Dunantstrasse, Weinfelden. Ein unauffälliger Betonklotz am Rande der 10 000-Seelen-Gemeinde. Nur wenige Autos verirren sich in die Gewerbezone im Niemandsland zwischen Dorfkern und Ackerland. Beklemmende Ruhe. Hier in tiefster Provinz abseits der Wirtschaftsströme liegt der Schweizer Hauptsitz des deutschen Discounters. Der äusserliche Eindruck täuscht: Aus Weinfelden wird die Expansionswelle von Lidl gesteuert. Und 63 Schweizer Filialen werden von hier aus täglich beliefert. Vom ebenso grauen Logistikzentrum aus, das gegenüber dem Hauptsitz steht.

Es ist kein Zufall, dass Lidl vom Thurgauer 10 000-Seelen-Städtchen aus den Schweizer Markt aufrollt, weit weg von den urbanen Zentren. Weinfelden liegt dem deutschen Mutterhaus im baden-württembergischen Neckarsulm näher als Zürich, Bern oder Genf. Und hier auf der grünen Wiese ist es einfacher, genügend grosses und preiswertes Bauland mit Anbindung an die Autobahn zu finden als in den Agglomerationen der Städte.

In Weinfelden sitzt auch Andreas Pohl. Sein Auftrag laute Expansion, sagt der Chef von Lidl Schweiz. Im Vordergrund stünden zurzeit Filialeröffnungen. Er hat Grosses vor: Mit rund 200 Filialen will er die Schweiz flächendeckend versorgen. Und entsprechend Umsatz machen. Wie viel, das bleibt im deutschen Unternehmen, das Geschäftszahlen hütet wie die USA ihr Gold in Fort Knox, geheim. In der Branche rechnet man pro Discounterfiliale mit rund 10 bis 12 Millionen Franken an Verkäufen pro Jahr. Bei 200 geplanten Filialen würde Lidl also in der Schweiz dereinst 2 bis 2,5 Milliarden umsetzen.

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Ein langer Atem

Pohl expandiert - ohne Profit. «Einen Auftrag für Gewinn habe ich nicht», sagt er kühl. Es gehe jetzt zuerst um den Aufbau des Filialnetzes. Wie rot die Zahlen Lidls in der Schweiz noch sind, dazu schweigt der Manager. Immerhin lässt sich der 41-jährige Betriebswirtschafter eines entlocken: «Profitabel sind wir nicht.» Es daure mehrere Jahre, bis eine Ländergesellschaft rentiere. «In der Schweiz ist alles viel aufwendiger. Die gesamte Kostenstruktur ist höher.» Auch die Dreisprachigkeit verteuere das Geschäft, meint der Lidl-Mann mit deutschen und Schweizer Wurzeln.

Lidl leistet sich in der Schweiz einen langen Atem. Schliesslich werden hierzulande europaweit die höchsten Bruttomargen im Detailhandel erzielt. Von den Hauptakteuren in sechs europäischen Märkten kommt die Migros mit 37 Prozent auf den höchsten Wert, Coop erreicht 33 Prozent. Die britischen Sainsburys und Tesco schaffen bloss 20 beziehungsweise 21 Prozent, die deutsche Rewe immerhin noch 25 Prozent. Dies lockt Lidl & Co.

Ewig kann jedoch auch der deutsche Discounter nicht ohne Gewinne auskommen. In die Karten schauen lässt man sich bei Lidl nicht. Ein hoher Kadermann erklärt jedoch gegenüber der «Handelszeitung», dass man hierzulande sechs bis acht Jahre nach der Eröffnung der ersten Filiale mit den ersten Gewinnen rechne. Das kann sich der deutsche Gigant leisten. Schliesslich ist er mit über 8000 Filialen in 22 Ländern und einem Umsatz von geschätzen 60 Milliarden Euro ein Branchengigant.

Bereits 2004 gründete Lidl die Landesgesellschaft Schweiz. Ganze fünf Jahre lang dauerte es, bis der deutsche Discounter am 19. März 2009 mit seinen ersten 13 Filialen auch im Markt loslegte. Heute führt er zwischen Genf und Arbon 63 Filialen. Und bis Ende dieses Jahres sollen weitere 30 dazu kommen - an so unterschiedlichen Orten wie Wädenswil, Gravesano oder Thun.

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Es gehört zu den grossen Geheimnissen im Detailhandel, wie viel Lidls Expansion in der Schweiz kostet. Andreas Kosanke, Ex-Manager des deutschen Discounters und heute Geschäftsführer von Immosuisse, wagt eine Schätzung für die Bau- und Bodenkosten. Für die Einrichtung sei pro Filiale mit 0,5 bis 0,7 Millionen Franken zu rechnen. Dazu kämen im Schnitt rund 3 Millionen für die Gebäudekosten. Und weitere 2 Millionen Franken sind für das Bauland hinzublättern.

So fallen unter dem Strich bereits vor der Eröffnung einer Lidl-Filiale Kosten von rund 5,5 bis 6 Millionen Franken an. Das ergibt bei den gegenwärtig 63 Filialen einen Investitionsbedarf von 350 bis 380 Millionen Franken. Hochgerechnet auf 200 Filialen kommt man auf 1,1 bis 1,2 Milliarden, die Lidl alleine für die Infrastruktur ausgibt - firmeneigene Personalkosten des Aufbaus nicht eingerechnet.

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Ein weiterer grosser Kostenblock der Detailhändler sind die Logistikzentren. Lidl will in der Schweiz mit zwei operieren. Das Warenverteilzentrum in Weinfelden steht bereits, das andere ist im freiburgischen Sévaz geplant. Dort verzögern aber noch Bewilligungen für eine Zufahrtstrasse den Bau. Für die beiden Zentren kommen nochmals über 100 Millionen Franken an Investitionskosten hinzu, so schätzt ein Detailhandels- und Immobilienexperte.

Swissness ist gefragt

Zu den Milliarden für Investitionen kommen Millionen an Betriebskosten hinzu. Auch da wird bei Lidl in grossen Beträgen gerechnet. Gegenwärtig müssen Löhne für rund 1400 Schweizer Mitarbeitende bezahlt werden. Im laufenden Jahr kommen mit den 30 neuen Filialen weitere 450 Arbeitsplätze dazu, die mehrheitlich mit Teilzeitstellen besetzt werden. Wie hoch die gesamten Lohnkosten von Lidl sind, ist schwierig abzuschätzen, da der verschwiegene deutsche Konzern nicht einmal die Anzahl der Vollzeitstellen bekannt gibt. Ein Branchenprofi schätzt die Lohnsumme aber für das laufende Jahr auf über 60 Millionen Franken.

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Die Einnahmen sprudeln weniger schnell. Denn es braucht einige Jahre Erfahrung und einiges an Experimenten, bis man in der Schweiz das richtige Sortiment für die anspruchsvolle Kundschaft gefunden habe, erklären Detailhandelsexperten. Lidl hat zum Beispiel lernen müssen, dass Swissness, Frischprodukte und auch Bio-Waren hier gefragter sind als in anderen europäischen Märkten.

Um profitabel zu sein, braucht ein Discounter in der Schweiz eine kritische Grösse. Diese wird laut einem Discount-Profi erst bei über 100 Filialen erreicht. Zuvor seien die Kosten für Logistik, Werbung und Verwaltung zu hoch.

Noch hat Lidl genügend Zeit. Die sechs bis acht Jahre Schonfrist laufen erst 2015 bis 2017 aus. Manche Länder würden relativ rasch profitabel wachsen, sagt Experte Kosanke. In Frankreich zum Beispiel war Lidl bereits nach zwei bis vier Jahren profitabel. Andernorts tut sich der Discounter dagegen schwer. In Grossbritannien werde Lidl auch nach 12 bis 15 Jahren noch nicht profitabel arbeiten. Andreas Pohl hat also noch lange keinen Grund zur Sorge.

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