Spekulationen über einen baldigen Verkauf von Sunrise, Nummer zwei im hiesigen Telekommarkt, bekommen neue Nahrung. Nach Informationen der «Handelszeitung» besuchen in den nächsten Tagen mehrere Vertreter der Private-Equity-Firmen, welchen das Sunrise-Mutterhaus TDC gehört, die Schweiz. Offiziell ist über den geplanten Besuch nichts in Erfahrung zu bringen. Inoffiziell heisst es, die Manager würden sich mit hochrangigen Behördenvertretern treffen.

«Für den Wettbewerb wichtig»

Auch bei der TDC ist dazu keine Stellungnahme erhältlich. Kommunikationschef Nicolaj Due verweist auf die Quartalspräsentation am 5. November. Vorher gebe es keine weiteren Auskünfte. Auf die jüngsten Verkaufsgerüchte angesprochen, sagt auch Sunrise-Chef Christoph Brand nur: «Aus meiner Sicht hat sich im letzten Jahr nichts an der Situation geändert.» Und ComCom-Chef Marc Furrer betont lediglich: «Für den Wettbewerb ist es wichtig, dass Sunrise in der Schweiz bleibt.» Sollten nach einem Verkauf von Sunrise beispielsweise an France Télécom (Orange) die Mobilfunknetze von Sunrise und Orange zusammengelegt werden, wäre das aus Sicht des Regulators «problematisch». Furrer sagt: «Ein Zusammengehen zwischen Orange und Sunrise müsste sicher von der Wettbewerbskommission geprüft werden.» Ganz generell gesehen seien für einen funktionierenden Wettbewerb drei Anbieter immer besser als nur zwei.

Finanzchef kündigt Verkäufe an

Nicht nur der Besuch der Investoren in der Schweiz heizt die Verkaufsgerüchte rund um Sunrise wieder an, sondern auch die Ankündigung des TDC-Finanzchefs Jesper Ovesen, man wolle zwei Tochterfirmen in Ungarn (HTCC) und in Polen (Polkomtel) verkaufen, um damit die Konzernverschuldung zu reduzieren. Diese würde nach einem solchen Verkauf noch bei rund 5,9 Mrd Dollar liegen. Damit läge man im Mittelfeld dessen, was für europäische Telefongesellschaften üblich ist. Parallel dazu baut TDC-Chef Jens Alder in Dänemark kontinuierlich Stellen ab. Im September kündigte er das jüngste Sparprogramm an. Dabei geht es um rund 400 Arbeitsplätze, die abgebaut werden sollen. Erreichen will man dies durch eine effizientere Organisation sowie durch das Nichtbesetzen offener Stellen.

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TDC will sich ? zumindest in der Theorie ? fit machen für einen Börsengang. Das Umsetzen dieses Plans mag angesichts der Finanzkrise zwar weit in die Ferne gerückt sein, dennoch sucht man ganz offensichtlich einen eleganten Weg, welcher den fünf angloamerikanischen Private-Equity-Firmen, welche 88% an TDC halten, einen Ausstieg aus ihrem Investment ermöglicht.

Sunrise mit ihren rund 2,5 Mio Kunden in der Schweiz würde gemäss Analysten zwischen 2 und 5 Mrd Fr. kosten. Eine stolze Summe, vor allem im aktuellen Finanzmarktumfeld. Viele Konzerne, die an sich Interesse hätten, könnten ein solches Investment momentan nicht bewältigen. Und so bleiben im Prinzip bei einem Verkauf von Sunrise drei wahrscheinliche Szenarien übrig:

? France Télécom greift zu. In der Schweiz hätte das den Vorteil, dass man im gemeinsamen Betrieb der beiden Mobilfunknetze von Orange und Sunrise gewaltige Synergien hätte. Das Investitionsvolumen würde beinahe halbiert, die Anzahl Kunden jedoch bliebe dieselbe. Neben dem offensichtlichen Nutzen im Mobilfunk hätte ein Zusammengehen für France Télécom den Vorteil, dass man durch Sunrise endlich Zugang zum Festnetzmarkt hätte. Zwar bietet Orange in Zusammenarbeit mit den Elektrizitätswerken ein ADSL-Angebot an, doch, um der Swisscom hier ernsthaft Konkurrenz zu machen, reicht das nicht.

Das Cablecom-Mutterhaus Liberty Global respektive die europäische UPC Broadband, bei der Cablecom eine Tochtergesellschaft ist, greift zu. Damit hätte die Cablecom endlich auch ein «richtiges» Mobilfunkangebot. Und Sunrise könnte die Investitionen für den Ausbau der letzten Meile erst einmal drosseln: Die Cablecom verfügt zusammen mit ihren Partnern über eine gut ausgebaute Infrastruktur, über die sich sowohl Fernsehinhalte übertragen lassen und über die telefoniert werden kann.

? Andere Private-Equity-Firmen greifen zu. Für Sunrise wäre das zweifellos die schlechteste Variante, weil man dann in drei bis fünf Jahren ziemlich sicher wieder am selben Punkt angelangt wäre wie heute.

Inzwischen rechnen sogar Sunrise-Kadermitarbeiter mit einem Verkauf innerhalb der nächsten Monate. Denn für Sunrise stehen wichtige Weichenstellungen an, zum Beispiel betreffend den Ausbau der Glasfaserinfrastruktur. Da muss man wissen, nach welchen Parametern sich das eigene Investitionsverhalten ausrichten soll.

Zudem stockt der aktuelle Geschäftsgang der Nummer zwei. Im 3. Quartal hat Sunrise gemäss Analysten wieder einen Umsatzrückgang hinnehmen müssen. Und: Die Swisscom, aber auch Orange haben Marktanteile gewonnen.

Der Grund für den Rückgang sind zahlreiche Bündelangebote, mit denen Sunrise der Konkurrenz Kunden abjagt. Wer beispielsweise das Angebot «Free internet» nutzt, spart pro Jahr 531 Fr. Dazu müssen Kunden Festnetz, Mobiltelefonie plus Internet bei Sunrise beziehen ? und das Unternehmen schenkt ihnen die Gebühren fürs Internet.

Solche Aktionen führen dazu, dass nicht nur neue Kunden aufspringen, sondern auch bestehende. Und diese zahlen dann deutlich weniger für ihre Leistung als bisher. Dies führt dazu, dass sich der Umsatz schmälert. Exakt dieser Effekt ist durch zahlreiche solcher Gratis-Bündeangebote in diesem Jahr eingetroffen.

Weko müsste Deals absegnen

Ein Zusammengehen mit einem Konkurrenten käme da gerade recht, um Kosten senken zu können. Doch eine Fusion mit Orange oder Cablecom müsste von der Wettbewerbskommission gutgeheissen werden. Und es ist unsicher, ob es nicht Auflagen gäbe ? etwa den Zwang, eine gewisse Summe jährlich in die Infrastruktur zu investieren. Dadurch würden die Synergien kleiner.

Gut möglich deshalb, dass die TDC-Eigner auf ihrem Schweiz-Besuch schon mal in diese Richtung sondieren wollen.

 

 

NACHGEFRAGT Christoph brAnd, Chef von Sunrise


«Gerüchte werden bewusst gestreut»

Über einen Verkauf von Sunrise wird immer wieder spekuliert. Was ist aus Ihrer Sicht der aktuelle Stand?

Christoph Brand: Aus meiner Sicht hat sich im letzten Jahr nichts an der Situation geändert. Viele Gerüchte, dass Sunrise angeblich demnächst verkauft werde, werden auch bewusst gestreut?

? von wem denn?

Brand: Ich will hier keine Namen nennen. Ein Wechsel des Aktionariats steht nicht zur Diskussion, es würde aber auch nichts ändern.

Wie zufrieden sind Sie denn persönlich mit der geschäftlichen Entwicklung bei Sunrise? Anfang November präsentiert Ihr Mutterhaus ja die Zahlen für das 3. Quartal.

Brand: Es liegt in meinem Naturell, dass ich mit den Geschäftszahlen nie ganz zufrieden bin. Aber ich sehe, dass die Entwicklung stimmt und dass wir die richtigen Schritte eingeleitet haben. Natürlich hätte ich es gerne, wenn die Kunden noch etwas mehr von unseren Angeboten Gebrauch machen würden.

Wenn Ihre Angebote so gut sind: Warum machen Sie dann zum Beispiel im Mobilfunk weniger Umsatz pro Kunde als Swisscom und Orange?

Brand: Wir haben historisch immer die preisbewussteren Kunden angesprochen. Die Zahlen, die neulich in der Presse herumgereicht wurden, können wir aber nicht einordnen. Es kommt eben immer drauf an, was Sie alles einrechnen.

Wie intensiv ist bereits heute Ihre Zusammenarbeit mit Orange?

Brand: Wir haben den Netzunterhalt an dieselbe Firma ausgegliedert und wir nutzen teilweise Antennenstandorte gemeinsam. Mehr ist da aber nicht.

Um Ihre Idee einer Kabel-Schacht AG, in der die Festnetzinfrastruktur ausgelagert werden soll, ist es ruhig geworden?

Brand: ... was die Medien betrifft, haben Sie Recht. Aber in der Branche rumort es. An den Bieler Kommunikationstagen war die Kabel-Schacht AG das Hauptthema. In England ist das Modell bereits sehr erfolgreich umgesetzt, in diversen anderen Ländern läuft die Umsetzung oder ist in Diskussion. Auch in der Schweiz gibt es Bewegung: Im November beispielsweise findet im Ständerat ein Hearing über den Stand der Telekom-Liberalisierung statt.

Swisscom baut im Moment ein neues Glasfasernetz. Dafür sucht sie Partner. Reden Swisscom und Sunrise in Sachen Glasfaser- Infrastruktur miteinander?

Brand: Wir sind sehr offen für Kooperationen. Am 1. Dezember ist ein Treffen mit ComCom-Präsident Marc Furrer anberaumt. Wir hoffen, dass wir dort einen Schritt weiterkommen. Wirklich Konkretes haben wir von Swisscom bislang nicht gesehen, etwa im Gegensatz zu den Elektrizitätswerken.

Wie gut kommt Sunrise mit der Entbündelung der Letzten Meile voran?

Brand: Wir haben im September angefangen und kommen schneller voran als geplant. Bis Ende Jahr werden 153 Zentralen entbündelt sein, geplant waren 120. Wermutstropfen ist aber, dass wir kein Angebot der Swisscom für einen regulierten Bitstrom-Zugang haben, obwohl das im Gesetz vorgeschrieben ist.