Es kursieren zwei Versionen darüber, was an der jüngsten Verwaltungsratssitzung des Industriezulieferers Sulzer vom vergangenen Samstag abgelaufen ist. Unbestritten ist die Vorgeschichte: Einige Tage zuvor hatte Renova, die Beteiligungsfirma des russischen Industriellen Viktor Vekselberg und mit 27,1% grösste Sulzer-Aktionärin, den Verwaltungsrat informiert, dass sie Berg auf der Generalversammlung vom 8. April nicht für drei weitere Amtsjahre wiederwählen werde. Das Vertrauensverhältnis zum Sulzer-Präsidenten sei gestört. Denselben Entschluss beschied Renova auch dem Verwaltungsratsmitglied und Berg-Vertrauten Daniel Sauter.

Zum Verlauf der anschliessenden VR-Sitzung gehen die Erzählungen auseinander. «Am Treffen vom vergangenen Samstag wurden den Renova-Vertretern diverse Optionen präsentiert, darunter auch eine verkürzte Amtszeit», sagt Berg der «Handelszeitung» (siehe rechts). Doch es sei schliesslich zu keiner Einigung gekommen. Weshalb, wisse er, Berg, auch nicht. Aus Kreisen von Renova ist dagegen zu hören, dass es die Vertreter der Grossaktionärin gewesen seien, die mit Berg einen Kompromiss hätten schliessen wollen. Doch während Berg auf eine Entscheidung am vergangenen Samstag drängte, wollten die Renova-Vertreter den Beschluss vertagen - und scheiterten an den Mehrheitsverhältnissen im Sulzer-VR.

Maulkorb soll endgültig weg

Welche Version nun die zutreffende ist, bleibt unklar. Fakt ist jedenfalls, dass Vekselberg mit diesem Schritt seine Glaubwürdigkeit beschädigt hat. Seit dem Einstieg bei Sulzer vor gut 18 Monaten beschworen Vekselberg und sein Investment-Team gebetsmühlenartig ihre Qualitäten als verlässliche Partner für Sulzer.

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Wohl auch, weil sich Vekselberg von Berg hatte einen Maulkorb umbinden lassen. Der Sulzer-Präsident hatte Renova gegenüber ein Stillhalteabkommen durchgesetzt - und erst nach Unterzeichnung die Beteiligung von Renova ins Aktienregister eingetragen und damit die Stimmberechtigung erteilt. Gemäss diesem Vertrag dürfen die Russen ihre Beteiligung an Sulzer nicht über 33,33% erhöhen. Ausgeschlossen ist auch eine Fusion von Sulzer mit dem Industriekonzern OC Oerlikon, an dem Renova mittlerweile gut 40% hält.

Das Abkommen läuft im Mai 2009 aus - einen Monat nach der Sulzer-GV. Gerüchteweise war zu hören, Berg arbeite daran, das Abkommen zu verlängern - zum Ärger der Russen. Dass diese etwas unternehmen würden, damit ihnen künftig keine Widerstände mehr entgegengebracht werden, war allseits erwartet worden.

Die Form überrascht nun aber doch. Zu fadenscheinig wirkt Renovas Begründung - «mangelndes Vertrauen» - in Kombination mit der Geschichte, die man sich in der Finanzgemeinde erzählt: So sollen Widerständler entfernt werden, die später verhindern könnten, dass die hochrentable Sulzer und die schwer verschuldete OC Oerlikon zusammengelegt werden. Allein die Vorstellung einer solchen Hochzeit verschreckt die Investoren an der Börse: Die Sulzer-Aktie sackte zu Wochenbeginn zeitweise um über 10% ab. Renova-Sprecher Daniel Grotzky: «Strategiefragen gehören immer in die dafür vorgesehenen Gremien der beteiligten Unternehmen.» Wie für jede Investmentgesellschaft gelte es auch bei Renova, dass man unterschiedliche Strategien und Szenarien sowohl regelmässig bewertet, als auch grundsätzlich nie kommentiere.

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NACHGEFRAGT


«Haben eine verkürzte Amtszeit vorgeschlagen»

Im Streit um die Macht im Verwaltungsrat des Industriezulieferers Sulzer schlägt der amtierende VR-Präsident Ulf Berg überraschend versöhnliche Töne an. Berg, der sich gegen den Willen von Grossaktionärin Renova für weitere drei Jahre der Sulzer-Generalversammlung zur Wahl stellt, signalisiert nun, weiteren Gesprächen mit Renova nicht abgeneigt zu sein.

Viktor Vekselbergs Beteiligungsfirma und Sulzer-Grossaktionärin Renova lehnt Ihre Wiederwahl in den VR ab, weil die Vertrauensbasis zu dünn sei.

Ulf Berg: Das muss ich so zur Kenntnis nehmen. Es ist ja nicht verboten, dass Renova eine eigene Meinung hat. Aber ich finde diese Aussage schon erstaunlich, denn der Leistungsausweis des Sulzer-VR gehört sicher nicht zu den schlechteren.

Warum war bisher kein Kompromiss möglich?

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Berg: An der betreffenden VR-Sitzung vom vergangenen Samstag wurden den Renova-Vertretern diverse Optionen präsentiert, auch eine verkürzte Amtszeit. Warum es zu keiner Einigung kam, weiss ich nicht. An Vorschlägen mangelte es nicht.

Noch sind die GV-Einladungen nicht verschickt, Traktanden können revidiert werden.

Berg: Die Einladungen versenden wir erst Anfang März, das ist korrekt. Ob es noch zu Veränderungen kommt, kann ich nicht voraussagen. Ich möchte auch keine Spekulationen schüren.

Sind Sie bereit, das Thema mit den Renova-Vertretern erneut zu diskutieren?

Berg: Wir reden über viele Themen regelmässig miteinander. Ich möchte betonen, dass die Zusammenarbeit mit den Renova-Vertretern stets einvernehmlich war und in einer sehr konstruktiven Atmosphäre verlaufen ist.

Könnte Ihre Abwahl zu Veränderungen im Management führen?

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Berg: Das sind reine Spekulationen, die jeder Grundlage entbehren und die Situation für Sulzer eher erschweren, statt die Stabilität der Firma zu unterstützen.