Der Schlatter-Konzern führt zwei Divisionen, Schweissen und Weben. In welchen Märkten sind die Segmente tätig?

Jost Sigrist: Im Segment Schweissen liefern wir Anlagen zur Herstellung von Armierungs- und Industriegitter. Diese werden in Form geschweisster Stäbe vorwiegend im Bausektor benötigt, und zwar überall dort, wo Strukturen benötigt werden, also in Wänden und Fundamenten. Industriegitter aus geschweisstem Draht kommen zum Beispiel als Zäune zum Einsatz. Im Bahnbereich werden Schlatter-Anlagen zum Schweissen der Geleise eingesetzt. Ein dritter Anwendungsbereich sind unsere Schweiss-Strassen zur Herstellung von Radiatoren, also Heizkörpern. Damit ist die Division Schweissen ein indirekter Bauzulieferer. Im Segment Weben liefern wir Anlagen zur Herstellung von technischen Textilien für die Papierindustrie. 

Bestehen Synergien zwischen den beiden Divisionen?

Sigrist: Nein, die beiden Segmente agieren unabhängig voneinander, sowohl bei den Märkten, den Technologien als auch bei den Absatzregionen. 

Schweissen trägt gut 77% zum Gruppenumsatz bei. Ist das ein Klumpenrisiko?

Sigrist: Im Weben haben wir bereits einen sehr hohen Marktanteil, trotzdem wachsen wir derzeit sehr stark. Ich denke, es läuft eher darauf hinaus, dass wir im Schweissen weitere Märkte erschliessen. So gibt es Märkte, wo vorwiegend manuell geschweisst wird. In China beispielsweise werden Armierungsgitter zu 99,96% von Hand geschweisst. Wenn dieser Anteil nur schon auf 99% sinkt, explodiert der Markt für Schlatter. 

Sehen Sie neue Produktmärkte, die Sie erschliessen könnten?

Sigrist: Das ist nicht ausgeschlossen, doch wir treiben das derzeit nicht voran. Auch, weil wir an unseren Kapazitätsgrenzen laufen. 

Schlatter erzielt zwei Drittel des Umsatzes in Europa. Leiden Sie unter dem starken Euro?

Sigrist: Unsere Kostenstruktur gliedert sich in Euro und Franken, wir produzieren in der Schweiz und in Deutschland. Grösstenteils fakturieren wir in Euro, auf der Beschaffungsseite fallen die Kosten in Franken und Euro an. Über alles gesehen sind wir im Gleichgewicht. 

Sind Veränderungen im Portfolio möglich?

Sigrist: Absolut, wir prüfen alles. Zum heutigen Zeitpunkt ist alles vorstellbar. 

Könnte das Segment Schweissen in zwei oder mehr neue Divisionen aufgeteilt werden?

Sigrist: Zum Beispiel. Denkbar ist auch die Integration von weiteren Bereichen durch Partnerschaften und Akquisitionen. Oder die Ausweitung eigener Produkte auf neue Bereiche. 

In welche Richtung tendieren Sie heute?

Sigrist: Das grösste Potenzial liegt im Industriegitterbereich sowie im Armierungsbereich. Bei den Industriegittern gibt es Anwendungen, die wir noch nicht erschlossen haben. 

Warum nicht?

Sigrist: Das hat mehrere Gründe, so fehlen uns zum Teil die spezifischen Maschinen oder wir sind in wachsenden Märkten noch nicht vertreten. 

In China ist Schlatter mit einer Vertriebsgesellschaft präsent. Folgt mittelfristig der Aufbau eines eigenen Werks?

Sigrist: Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass wir zu diesem Schluss kommen. Allerdings hängt vieles davon ab, wie sich der Markt entwickelt. Wir sehen, dass der Nachholbedarf der Chinesen im Bereich Bau und Infrastruktur riesig ist. Davon wollen wir natürlich auch profitieren. Unser Vorteil ist, dass der Trend hin zu mehr Effizienz und Sicherheit geht. Denken Sie an die Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitsstrecken, die in China gebaut werden. Mit manuellem Schweissen kann man die dafür nötige Sicherheit nicht gewährleisten. 

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Benötigen Sie dafür nicht eigenständige Produktlinien, die speziell auf den lokalen Markt abgestimmt sind?

Sigrist: Es ist nicht auszuschliessen, dass Anpassungen bestehender Produkte nötig sein werden. Allerdings muss man beachten, dass der Markt für automatisiertes Schweissen derzeit noch relativ gering ist. Aber wir wissen natürlich, dass wir uns darum kümmern müssen, bevor das grosse Wachstum beginnt. 

Schlatter hat volle Auftragsbücher und läuft an den Kapazitätsgrenzen. Müssen Sie die Durchlaufzeiten verkürzen?

Sigrist: Das ist unser Ziel. Derzeit sind unsere Lieferfristen bei sechs bis 12 Monaten. Das ist unter anderem auch dadurch bedingt, dass wir an unseren Grenzen arbeiten und deshalb nicht immer alle Prozesse reibungslos ablaufen. Ich bin davon überzeugt, dass wir unsere Lieferzeiten um einige Monate senken können, wenn es uns gelingt, die interne Organisation zu optimieren. 

Hat Schlatter deswegen Kunden oder Marktanteile verloren?

Sigrist: Es kann vorkommen, dass wir einen Kunden verlieren, weil die Auftragsabwicklung zu lange dauert. Marktanteile haben wir aber bisher keine verloren, im Gegenteil. Aber wir können uns nicht darauf verlassen, dass dieser Trend anhält. 

Wie gestaltet sich die Situation auf Ihrer Zuliefererseite?

Sigrist: Die Situation ist sehr angespannt, was bei Schlatter auch zu Verzögerungen führt. Wir werden auch hier neue Wege gehen müssen, wobei ich betonen möchte, dass unsere Probleme nicht primär auf der Zuliefererseite zu suchen sind. 

Was brachte die Einführung von SAP?

Sigrist: Mittlerweile haben wir die Transparenz, wo welches Geld investiert wird, wo die Knackpunkte sind. Natürlich müssen wir zunächst lernen, damit zu arbeiten. Das geht nicht von heute auf morgen. 

Welche Auswirkungen hätte eine weltweite Rezession für Schlatter?

Sigrist: Das Gute ist, dass weite Teile unserer Abnehmerseite nicht zwingend von einer Rezession betroffen sind. Betrachten Sie den Bahn- und den Infrastrukturbereich – neue Bahnstrecken oder Tiefbauprojekte haben einen langfristigen Charakter und hängen nicht von konjunkturellen Schwankungen ab. Es kann sogar vorkommen, dass der Staat seine Investitionsquote erhöht, wenn die Privatwirtschaft schwächelt, was Schlatter wiederum zu Gute kommt. 

Dennoch hat Schlatter ein Exposure im Bausektor und in der Papierindustrie. Was, wenn im Zuge einer Rezession dutzende Kunden aus den Verträgen aussteigen?

Sigrist: Schlatter verkauft kein Produkt ohne Sicherheiten, wir fordern einen Finanzierungsplan und Absicherungen, etwa durch eine Bankgarantie. Wenn unsere Kunden im Zuge eines Abschwungs Bestellungen stornieren beziehungsweise aus einem Vertrag aussteigen, würden wir sicher nicht mit leeren Händen dastehen.