktie schnellte in die Höhe. Für das Urteil hatte der Pharmariese Roche sich ins Verfahren eingeschaltet, das vor dem obersten US-Gericht lief. Denn es geht um Gen-Patente - und viel Geld.

Jolie griff auf Myriad-Technologie zurück

Das Hauptprodukt von Myriad ist ein Test, der zwei für Brustkrebs spezifische Gene nachweist. Auch das Blut von Schauspielerin Angelina Jolie, die kürzlich öffentlich verkündete, sie habe sich wegen ihrer vererbten Neigung zu Brustkrebs beide Brüste abnehmen lassen, wurde in den Labors von Myriad analysiert.

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Myriad macht gute Geschäfte mit ihren Tests. Bei einem Umsatz von knapp 500 Millionen Dollar erwirtschaftete das Unternehmen, das seinen internationalen Hauptsitz seit kurzem in Zürich hat und von der Schweiz aus mit zehn Leuten seine Expansion lenkt, eine Gewinnmarge von fast 23 Prozent.

Patentierte Goldgrube

Kein Wunder - für einen Brustkrebstest inklusive zusätzlicher Abklärungen verlangt die Firma in den USA rund 4000 Dollar und in der Schweiz rund 4500 Franken. Diesen Umstand hat Hollywood-Star Jolie in ihrem medizinischen Coming-out in der «New York Times» explizit angeprangert. Die hohen Kosten des Tests, so Jolie, seien «ein Hindernis für viele Frauen». Myriads eigentliche Goldgrube sind aber nicht die Gentests, obwohl sich deren Bekanntheitsgrad dank Jolie ausserhalb der USA schlagartig vervielfachte. Es sind die Patente dahinter, die Myriads Vermögen darstellen.

Unter anderem besitzt das Unternehmen die zwei Brustkrebs-Gene BRCA1 und BRCA2. Es hat damit bis ins Jahr 2025 ein Monopol auf Tests, welche die beiden Elemente des menschlichen Erbguts nachweisen. Jedenfalls noch. Denn in diesen Wochen steuert ein langjähriges Verfahren vor dem obersten Gericht der Vereinigten Staaten auf seinen Höhepunkt zu. Nun mussten die Richter entscheiden, ob Myriads Brustkrebs-Patente überhaupt gültig sind - oder eben nicht.

Roche griff auf Infrastruktur zu

Wären dem Unternehmen die Patente höchstrichterlich aberkannt worden, so hätte sein bislang höchst erfolgreiches Geschäftsmodell zu wesentlichen Teilen in Trümmern gelegen. Die Firma macht rund vier Fünftel des Umsatzes mit der Analyse von BRCA. Die Amerikaner konnten im Rechtsstreit gegen die Ungültigkeitserklärung ihrer Patente auf engagierte Unterstützung aus der Schweiz zählen. Sie haben gute Freunde beim Basler Riesen Roche. Die beiden Unternehmen arbeiteten schon vor über einem Jahrzehnt in der Diagnostik zusammen.

Roche griff dabei unter anderem auf die Infrastruktur von Myriad in Salt Lake City zu. Heute nutzen Tochtergesellschaften der Amerikaner Technologien von Roche. Zudem sitzt mit Heiner Dreismann ein altgedienter Roche-Manager aus der Diagnostik-Sparte im Verwaltungsrat von Myriad. Der deutsche Experte für Molekularbiologie war über 20 Jahre lang bei den Baslern und ist seit 2010 bei den Amerikanern. Richtig enge Freunde wurden die beiden Unternehmen aber im März dieses Jahres - als sich Roche mit diversen Konzern-Gesellschaften in das Gerichtsverfahren gegen Myriad einschaltete.

Roche ist nicht Partei

Die amerikanischen Roche-Töchter Genentech, Roche Molecular Systems, Roche Diagnostics und Ventana treten dabei als sogenannte Amici - das lateinische Wort für Freude - von Myriad auf. Gemäss den Unterlagen des amerikanischen Anwaltsverbandes hat in dem Verfahren bislang kein anderes Unternehmen mit Sitz ausserhalb der USA ein solche Rolle eingenommen.

Als Amicus ist Roche nicht Partei, sondern Lobbyist. Zwar muss ein Freund vom Fach sein und Expertenwissen präsentieren. Er soll damit dem Richtergremium helfen, die strittigen Sachverhalte besser zu würdigen und fundiertere Entscheidungen zu treffen. Allerdings darf ein Amicus parteiisch sein. Roche nutzte diesen Spielraum in der 32-seitigen Eingabe im Myriad-Prozess grosszügig aus. Der Konzern forderte die Bundesrichter dazu auf, bei ihrer anstehenden Entscheidung nicht nur rechtliche Argumente zu würdigen, sondern auch die wirtschaftlichen Folgen eines Urteils zu bedenken.

Weltweit grösstes Diagnostik-Unternehmen

«Das Gericht sollte sehr vorsichtig sein», schrieb Roche, «keinen Vertrauensverlust zu provozieren. Unsicherheit führt bei den Unternehmen dazu, dass sie Innovationen einfrieren.» Damit stehe die Verkrüppelung einer relevanten Branche auf dem Spiel. «Es geht uns um den Schutz vieler wichtiger Innovationen in der Biotechnologie», ergänzt Firmensprecherin Silvia Dobry.

Die «Amici» aus Basel, lässt Roche das Gericht weiter wissen, «sind abhängig vom Patentschutz, um die Erforschung und Weiterentwicklung genbasierter Technologien zu finanzieren». Diese hätten in der Vergangenheit «zahllose Leben gerettet» und würden in Zukunft «noch grösseren Nutzen versprechen». «Wenn unklar ist, ob isolierte Gene auch in Zukunft patentiert werden können, wird in diesem Bereich niemand mehr in Innovationen investieren. Das Verfahren ist daher für Roche von grösster Bedeutung.»

Tatsächlich ist Roche mit einem Umsatz von 10 Milliarden Franken vor Abbott und Siemens das weltweit grösste Diagnostik-Unternehmen und mit seiner Pharmasparte mit einem Umsatz von zuletzt über 35 Milliarden Franken gleichzeitig die global wichtigste Biotech-Gesellschaft. Ein Richterspruch gegen Myriad hätte die Schweizer also wohl stärker getroffen als die Amerikaner selbst.

Dies umso mehr, als das oberste Gericht der USA bereits im letzten Jahr in einem ähnlich gelagerten Verfahren gegen die Nestlé-Tochter Prometheus entschieden hatte. Sie ist im Bereich der medizinischen Ernährung tätig. Branchenbeobachter analysierten das Urteil als «Rückschlag für die personalisierte Medizin». Auf sie setzt Roche seit Jahren.  Doch ohne patentrechtlich geschützte genetische Testverfahren geht in diesem Bereich der Pharmaforschung fast nichts mehr.

Natur oder Erfindung?

Die Gene des Menschen sind ein Produkt der Natur, welche die Wissenschaft immer besser versteht. Insbesondere Veränderungen im Erbgut geben Medizinern Hinweise darauf, ob eine Person eine Neigung zu einer bestimmten Krankheit hat. Die entscheidende Frage, die der oberste Gerichtshof der USA beantworten musste, lautet vereinfacht gesagt: Sind Gene auch im patentrechtlichen Sinne Naturprodukte und als solche nicht zu schützen? Oder sind sie in ihrer im Labor isolierten Form technische Errungenschaften und Produkte menschlicher Erfindungskunst? Als solche sind sie patentierbar.

Myriad-Chef Peter Meldrum hielt fest, die BRCA Moleküle «waren der Welt nicht zugänglich, bis sie von unseren Wissenschaftern als neue Wirksubstanz kreiert wurden». Die im zu beurteilenden Fall strittigen Brustkrebsgene sind gemäss dem Fachmagazin «Medscape Medical News» nicht die einzigen, die Patentschutz geniessen.

Die USA haben rund 5000 menschlichen Genen den Patentschutz erteilt. Experten schätzen, dass bislang rund ein Fünftel des menschlichen Erbguts rechtlich geschützt ist. «Der Fall hat potenziell enorme Auswirkungen für die Biotech-Industrie», mahnte deshalb Myriad-Chef Meldrum.