Wie lange wird uns die Kreditmarktkrise noch plagen?

Leena Mörttinen: Vermutlich noch sechs bis neun Monate, da einige Banken bereits angekündigt haben, dass sie auch in diesem Jahr noch weitere Abschreiber vornehmen müssen.

Ist die Nordea Bank direkt von der Kreditkrise betroffen?

Mörttinen: Nein, glücklicherweise hatte Nordea kaum Exposures im US-Subprime-Markt. Bislang hat keine finnische Bank über notwendige Abschreiber berichtet. Aber das Bankgeschäft ist international sehr stark verflochten, sodass auch Nordea indirekt unter den schwachen Aktienmärkten zu leiden hat.

Wird die Krise, die bisher nur die Finanzwelt in Atem hält, auf die Realwirtschaft übergreifen?

Mörttinen: Die Gefahr besteht sehr wohl. Sollte es in den USA zu einem Credit Crunch kommen, könnte dies negative Folgen auf den Konsum und die Investitionen haben und zu einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums führen.

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Wie hoch schätzen Sie das Risiko einer Rezession in den USA?

Mörttinen: Unser Szenario geht von einer Wahrscheinlichkeit von 40% aus.

Das ist trotz allem ein eher optimistischer Wert. Warum?

Mörttinen: Zum einen, weil die US-Notenbank mit weiteren Zinssenkungen gegensteuern wird, und auch weil das Konjunkturprogramm von Präsident George W. Bush positive Wirkungen zeigen wird.

Begrüssen Sie die expansive Zinspolitik des Fed?

Mörttinen: Ja, auf kurze Sicht auf jeden Fall. Denn die Notenbank muss eine Kreditverknappung unbedingt verhindern.

Dann schätzen Sie die Inflationsgefahr als gering ein?

Mörttinen: Auch hier wieder: Auf kurze Sicht ist das Inflationsrisiko gering. In den USA finden gerade zwei gegensätzliche Entwicklungen zur gleichen Zeit statt: In der realen Wirtschaft ist der Inflationsdruck sehr gross, in der Finanzwirtschaft hingegen geht die grösste Gefahr von einer Kreditverknappung aus. Da die reale Wirtschaft immer zeitverzögert reagiert, liegt das vordringlich zu lösende Problem in den Kreditmärkten.

Kann man daraus schliessen, dass die Inflation in Europa das grössere Problem ist, da die EZB den Zinssatz bisher nicht gesenkt hat?

Mörttinen: Die Inflationsgefahr ist sicher höher. Zumal Deutschland jetzt in Tarifverhandlung steckt und die Lohnforderungen sehr hoch sind. Das könnte, nebst den steigenden Preisen für Lebensmittel und andere Rohwaren, die Inflation weiter anheizen. Die Kerninflationsrate ist bereits angestiegen. Aber in Europa gibt es nicht diesen Druck seitens der Finanzmärkte, die Zinsen zu senken. Und das Risiko eines Credit Crunch ist bei uns nicht so evident. Unter diesen Bedingungen steht bei einer Notenbank ? und bei der europäischen sowieso ? die Preisstabilität im Vordergrund. Daher rechnen wir so bald nicht mit einer Zinssenkung in der Eurozone, es sei denn, das an sich immer noch starke Wirtschaftswachstum würde sich überraschend schnell abschwächen.

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Beispielsweise wenn es in den USA doch zu einer Rezession kommen sollte? Inwie weit wird Europa davon betroffen sein?

Mörttinen: Die Verbindung beider Wirtschaftsräume ist nach wie vor sehr stark. Sollte das Wirtschaftswachstum in den USA stagnieren, gehen wir davon aus, dass das Wachstum in der Weltwirtschaft und damit auch in der stark exportabhängigen Eurozone um 1% abnehmen wird.

Noch vor ein paar Monaten haben die meisten Ökonomen betont, dass sich die Weltwirtschaft von den USA weitgehend abgekoppelt habe, auch dank der Emerging Markets. Jetzt scheint sich diese Einstellung wieder gewandelt zu haben?

Mörttinen: Nicht ganz. Die Schwellenländer sind in der Tat wesentlich stärker geworden, aber auch sie sind sehr von den Exporten in die USA abhängig, wie beispielsweise China. Der chinesische Exportanteil in die USA beträgt etwa 15%. Es wird also immer einen Effekt auf die Weltwirtschaft haben, wenn sich die Konjunktur in den USA abschwächt.

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Wie stark ist die finnische Wirtschaft betroffen?

Mörttinen: Die finnische Wirtschaft ist eine sehr offene Volkswirtschaft. Der Export trägt 45% zum Bruttoinlandprodukt bei, aber zum Glück haben wir derzeit einen starken privaten Konsum. Das hat dazu geführt, dass die Wettbewerbsfähigkeit von Finnland bisher weder unter der Kreditmarktkrise noch unter der Abschwächung der US-Wirtschaft gelitten hat.

Mit welcher Wachstumsrate rechnen Sie in Finnland für das Jahr 2008?

Mörttinen: Wir erwarten, dass die finnische Wirtschaft um 2,6% expandiert. Aber auch hier gilt: Gleiten die USA in eine milde Rezession, die 2008 zu einer Stagnation des Wachstums führt, dann wird auch die finnische Wirtschaft nur noch 1% zulegen können.

Welches sind die grössten Risiken für die finnische Wirtschaft?

Mörttinen: Das sind die bekannten, externen Faktoren der Kreditmarktkrise und der Exportorientierung zu unseren wichtigsten Absatzmärkten Russland, Deutschland und Schweden.

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Nokia wird in Deutschland 2008 vermutlich auch deutlich weniger absetzen, die Deutschen werfen ihre Nokia-Handys reihenweise in den Kehricht und kaufen Konkurrenzprodukte. Der Unmut über die Schliessung des Werkes am Standort Bochum ist sehr hoch. Wie wird dieser Umstand in Finnland diskutiert?

Mörttinen: Ich verstehe die Betroffenheit der Arbeitnehmer und deren Reaktion, wenn sie ihre Arbeitsstelle verlieren. Aber ich verstehe die Reaktion der deutschen Politiker nicht. Es ist nicht Aufgabe der Politik, die Gesetze der globalisierten Wirtschaft zu beeinflussen. Sie sollten sich vielmehr darauf konzentrieren, flexible wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um damit denjenigen, die ihren Job verloren haben, zu helfen, möglichst schnell wieder eine Stelle zu finden. In Zeiten der Globalisierung sollte man nicht so emotional auf solche Abwanderungen reagieren. Denn immer, wenn ein Unternehmen geht, wird Platz für ein neues ? sofern die Regierung sicherstellt, dass das Wirtschaftssystem flexibel bleibt und gute Rahmenbedingungen für neue Geschäftsfelder bereitstellt. Die finnischen Arbeitnehmer, die damals arbeitslos wurden, als Nokia die Produktion von Finnland nach Deutschland verlegt hat, waren für viele andere, zum Teil auch neue Unternehmen begehrte Arbeitskräfte.

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Eine letzte Frage: Wie sind Sie persönlich investiert?

Mörttinen: Nun, ich habe ein Haus gekauft und das nimmt einen grossen Teil meines Portfolios ein und gibt dem Ganzen einen konservativen Charakter! Aber ich habe natürlich auch Aktien, geografisch breit diversifiziert und vorzugsweise von solide finanzierten Unternehmen. Derzeit allerdings ist mein Cashbestand relativ hoch. Ich warte noch etwas ab, bis sich die Märkte beruhigt haben. Dann wird es Aktien von Value-Unternehmen zum Schnäppchenpreis geben, da bin ich sicher!