Die Strompreise steigen diesen Herbst um 10 bis 30%. Das ist deutlich mehr, als selbst von vorsichtigen Marktbeobachtern erwartet worden war. Nach sieben Jahren mit real fallenden Preisen schlagen die Genfer Stadtwerke um bis zu 30% auf; die Basler und Zuger bis 20%. Im Landesdurchschnitt wird die Erhöhung mit 10 bis 15% beziffert.

Moderater fällt die Preissteigerung in Bern aus: Die BKW FMB Energie AG verlangt für Elektroenergie «nur» 9% mehr. Eine Ausnahme bildet das grösste Stadtwerk der Schweiz: Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) kündigt gar Rabatte an.

Post von den Versorgern

Mit den höheren Strompreisen werden Verbraucherinnen und Verbraucher in den nächsten Tagen erstmals so richtig konfrontiert: Bis Ende August sind die rund 900 Versorger verpflichtet, ihre Tarife für nächstes Jahr der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom) mitzuteilen, der neuen vom Stromversorgungsgesetz (StromVG) verlangten Strommarktaufsicht.

Die meisten der 100 bis 200 grossen Verteiler und Stadtwerke sind derzeit noch eifrig am Kalkulieren. Das Elektrizitätswerk des Kantons Zürich (EKZ) werde seine Forderungen kurz vor der Deadline bekannt geben, sagt Pressesprecherin Priska Laïaïda.

Kostenfolgen unabsehbar

Auch die Zentralschweizer CKW Energie AG hat die Publikation ihrer neuen Preise bisher aufgeschoben. Aufschlussreich ist jedoch, dass die Wasserwerke Zug die Vorlieferantin CKW für ihren Preisschritt von 20% verantwortlich machten. Gleiches sagt die Urner Versorgerin Elektrizitätswerk Altdorf AG, deren CKW-Beschaffung mit 11,24 Rp/kWh knapp doppelt so teuer ist wie die durchschnittlichen Produktionskosten pro kWh zurzeit.

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Wer für welchen Aufschlag und dessen effektive Höhe verantwortlich ist, lässt sich derzeit nur unzureichend diagnostizieren. Dies beklagt die Energie-Sprecherin des Branchenverbands Swissmem, Sonja Studer: «Normalerweise verspricht man sich von einem Markt mehr Preistransparenz, beim Strom sehen wir das Gegenteil.»

Selbst die Spezialisten der Branchenverbände bekunden Mühe, den Durchblick zu wahren: Sonja Studer von Swissmem beurteilt die Meldungen als «sehr bedauerlich». Sie warnt: «Die Kostenfolgen sind noch nicht absehbar – sie könnten durchaus in Millionenhöhe gehen.» Richard Gamma von der Gesellschaft für Chemische Industrie (SCGI) äussert sich zurückhaltend, man warte noch ab, bevor man eine Analyse vornehme.

Für Walter Müller, Geschäftsführer der Gruppe Grosser Stromkunden (GGS), ist in der Diskussion um die neuen Strompreise noch vieles unklar, weshalb sich die Lage noch nicht endgültig beurteilen lasse: «Im Moment haben wir grosse Vorbehalte gegenüber den Argumenten, die vorgebracht werden.»

Swissgrid als Blitzableiter?

Derzeit werden vor allem die Umstellung der Branche auf den freien Strommarkt und die damit einhergehende Neuregelung der Stromverteilung für die Mehrkosten verantwortlich gemacht. So ist der Stromfluss von den Kraftwerken zu den Verteilern neu die Sache der Stromnetzgesellschaft Swissgrid. Bisher war es ausschliessliches Geschäft von einem halben Dutzend Grossversorger (Atel, BKW, CKW, EGL, EWZ, NOK, Rätia).

Für Interims-Präsident Hans E. Schweickardt dient Swissgrid als nützlicher Blitzableiter für Werke und Verbraucher. Er bewertet die Kosten als «realistisch» gerechnet und meint: «Der Verwaltungsrat bewegte sich damit am unteren Ende.» Schweickardt ist überzeugt: «Wer seine Hausaufgaben im Übertragungsnetzbereich gelöst hat, hat heute vertretbare Mehrkosten.» Schweickardt belegt dies am Beispiel der von ihm als CEO geleiteten Westschweizer EOS Holding: «Bei uns werden vernünftige Aufschläge weiterverrechnet, weil wir seit fünf Jahren mit den effektiven Netzkosten operieren und diese nachweisen.»

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Ob solche Erklärungen eine Grossdebatte verhindern, ist offen: Bereits liegen gerichtliche Klagen vor. Zum Beispiel in Freiburg gegen die Groupe E.

Dass Gerichte das letzte Wort zu Stromtarifen haben dürften, hängt nicht zuletzt mit dem Verdacht zusammen, den die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) mit anderen hegt. Danach sollen einige Werke die bevorstehende Systemumstellung nutzen, um für sich Reserven zu bilden. Im Internet bloggt Konsumentenschutz-Geschäftsleiterin Sara Stalder: «Der Tarifgestaltungskampf hat begonnen.»