In einem früheren Interview sagten Sie, dass Ihnen jeder Verkauf eines Unternehmens schwer fällt, weil Sie stets viel Herzblut in jedes Geschäft stecken, das Sie betreiben.

Viktor Vekselberg: Das ist richtig.

Heisst das, Sie werden noch sehr lange an Oerlikon und Sulzer festhalten?

Vekselberg: In erster Linie sind wir bei Renova Geschäftsleute. Wenn Sie unsere Historie betrachten, dann haben wir noch nie Unternehmen zerschlagen und weiterverkauft. Unsere Strategie beruht auf organischem Wachstum, also auf der Basis von bestehenden Strukturen.

Präzisieren Sie das.

Vekselberg: Wenn wir ein Unternehmen kaufen oder eine grössere Beteiligung erwerben, dann kaufen wir nicht nur die Aktien, wir wollen auch die Hände und Köpfe der Menschen in diesem Betrieb für unsere Strategie gewinnen. Es ist nicht unser Stil, am ersten Tag die Menschen mit lobenden Worten zu ködern und am nächsten Tag den ganzen Betrieb weiterzuverkaufen.

Ist Ihre Gesinnung mit ein Grund dafür, dass Sie nicht mehr mit der österreichischen Beteiligungsfirma Victory zusammenarbeiten?

Vekselberg: Ich möchte zunächst betonen, dass Victory nach wie vor zu den grösseren Aktionären von Oerlikon gehört. Zudem möchte ich festhalten, dass das Team von Victory gebildete und smarte Geschäftsleute sind. Allerdings haben wir im Laufe der Zeit festgestellt, dass wir unterschiedliche Investmentstrategien verfolgen.

Denken Sie über einen Merger von Sulzer und OC Oerlikon nach?

Vekselberg: Es ist zu früh, um sich über solche Schritte Gedanken zu machen.

Wäre ein Zusammenschluss der Unternehmen eine Option?

Vekselberg: Es gibt zahlreiche Optionen, ein Merger ist nur eine unter vielen.

Warum haben Sie gerade in diese beiden Unternehmen investiert? Warum nicht in andere?

Vekselberg: Wir haben in und ausserhalb der Schweiz zahlreiche Unternehmen im Bereich Maschinenbau und Hightech analysiert. Wir sind zum Schluss gekommen, dass diese beiden Unternehmen die attraktivsten Wachstumsmöglichkeiten haben, aber diese Potenziale zu heben, braucht Zeit, und es wird kein leichter Weg sein.

Nach welchen Kriterien investieren Sie?

Vekselberg (lacht): Natürlich gehen wir, technisch gesehen, vor wie alle anderen Beteiligungsfirmen auch. Wir nutzen die Hilfe von Beratungsfirmen und Finanzinstitutionen. Aber gleichzeitig ist es meine persönliche Intuition, die eine entscheidende Rolle spielt. Was genau sich dahinter verbirgt, werde ich Ihnen natürlich nicht sagen.

Sehen Sie in der Schweiz weitere Unternehmen in anderen attraktiven Branchen, etwa der Lebensmittelindustrie?

Vekselberg: Heute haben wir keine Pläne, unser Beteiligungsportfolio in der Schweiz auszubauen. Zunächst wollen wir die beiden Unternehmen Sulzer und Oerlikon, an denen wir zu je rund 30% beteiligt sind, besser verstehen, ihre Strategie genauer kennen lernen. Das braucht Zeit, da wir seriös vorgehen wollen. Die beiden Unternehmen bilden mittlerweile einen namhaften Teil des Renova-Portfolios und wir sehen keinen Grund, die Zahl der Beteiligungen an Schweizer Unternehmen zu erhöhen.

Auch wenn Sie nicht selber investieren: In welchen Branchen existieren besonders glänzende Schweizer Unternehmen?

Vekselberg: Nun gut, die Schweiz ist bekannt für ihre Banken. Aber auch die Pharma- und die Nahrungsmittelindustrie sind sehr stark.

Sie waren nicht sehr willkommen, als Sie 2007 eine Beteiligung an Unaxis übernahmen. Hat sich dies mittlerweile verändert?

Vekselberg: Ich war aus zwei Gründen überrascht: Die Schweiz ist eines der internationalisiertesten Länder im Hinblick auf Wirtschaft und Kultur. Die Schweiz hat zudem eine sehr hohe Standortqualität, sei es im Bereich der Infrastruktur, des Finanz- oder des Justizsystems. Als wir uns entschieden haben, in der Schweiz zu investieren, waren wir von der Reaktion überrascht auch, weil wir möglicherweise die Befindlichkeiten der Menschen falsch interpretiert haben.

Was ist ihre industrielle Strategie für OC Oerlikon?

Vekselberg: Oerlikon und Sulzer sind Teil unserer Maschinenbau- und Hightech-Strategie. Beide Firmen besitzen riesige Potenziale, weil sie über ausgezeichnete Technologien und hoch qualifiziertes Personal verfügen. Ressourcen- und Energieeffizienz werden heute immer wichtiger. Hier haben beide Unternehmen in ihren Bereichen eine ausgezeichnete Basis, um in Zukunft ganz vorne mitzuspielen. Dennoch, auch wenn wir noch nicht so lange als Investoren dabei sind, glauben wir, dass Oerlikon und Sulzer noch mutiger am Markt auftreten könnten, denn sie werden Erfolg haben.

Was meinen Sie damit?

Vekselberg: Sie könnten schneller sein.

Wie wollen Sie den russischen Markt für die Unternehmen öffnen?

Vekselberg: Der russische Markt ist in erster Linie attraktiv für Sulzer. Russland ist der zweitgrösste Erdölproduzent und der viertgrösste Gasproduzent der Welt. Die Zuliefererprodukte von Sulzer sind sehr attraktiv für die russischen Unternehmen.

Sulzer sagt, man sei bereits seit längerem in Russland erfolgreich aktiv, in anderen Worten: Sulzer benötigt Ihre Hilfe auf dem russischen Markt nicht.

Vekselberg: Sulzer ist zwar schon in Russland präsent, hat aber noch längst nicht alle Marktpotenziale ausgeschöpft. Das Unternehmen hat gewaltige Wachstumsmöglichkeiten. Der stark steigende Ölpreis begünstigt die Investitionen auf Seiten der russischen Unternehmen, unterstützt vom russischen Staat, der weitere Steuervergünstigungsprogramme gestartet hat. Es gibt eine Vielzahl von Projekten, die für Sulzer attraktiv sein können. Unser Ziel ist, Sulzer dabei zu unterstützen, solche Aufträge zu gewinnen.

Welche Opportunitäten sehen Sie für Oerlikon in Russland?

Vekselberg: Russland ist bereits heute ein grosser Markt für Oerlikon. Wir werden versuchen, eine Brücke für Oerlikon nach Russland zu bauen, damit das Unternehmen dort einen neuen Markt erschliessen kann. Für Sulzer ist dies nicht mehr nötig. Hier geht es bereits um konkrete Projekte.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der russischen Wirtschaft?

Vekselberg: Das Land entwickelt sich sehr stabil, die internationale Finanzkrise ist nahezu unbemerkt an den russischen Märkten vorbeigegangen.

Warum?

Vekselberg: Eine wichtige Grundlage des russischen Wirtschaftswachstums ist die Förderung von Rohstoffen, überwiegend Öl, Gas, Metalle und Mineralien. Die finanziellen Mittel, die auf diesem Weg in die Staatskasse fliessen, werden reinvestiert in Infrastruktur und Innovation. Wenn eines Tages der Ölpreis einbricht, wird Russland stark genug sein, um den Rückgang über Wachstum in anderen Märkten zu kompensieren.

In welche neue Märkte investiert Renova, die stark im Rohstoffsektor verankert ist?

Vekselberg: Wir haben in den vergangenen Jahren in den verschiedensten Sektoren investiert. Ein Hauptaugenmerk liegt sicherlich auf dem Energiebereich, wo wir in der Wertschöpfungskette von der Produktion bis zur Elektrizitätsversorgung aktiv sind. Auch erneuerbare Energien sind ein Thema. Daneben sind wir in Russland in der Immobilienentwicklung und im Telekommunikationsbereich tätig, ausserhalb Russlands vor allem im Minensektor und eben in der Schweiz in Industrie und Hightech.

Was lernen wir von russischen Firmen?

Vekselberg: Es geht um Beweglichkeit. Schweizer Firmen sind sehr berechenbar, sehr stabil und sehr reguliert. Das bietet zwar Sicherheit, aber auch reduziertes Wachstum. Übernehmen sie nur ein wenig von der russischen Flexibilität, Beweglichkeit und Verrücktheit, dann können wir gemeinsam noch sehr viel erreichen.

«In der Schweiz hat keiner auf mich gewartet», haben Sie gesagt.

Vekselberg: Ich möchte Schweizer Unternehmen helfen, einen Weg nach Russland zu finden. Meine Präsenz am Swiss Economic Forum war mein erster öffentlicher Auftritt dieser Art. Die Botschaft, die ich mit meiner Rede an die anwesenden Gäste richten wollte, war, dass jedes Unternehmen, das für sich Opportunitäten in Russland sieht, bei uns willkommen ist. Als Vizepräsident von RSPP, dem russischen Unternehmer- und Industriellenverband, freue ich mich darauf, es in seinen Bestrebungen zu unterstützen.

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