Was fasziniert einen Ingenieur wie Sie an der Automatisierungstechnik?

Michael Ziesemer: Es ist eine Quer-schnittstechnologie im doppelten Sinne, das fasziniert mich daran. Ohne Automatisierungstechnik, die sehr viele Anwendungen hat, können etliche Produktionsbereiche nicht sinnvoll und wirtschaftlich betrieben werden. Die Automatisierungstechnik ist auch in dem Sinn eine Querschnittstechnologie, dass wir uns mit vielen verschiedenen technischen Disziplinen beschäftigen, nämlich Software, Mechanik und physikalischen Prinzipien.

Wo in unserem Alltag begegnen wir konkreten Resultaten der Verfahrenstechnik?

Ziesemer: An sehr vielen Orten. Nehmen wir als Beispiel, wie Ihr Tag begonnen hat. Als Sie aufgestanden sind, haben Sie das Licht angeschaltet. Mit der Herstellung von Elektrizität haben wir schon einen ersten Bereich, mit dem sich die Verfahrenstechnik und die Verfahrensautomatisierung beschäftigen. Auch beim Kaffeetrinken sind Sie in Kontakt damit gekommen, weil die Wassertechnik und die Lebensmitteltechnologie Bereiche der Verfahrenstechnik sind. Stichwort Zeitungslesen: In der Papier- und Zellstoffindustrie spielt die Verfahrenstechnik ebenfalls eine wichtige Rolle.

Wie definieren Sie Verfahrenstechnik?

Ziesemer: Die Amerikaner sagen, Verfahrenstechnik ist «to make stuff», Stoffe herstellen, im Gegensatz zu «to make things», womit der Bereich der Fertigungstechnik gemeint wäre. Wo immer wir also Stoffe, sprich Medien, erzeugen, geht es um die Verfahrenstechnik. Um das zu bewerkstelligen, brauche ich verfahrenstechnische Anlagen. Um sie sicher, umweltfreundlich und sinnvoll zu betreiben, zu überwachen, zu steuern und wenn nötig einzugreifen, muss ich den Zustand der Anlage kennen. Das erreiche ich mit der Sensorik und der Messtechnik.

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Welche Grössen messen diese Geräte?

Ziesemer: Die Grössen, die für eine chemische Reaktion wichtig sind: Die Temperatur und der Druck, die Stoffmengen und die Füllstände in den Behältern. Auch der pH-Wert oder der Gehalt an bestimmten Stoffen kann relevant sein.

Wie genau erfolgen diese Messungen?

Ziesemer: Wenn das Gerät und die Anwendungstechnik entsprechend gestaltet sind, kann man heute einen Durchfluss in einem Rohr mit einer Präzision von 0,05% messen. Das entspricht einem halben Liter auf 1000 Liter.

Welchen Einfluss haben die steigenden Preise für Rohstoffe auf die Anforderung der Messgeräte?

Ziesemer: Je wichtiger und wertvoller ein Stoff ist, umso präziser muss ich ihn messen können. Es ist aber nicht nur eine Frage des Preises. Es ist auch wichtig aus Sicherheits- und Umweltgründen. Deshalb ist auch bei der Abwassertechnik eine präzise und zuverlässige Erfassung der Werte entscheidend.

In den verschiedenen Branchen müssen Messgeräte unterschiedlichen Anforderungen standhalten.

Ziesemer: Die verfahrenstechnischen Anlagen sind oft einer rauen Umgebung ausgesetzt. In der Öl- und Gasbranche oder in der Grundstoffindustrie stehen sie im Freien, wo es grosse Temperaturschwankungen und Vibrationen gibt, wo es nass und staubig ist. Mit all dem müssen unsere Messgeräte fertig werden und trotzdem hohe Präzision liefern. In der pharmazeutischen Industrie müssen die Messgeräte wieder andere Bedingungen erfüllen: Sauberkeit, Reinraumbedingungen, Vermeiden von Verunreinigungen.

Gibt es bei Ihnen Messtechnikanlagen ab der Stange?

Ziesemer: Nein, die Produkte sind auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten. Wir müssen unsere Messtechnik immer der verfahrenstechnischen Anlage anpassen. So entstehen unterschiedliche Produkte mit Millionen von Varianten: Unterschiedliche Grössen, Normen, Druckstufen, Temperaturbereiche, denen die Sensoren genügen müssen.

Bedeutet das nicht einen unglaublich grossen Herstellungsaufwand?

Ziesemer: Die Produkte sind modular entwickelt worden, und die Varianz liegt in der letzten Stufe der Wertschöpfungskette: In der Endmontage setzen wir sie auf den Kunden massgeschneidert zusammen.

Der Kosten- und Wettbewerbsdruck in der Produktion steigt. Welche Bedeutung hat in dieser Hinsicht die Verfahrenstechnik?

Ziesemer: Der Kostendruck unserer Kunden ist enorm. Sie befinden sich überwiegend in einem harten, globalen Wettbewerb. Die Automatisierungstechnik ist einer der wichtigsten Treiber, um den Fertigungsstandort in Hochlohnländern aufrechtzuerhalten und im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

Wie können die Produktionskosten konkret gesenkt werden?

Ziesemer: Nehmen wir die Energie: Verfahrenstechnische Prozesse sind sehr energieintensiv. Die Automatisierungstechnik kann dazu beitragen, präziser zu messen, besser zu regulieren und damit Energie zu sparen.

In welchem Umfang kann denn gespart werden?

Ziesemer: Wir schätzen, dass in verfahrenstechnischen Anlagen bei den Energiekosten im Durchschnitt ein Kostensenkungspotenzial von 15% besteht. Auch bei den Instandhaltungskosten einer Anlage kann Geld gespart werden, indem sich die Automatisierungstechnik selber meldet, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Moderne Sensorik ist heute dazu imstande. Digitale Übertragungstechnik wie etwa Profibus ist das Mittel, um diese Informationen zu transportieren.

Spielt die Verfahrenstechnik auch in neuen Märkten und Branchen eine Rolle?

Ziesemer: In den letzten zehn Jahren ist der Bereich erneuerbare Energien für uns immer wichtiger geworden: Etwa die Herstellung von Biotreibstoffen, beispielsweise Biodiesel oder Bioethanol. Die Verfahrenstechnik wird auch bei der Produktion von Solarzellen verwendet.

Biotreibstoffe werden kritisiert, weil sie negativ im Wettbewerb zur Nahrungsversorgung stehen.

Ziesemer: Das ist, so denke ich, nur ein Übergangsproblem. Im Moment entstehen die Biotreibstoffe der zweiten Gene-ration. Sie werden aus Algen oder aus Abfällen der Landwirtschaft oder der Bio- und Zellstoffproduktion erzeugt, nämlich aus Stroh, Holzschnitzeln oder Baum- rinden. In dem Bereich wird derzeit viel geforscht ? auch wir engagieren uns auf diesem Gebiet.

Kooperiert Endress+Hauser dafür mit Hochschulen?

Ziesemer: Wir legen viel Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit Hochschulen. Zum Beispiel mit dem Institut für Technische Chemie am Forschungszentrum Karlsruhe, wo zurzeit diese zweite Generation der Biotreibstoffe aus Stroh entwickelt wird. Auch für die Rekrutierung neuer Mitarbeitender sind Hochschulen für uns sehr wichtig. Wenn eine Studentin oder ein Student bei uns eine Diplomarbeit macht, lernen sich beide Seiten sehr gut kennen. Wir sind immer auf der Suche nach Ingenieuren und fördern insbesondere auch Frauen.

Stichwort Umweltschutz: Was kann die Automatisierungstechnik dazu beitragen?

Ziesemer: Die Nachhaltigkeit und der Umweltschutz gehören sicher zu den wichtigsten Trends in der Automatisierungstechnik. Die Verfahrenstechnik transportiert grosse Stoffmengen und betrifft teilweise auch gefährliche Prozesse und gefährliche Stoffe.

Welches sind in der Automatisierung dabei die wichtigsten Themen?

Ziesemer: Das Energiesparen durch intelligente Prozessführung und eng damit verknüpft der CO2-Ausstoss. Wir sehen, dass die Investitionen unserer Kunden in den Unternehmungen besonders in diesem Bereich wachsen. Die Nachhaltigkeit und die Sicherheit sind heute die Haupttriebskraft für Investitionen in der Verfahrenstechnik.

Was kann Verfahrenstechnik konkret für die Sicherheit tun?

Ziesemer: Um zu vermeiden, dass ein Behälter mit Benzin überfüllt wird und möglicherweise Kohlenwasserstoff ins Erdreich und ins Grundwasser gelangt, muss der Prozess entsprechend geführt und kontrolliert werden. Zum Beispiel mit einer Überfüllsicherung, welche die Pumpe abschaltet, bevor es zu einem Schaden kommt. Noch mehr Sicherheit gibt eine zweite Sicherung, welche die erste Sicherung ergänzt. Diese Technologien sind heute vorhanden.

Wie werden sich diese Tendenzen in den nächsten Jahren verändern?

Ziesemer: Umweltschutz und Nachhaltigkeit wird auch in anderen Teilen der Welt ein Thema werden. Unsere heutigen Anforderungen werden global zur Wirkung kommen. Fragen der Nachhaltigkeit, Umwelt, Sicherheit werden uns und unsere Kunden noch lange begleiten. Ebenso wie die Themen Qualität, Instandhaltungskosten und Produktivität.