Werden Sie in die Geschichte eingehen als Bauernsohn, der die Bauern unterdrückt?

Urs Riedener: Ich möchte zwar mit Emmi viel erreichen, aber in die Geschichte eingehen will ich nicht.

Fakt ist: Emmi drückt auf die Preise.

Riedener: Ich wehre mich dagegen, dass wir einfach nur den Preis drücken wollen. Die Frage ist: Wie erfolgreich wollen wir international sein? Diese Frage müssen sich auch die Produzenten stellen. Wenn die Milchbranche international Erfolg haben will, muss der Milchpreis sinken.

Bei den Verhandlungen über den Milchpreis ab Januar 2009 wird es hart auf hart gehen.

Riedener: Was jetzt zu hören ist, ist vor allem Vorgeplänkel von Verbandsvertretern. Man darf aber nicht davon ausgehen, dass alle Marktteilnehmer gleich denken. In der Milchwirtschaft gibt es ganz viele unterschiedliche Gruppierungen mit verschiedenen Interessen. Uns ist wichtig, dass wir mit den Milchproduzenten einen konstruktiven und vor allem zukunftsfähigen Weg finden.

Um wie viel soll der Milchpreis sinken?

Riedener: Leider ist der Milchpreis in Europa stark gesunken, während er in der Schweiz gestiegen ist. Der Preis ist nun Gegenstand der Verhandlungen, die in diesen Wochen starten. Es ist klar, dass der Milchpreis ab Januar 2009 tiefer sein muss.

Die Milchproduzenten, die rund 60% der Emmi-Aktien besitzen, werden nicht zufrieden sein, wenn Sie die Milchpreise senken.

Riedener: Das ist nur ein vermeintlicher Widerspruch. Der Aktionär will eine Wertsteigerung des Unternehmens. Die Aktionäre sollen über die Dividende entschädigt werden. Auch die langfristig und marktorientierten Milchproduzenten haben ein Interesse daran, dass der Milchpreis marktgängig ist in Europa. Sonst besteht die Gefahr, dass es irgendwann deutlich weniger Schweizer Milchproduzenten braucht.

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Im Inland ist Coop Ihr Hauptabnehmer. Sie waren früher Marketingchef bei Migros, jetzt ist Coop Ihr grösster Kunde. Man hört, Sie hätten mit Coop-Chef Hansueli Loosli nicht die gleiche Wellenlänge. Wie läufts?

Riedener: Sehr gut. Bisher waren wir Konkurrenten, heute sind wir Marktpartner. Im ersten Treffen haben wir die Ausgangslage besprochen. Wir sind beide Profi genug, um die neue Situation richtig einzuschätzen.

Gemäss VR-Präsident Fritz Wyss ist das USA-Geschäft Ihr Gesellenstück. Jetzt haben Sie in den USA wegen der Krise Pech.

Riedener: Das sind kurzfristige Bewegungen. Bestimmt gibt es aufgrund der Konjunktur einige kurzfristige Rückschläge. Die Konjunktursituation hatte bisher keinen Einfluss auf unser Geschäft in den USA.

Ging der Umsatz in den USA zurück?

Riedener: Wir beobachten einzig, dass sich der Mix der Produkte etwas verschoben hat. Beim Käse werden derzeit die eher günstigen Produkte stärker nachgefragt.

Emmi ist an der 85 Mio Dollar grossen Roth-Käserei in den USA beteiligt. Werden Sie diese ganz übernehmen?

Riedener: Wir sind zurzeit in der vertieften Prüfung.

Wann entscheiden Sie?

Riedener: Voraussichtlich Anfang nächstes Jahr.

Der Zeitpunkt für Akquisitionen ist wegen der tiefen Bewertungen günstig. Planen Sie Zukäufe?

Riedener: Ich kann weitere Akquisitionen nicht ausschliessen, gehe aber nicht davon aus, dass wir nächstes Jahr im grossen Stil einkaufen werden. Wir schliessen jedoch weitere Käufe nicht aus, die unsere Marktposition in den Schlüsselmärkten festigen.

Wie viel Prozent des Umsatzes wollen Sie international hereinholen?

Riedener: Heute sind es 23%, längerfristig streben wir 50% an.

Welches sind die wichtigsten Märkte für Emmi?

Riedener: Die USA sind einer der wichtigsten Märkte, unsere derzeitige Nummer drei. Mit der Akquisition Roth würden sie zum grössten Markt mit einem Umsatz von rund 200 Mio Fr. Heute ist Italien, gefolgt von Deutschland, der wichtigste Markt.

Sie wollen im Ausland massiv wachsen. Wie erobern Sie mit Ihren teuren Produkten den internationalen Markt?

Riedener: Beim Export setzen wir auf hochwertige Konzepte, bei denen das Thema Swissness eine wichtige Rolle spielt. Schweizer Käse hat zum Beispiel international ein hohes Ansehen. Eine weitere Chance sind Frischprodukte wie Emmi Caffe Latte und Emmi Swiss Müesli. Es ist klar, dass wir bei höheren Preisen auch bessere Qualität bieten. Und unsere Innovationen müssen doppelt so gut sein.

Um die höhere Qualität dem Kunden zu verkaufen, müssen Sie Werbung machen. Die Werbeausgaben wollen Sie jedoch zurückfahren.

Riedener: Im Grundsatz wollen wir nicht möglichst wenig Marketingausgaben, sondern Marketingausgaben, die sich bestmöglich auszahlen. In diesem Jahr werden wir gleich viel ausgeben wie im letzten Jahr. Doch umsatzmässig werden wir besser abschneiden.

Wie gross ist Ihr Marketingbudget?

Riedener: Insgesamt zirka 100 Mio Fr.

Und davon gehen 10 Mio Fr. an Tom Lüthi, DJ Bobo und Roger Federer?

Riedener: Wenn das so wäre, würde ich auch Tennisspieler werden (lacht). Nein. Sie sind weit entfernt.

Sie haben also 2008 gleich hohe Marketingkosten wie 2007. Wo sparen Sie? Bei der Heizung? In diesem Sitzungszimmer ist es ziemlich kalt.

Riedener: Ja , zum Beispiel (lacht). Wir haben ein klares Kostenprogramm, das auch im 1. Halbjahresabschluss schon positive Spuren hinterlassen hat. Wir wollen dieses Jahr 15 Mio Fr. einsparen. Wir haben alle Kostenpositionen kritisch überprüft und Massnahmen definiert. Die Sparanstrengungen gehen also quer durchs ganze Unternehmen.

Werden Sie Stellen abbauen?

Riedener: Wir sind vor allem effizienter geworden und erzielen heute in der Regel bei gleich hohem Personalbestand mehr Umsatz. Wenn wir wachsen, können wir sogar Leute einstellen.

Sie wollen im Gesamtjahr 2008 insgesamt 6 bis 8% mehr Umsatz generieren und eine Gewinnmarge von über 2% erzielen. Sind Sie auf Kurs?

Riedener: Es ist alles im grünen Bereich.

Besser als grün?

Riedener: Es gibt keinen Grund, die von uns kommunizierten Ziele in Frage zu stellen.

Ihr Aktienkurs zeigt seit längerem abwärts. Kein Analyst empfiehlt die Titel zum Kauf. Weshalb soll man Emmi-Aktien haben?

Riedener: Es ist nachvollziehbar, dass wir den Analysten und Anlegern in diesem Jahr erst einmal beweisen müssen, dass wir halten, was wir versprochen haben. Im letzten Jahr konnten wir das nicht. Deshalb verstehe ich , dass eine gewisse Zurückhaltung herrscht. Es war sicher richtig, dass aufgrund der Gewinnwarnung letztes Jahr eine gewisse Kurskorrektur resultierte.

Was ist Ihre schwierigste Herausforderung derzeit?

Riedener: Eine Hauptfrage ist: Wie mutig können wir 2009 in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld und bei tiefer Konsumentenstimmung sein? Wie aggressiv wir jetzt neue Produkte lancieren und Märkte erschliessen, hängt vor allem von externen Faktoren ab. Deshalb planen wir zurzeit kurzfristig, um rasch auf ? positive oder negative ? Entwicklungen reagieren zu können.

2009 tritt Verwaltungsratspräsident Fritz Wyss zurück. Der Luzerner CVP-Politiker Konrad Graber soll sein Nachfolger werden. Was wird sich damit für Sie ändern?

Riedener: Mit Fritz Wyss wird ein ausgewiesener Kenner der Branche in Pension gehen. Persönlich war er für mich in diesem ersten Jahr eine wichtige Stütze und ein sehr kompetenter Sparringspartner. Ich werde dies sicher auch nach seiner Pensionierung zu schätzen wissen. Der designierte Verwaltungsratspräsident Konrad Graber wird uns dann vor allem mit seiner ausgezeichneten politischen Vernetzung und seinen fundierten Finanzkenntnissen eine wertvolle Unterstützung bieten.