US-Präsident George W. Bush hat seine Wahl für die Nachfolge von Alan Greenspan als Notenbankchef bekannt gegeben: Ben Bernanke. An Amerikas Aktienmärkten machte sich Erleichterung breit, während an den Obligationenmärkten die Renditen kletterten. Bill Gross, Chief Investment Officer des grössten Bond-Fonds bei Pimco, erklärte dies mit der Unsicherheit, die ein neuer Fed-Vorsitzender mit sich bringt. Die Märkte atmen ohne Zweifel auf, dass Bush keine so kontroverse Wahl traf wie mit Harriet Miers für den Obersten Gerichtshof. Gleichwohl: Bernanke wird den Märkten zuerst beweisen müssen, dass er dieselbe Stabilität bringt wie sein Vorgänger.

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So gut wie sicher

Bevor Bernanke in Greenspans Fussstapfen treten kann, muss er noch von einem US-Senat bestätigt werden. Gemeinhin gilt die Bestätigung als sicher, zumal die Nominierung aus fast allen Lagern in Washington sowie aus akademischen Kreisen Zustimmung fand. Eine Anhörung könnte noch im November stattfinden, sodass der neue Chef im Amt ist, noch bevor die Amtszeit des abtretenden Vorsitzenden am 31. Januar 2006 abläuft. Es wird jedoch erwartet, dass Greenspan noch bis zur letzten Sitzung im Amt bleiben wird. Der «Maestro» wird mit 18 Jahren die zweitlängste Amtszeit in der Geschichte des US-Notenbanksystems halten.

Bernanke gilt als einer der besten Ökonomen weltweit, wenn es um Geldtheorie geht. Zahlreiche, über die Jahre verfasste Publikationen und Studien, sei es als Professor an der Princeton University oder beim National Bureau of Economic Research, erlauben der Öffentlichkeit umfassenden Einblick in die ökonomische Gesinnung des 51-Jährigen. Daneben haben seine öffentlichen Reden und Ansichten zur Wirtschaft und zur Geldpolitik, die jenen Alan Greenspans häufig ähnelten, einen guten Eindruck hinterlassen. In seiner Rede anlässlich der Nominierung erklärte der Fed-Chef in spe, flankiert von Präsident Bush und Alan Greenspan, dass seine erste Priorität dem Erhalt der Kontinuität der Greenspan-Politik und -strategie gelte.

Inflationäre Unterschiede

Doch zwischen Bernanke und Greenspan bestehen auch zahlreiche Unterschiede. So standen die beiden etwa auf ganz verschiedenen Seiten. Als Bernanke die Festlegung eines expliziten Inflationsziels befürwortet, so wie es die Bank of England festlegt, mag sich Greenspan für solche Voraussagen nicht hergeben. Dies überrascht nicht weiter, denn Greenspan schuf sich einen Ruf mit seinen umschweifigen Formulierungen, mit denen ihn niemand behaften konnte. Dies gab dem Notenbankchef aber auch maximale Flexibilität bei der Steuerung des US-Zinsgefüges. Bernanke führt demgegenüber eine deutlich klarere Sprache und sorgte gelegentlich auch schon mit unzweideutigen Formulierungen für etwas Aufregung an den Kapitalmärkten. Angekratzt wurde das Vertrauen in Bernanke, als er 2004 die Teuerung als gemässigt bewertete, obwohl die Zeichen sich für das Gegenteil mehrten und der Eindruck entstand, dass er der Entwicklung hinterherhinke.

Bernanke wird einen rein geldtheoretischen Hintergrund mitbringen, während etwa Greenspan sich seine Sporen als Analyst der US-Konjunktur und -Industrie abverdiente. Obwohl Bernanke kurze Zeit als Fed-Gouverneur amtete, bringt der Ökonom wenig praktische Erfahrung mit im Vergleich zu seinen Vorgängern dies etwa im Gegensatz zu Paul Volcker, Greenspans Vorgänger, der bei der New York Federal Reserve Bank eine aktive Rolle an den Märkten spielte. Ein weiterer Unterschied liegt im politischen Hintergrund: Der Akademiker kann einzig darauf verweisen, zweimal in die Schulpflege von Montgomery Township (New Jersey) gewählt worden zu sein.

Bernanke, ein Republikaner, drang erst in diesem Jahr wirklich in Washingtons politische Kreise ein, als Präsident Bush ihn zum Vorsitzenden seines Rates von Wirtschaftsberatern berief. Greenspan bekleidete dieses Amt während mehrerer Jahre unter den damaligen Präsidenten Gerald Ford und Ronald Reagan sowie im Social-Security-Reform-Ausschuss des Letzteren.

Durch den Wechsel vom Fed ins Weisse Haus nahm sich der aus South Carolina Stammende anfangs aber selber aus dem Rennen für die Greenspan-Nachfolge, nachdem er zuvor als Favorit für das Amt gehandelt worden war. Erst mit der Zeit rutschte er erneut in die Favoritenrolle. Allerdings dürfte der Schritt auch zu Fragen an der Senatsanhörung führen, denn auf dem Capitol wird man sicherstellen wollen, dass Bernanke nicht einfach als verlängerter Arm des Weissen Hauses agieren wird.

Fortsetzung mit Fragezeichen

Für einmal herrscht keine allgemeine Weltuntergangsstimmung ob der Nominierung eines neuen Notenbankchefs. Zur Beruhigung trägt insbesondere der Umstand bei, dass mit Bernanke jemand über Amerikas Geldpolitik wachen wird, der sich die Bekämpfung von Inflation auf die Fahnen geschrieben hat und nicht viel von Eingriffen in das Funktionieren der Märkte hält ähnlich wie Greenspan. Doch die Reaktion der Kapitalmärkte zeigt, dass dies allein noch nicht genügt. Dies hängt wiederum mit der Setzung eines nominellen Inflationsziels zusammen, von dem sich Ökonomen nicht nur Unruhe an den Märkten, sondern auch in den Räumen des Federal Reserve erwarten. Es wird befürchtet, dass eine unvorsichtige Wortwahl des neuen Währungshüters zu Turbulenzen führen könnte in einem Amt, wo jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Zudem wird Wall Street ein wachsames Auge darauf haben, ob sich der zeitweilige Berater des Präsidenten aus der Fiskalpolitik heraushalten wird und sich auf seine eigentliche Aufgabe, die Geldpolitik, konzentriert.

Generell wird erwartet, dass die kontinuierliche Anhebung der Fed Funds Rate, des US-Leitzinses, etwa bis in die Region von 4,25% fortgesetzt werden wird. Doch Bernankes Arbeit wird daran gemessen werden, wie er Amerikas Konjunktur durch etwaige Turbulenzen steuern wird. Als grösste Herausforderungen werden der überhitzte Immobilienmarkt genannt sowie die Verschuldung der Konsumenten, der Regierung sowie die Defizite der Handels- und Leistungsbilanz. Dazu werden die Märkte in den kommenden Monaten ungeduldig nach Hinweisen suchen.


Das Federal Reserve System: Wer die Geldpolitik festlegt

Das US-Notenbanksystem, 1913 vom Kongress ins Leben gerufen, besteht aus sieben Mitgliedern des Board of Governors und den zwölf Präsidenten der Reserve Banks in den Notenbankdistrikten der USA. Die Aufgabe des Federal Reserve System besteht in der Festlegung der Geldpolitik, der Aufsicht und Regulierung über das US-Banken- und -Finanzsystem sowie der Bereitstellung von Finanzdienstleistungen für Finanzinstitute in den USA und der Welt. Die Gouverneure werden vom Präsidenten für Amtszeiten von 14 Jahren nominiert und vom Senat bestätigt. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter werden jeweils für vier Jahre ernannt. Die Bankpräsidenten werden von den einzelnen Bezirken nominiert, vom Board of Governors bestätigt und bekleiden ihr Amt für fünf Jahre.

Der zwölfköpfige Offenmarktausschuss (FOMC) bestimmt die Geldpolitik. Der Ausschuss besteht aus den sieben Gouverneuren, dem Präsidenten der Federal Reserve Bank of New York und vier weiteren Reserve-Bank-Präsidenten, die jeweils für ein Jahr abwechslungsweise im Gremium Einsitz nehmen. Traditionell wählt der Ausschuss den Vorsitzenden des Board of Governors als Vorsitzenden des FOMC. Die New Yorker Reserve Bank ist für die Umsetzung der Geldpolitik am offenen Markt zuständig. (sj)