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Abbau
Venezuela: Schweizer Firmen verlassen das sinkende Schiff

Nicolás Maduro: Unter Präsident Maduro ist Venezuela zur Diktatur verkommen.  Keystone

Schweizer Firmen fahren das Geschäft in 
Venezuela stark zurück. Hunderte Jobs fallen weg. Ganz vom südamerikanischen Land Abschied nehmen, wollen aber dennoch nur wenige.

Von Marc Iseli
am 16.08.2017

Für den Winterthurer Industriekonzern Sulzer sollte Venezuela zur Goldgrube werden. Immerhin sitzt das lateinamerikanische Land auf den weltgrössten Erdölreserven. Sulzer wollte bei der Exploration des schwarzen Goldes mitverdienen. Deshalb gründeten die Winterthurer zwei Tochterfirmen – eine für das Geschäft mit Pumpen, eine für das Turbinen-Business. Dann starb Hugo Chávez, Nicolás Maduro kam an die Macht und stürzte Venezuela ins wirtschaftliche, politische und soziale Chaos.

Das hat schwerwiegende Folgen für Schweizer Firmen, nicht nur für Sulzer. Schweizer Unternehmen, die mit eigenen Niederlassungen vor Ort sind, mussten ihre Aktivitäten massiv zurückfahren oder ganz aufgeben. Die Exportförderorganisation Switzerland Global Enterprise hat seit Jahren kein grösseres Export­projekt mehr begleitet, wie deren Länder­verantwort­licher Fabio Speciale sagt. Stattdessen beschäftigt sich die Organisation fast nur noch mit Fällen von ausbleibenden Zahlungen. Der Handel zwischen Venezuela und der Schweiz ist zum Erliegen gekommen.

Sulzer will nun aus dem Geschäft mit Pumpen in Venezuela aussteigen, wie ein Sprecher bestätigt. Die venezolanische Turbinen-Tochter haben die Winterthurer bereits aufgegeben. Sie war kapitalisiert mit 5000 venezolanischen Bolivar. Wegen der Hyperinflation entspricht das aktuell dem Wert von 4 Kilogramm Bananen oder einem halben Hühnchen.

Willkür und Gewalt

Unter Maduro ist Venezuela zur Diktatur verkommen. Der ehemalige Busfahrer hat das Parlament, in dem die Opposition in der Mehrheit ist, entmachtet und eine verfassungsgebende Versammlung eingeführt. Sie ist die oberste staatliche Gewalt. Proteste gegen sein Regime lässt Maduro gewaltsam niederschlagen. Mehr als hundert Personen sind seit April gestorben. Über Verhaftete richtet die Militärjustiz. Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen wirft dem Land Willkür und Gewaltexzesse vor.

Die Krise hat tiefe Spuren in der Handelsbeziehung zwischen der Schweiz und Venezuela hinterlassen. Die Direktinvestitionen lagen einst im Milliardenbereich, nunmehr investiert niemand mehr. Das Exportvolumen belief sich im Spitzenjahr 2012 auf annähernd eine halbe Milliarde Franken. Seinerzeit war Venezuela hinter Brasilien und Argentinien die drittwichtigste Destination für Schweizer Waren in Südamerika. Jetzt gewinnen andere Länder wie Kolumbien, Peru und Chile, Venezuela verliert weiter. Im zweiten Quartal 2017 schrumpften die Exporte nach Caracas auf 11 Millionen Franken. Das ist der tiefste Stand seit dreissig Jahren und entspricht in etwa dem Wert der Schweizer Ausfuhren in die Karibikinsel Curaçao oder in den Kosovo.

Schindler früh am Start

Eine der ältesten Schweizer Firmen in Venezuela ist der Liftbauer Schindler. Als Präsident Maduro an die Macht kam, hatte das Unternehmen fünf Verwaltungs- und Verkaufsstandorte sowie sechs Service-Niederlassungen im Land. Seither haben sich die Perspektiven massiv eingetrübt: Der Bausektor lahmt, Neuanlagen dürfte Schindler kaum mehr verkaufen, Geld für Servicearbeiten fehlt bei Privaten und auch beim Staat. Laut dem «Economist» können 80 Prozent der venezolanischen Haushalte ihre Grundbedürfnisse nicht decken.

Schindler ist seit 1949 in Venezuela aktiv. Als die Firma im lateinamerikanischen Markt startete, galt Venezuela als das reichste Land auf dem Kontinent. Die ­Wirtschaft florierte, Caracas boomte, die Bevölkerung ­explodierte. Zehntausende strömten ins Land. Hugo Chávez und Nicolás Maduro waren ­seinerzeit noch nicht geboren.

Die Krise hat vor allem die Pharma- und Lebensmittelbranche hart getroffen. «Novartis ist besorgt über die wirtschaft­lichen und sozialen Entwicklungen in ­Venezuela», sagt ein Novartis-Sprecher. Der Pharmakonzern verbuchte inflationsbedingt im letzten Jahr einen Abschreiber in Höhe von 300 Millionen Franken auf das Geschäft in Venezuela.

Pharmafirmen bauen Jobs ab

Zu Spitzenzeiten beschäftigte Novartis 600 Personen in den beiden venezolanischen Tochtergesellschaften. Derzeit sind es nur noch 80 Personen. «Wir verfolgen die Situation aufmerksam und erhalten regelmässig Informationen von unseren Konzerngesellschaften vor Ort», so der Sprecher. Die Situation sei «schwierig» für die Patienten, der Zugang zu Medikamenten erschwert.

Etwa 80 Mitarbeitende arbeiten für ­Roche in Venezuela, wie eine Sprecherin sagt. «Dies entspricht einem Viertel der Mitarbeitenden aus dem Jahr 2014», fügt sie an. Roche ist seit 1961 im Land und macht nur noch Geschäfte gegen Vorkasse.

Nestlé beweist Standhaftigkeit

Der grösste Schweizer Arbeitgeber in Venezuela ist Nestlé. Fünf Fabriken unterhält der Nahrungsmittelmulti im Land, über 3000 Personen stehen im Sold. Dem Unternehmen droht ständig die Verstaat­lichung. Andere in Venezuela produzierende Firmen haben bereits Reissaus ­genommen: Bridgestone, General Motors, Ford, Lufthansa und Pirelli.

Nestlé aber bleibt. «Wir wollen unser Geschäft in Venezuela fortführen und ­dabei auch die Gemeinden, in denen wir tätig sind, unterstützen», sagt ein Nestlé-Sprecher. Im gewalttätigen Umfeld habe die Sicherheit der Mitarbeiter oberste ­Priorität. Ein grosses Problem sei die Versorgungssituation. «Nestlé Venezuela versucht so weit wie möglich Rohstoffe vor Ort zu beziehen.»

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