Peter Haag lehnt sich in seinem weissen Sessel zurück. Der Gründer des Verlags Kein & Aber spricht über gute Bücher, woran man sie erkennt und was sie erfolgreich macht. Zwischendurch lässt er den Blick schweifen. Von der gros­sen Bücherwand in seinem Büro durchs Fenster auf den ruhigen Innenhof inmitten Zürichs zum gerahmten Bild mit dem weissen Pudel. Dann sagt er so scheinbar simple Sätze wie: «Ich will einfach gute Bücher schön produzieren und gut verkaufen.»

Doch ganz so simpel ist das nicht. Längst nicht alle helvetischen Verleger kämpfen erfolgreich am Markt. Seit 1990 stirbt die Spezies einen langsamen Tod. Rund 20 Deutschschweizer Verlage mussten sich in die Arme von Konkurrenten retten. Für neun weitere blieb nur die Schliessung. Digitalisierung, Euro-Schwäche und die politischen Wirren um die Buchpreisbindung machen der Branche arg zu schaffen.

Jedes Jahr im Herbst zeigt sich, wer noch zu den Überlebenden gehört. An der viertägigen Frankfurter Buchmesse werden mehr als 7000 Aussteller vor Ort sein, inklusive Schweizer Verleger. Auch Kein & Aber hat dort ab dem 12. Oktober einen Stand. Gründer Haag will Autoren, Kunden und Medienleute treffen. Er wird Lizenzen kaufen, verkaufen und sich der Öffentlichkeit präsentieren. Alles läuft unter dem Messe-Motto «Neues denken».

Die digitale Revolution

«Das Buch ist zwar toll, aber das iPad eben auch», sagt Haag. Er sieht sich selbst als Inhaltsverkäufer. Ob die Geschichten als Buch, Hörbuch oder E-Book zum Kunden kommen, spiele ja letztlich keine Rolle. Die Stunde der elektronischen Bücher, der E-Books, hat geschlagen. Im Kein & Aber Verlag werden in den nächsten Monaten die ersten 80 erscheinen. Diese sollen über die eigene Homepage, aber auch über Online-Verkäufer wie iTunes oder Amazon vertrieben werden. Auch bei Diogenes, dem mit Abstand grössten deutschschweizer Verlag, arbeitet man am elek­tronischen Buch. «Wir werden zu Beginn des nächsten Jahres mit rund 100 Titeln starten», sagt Geschäftsführer Stefan Fritsch.

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Auf welchem Niveau sich die Preise für E-Books einpendeln werden, ist freilich noch unklar. «Bis jetzt herrschte die Meinung vor, dass im Internet alles gratis ist», sagt Haag. E-Books bei Amazon waren für unter 5 Franken zu haben. «Die Preise werden etwas unterhalb der Hardcoverpreise liegen, nach Erscheinen der Taschenbuchausgabe auf deren Niveau», sagt Fritsch von Diogenes. Ob das reichen wird, hängt von der Beliebtheit der elek­tronischen Bücher ab. Sollten sich E-Books zum Renner entwickeln und den Marktanteil der Bücher zurückdrängen, könnte es eng werden. Denn Kosten einsparen können die Verlage mit den E-Books nur im kleinen Rahmen. Die Produktions- und Distributionskosten für klassische Bücher belaufen sich nur auf 10 bis 20 Prozent des Endpreises.

Im Moment ist der Marktanteil der E-Books noch gering. «Er liegt in der Deutschschweiz bei 1 bis 2 Prozent des Umsatzes», schätzt Dani Landolf, Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbands SBVV. Das Volumen werde aber noch «deutlich zunehmen». Die Preise für Lesegeräte, Tablets oder E-Reader werden sinken. Zum anderen kommt es zu einem Gewöhnungseffekt. «Irgendwann wird es für viele Menschen nicht mehr speziell sein, auf einem Bildschirm zu lesen», sagt Landolf. Kein & Aber-Gründer Peter Haag wertet die jetzige Entwicklung der Digitalisierung gar als ähnlich bedeutsam wie die Erfindung des Buchdrucks. «Es ist toll, dass wir eine vergleichbare Revolution miterleben dürfen», meint er.

Der Euro drückt die Margen

Kein & Aber hat sich in den letzten 14 Jahren zum zweitgrössten belletristischen Buchverlag der Deutschschweiz entwickelt. Nur Diogenes ist grösser. Zusammen mit dem AT-Verlag, Orell Füssli und einer Handvoll anderer Verlage bilden sie die Gruppe der grossen, oftmals stark exportierenden Deutschschweizer Verlage. Diogenes exportiert 90 Prozent seiner Produkte, Kein & Aber 85 Prozent. Da fällt der schwache Euro-Kurs stark ins Gewicht. Alle grossen Schweizer Verlage klagen über schrumpfende Margen. «Es ist mir unverständlich, warum Verlage gar keine staatliche Unterstützung im Bezug auf die Euroschwäche bekommen», sagt Haag.

Politische Herausforderungen

Staatliche Unterstützung ist zurzeit ohnehin das grosse Thema im Schweizer Buchgeschäft. Nachdem der Nationalrat am 26. September dem Literatur- und Verlagsförderungsmodell «Succès Livre» eine definitive Absage erteilt hat, steht nun wieder die Buchpreisbindung im Rampenlicht. 2007 wurde die gesetzliche Regulierung der Bücherpreise vom Bundesgericht als unzulässige Preisabsprache qualifiziert und damit abgeschafft. Im Frühling dieses Jahres führte sie das Parlament in einer äusserst knappen Abstimmung wieder ein, worauf ein Komitee aus mehrheitlich FDP- und SVP-Politikern das Referendum ergriff. Die Unterschriften sind mittlerweile zusammen, die Volksabstimmung wird im nächsten Jahr stattfinden. In der Buch- und Verlagsbranche rüstet man sich zum Kampf. «95 Prozent der Buchbranche stehen hinter der Buchpreisbindung», sagt Verbandspräsident Dani Landolf.

Nicht dazu gehört Ex Libris. Die Migros-Tochter hat aktiv Unterschriften gesammelt. Die Buchpreisbindung würde ihre Discountstrategie gefährden. «Die Abschaffung der Buchpreisbindung führt dazu, dass der Grossteil der Bücher teurer wird, nicht billiger», sagt Diogenes-Manager Fritsch. Billiger werde nur eine Handvoll Bestseller, an denen «alle Verlage und Händler weniger verdienen». Bis jetzt könne man mit den Bestseller-Einnahmen Bücher, die ein kleineres Publikum ansprechen, quersubventionieren. «Ein Verlag, der sein Programm nur am wirtschaft­lichen Erfolg auszurichten versucht, wird zwangsläufig an Strahlkraft verlieren», sagt Fritsch. Auch Kein & Aber-Gründer Haag setzt sich für die Buchpreisbindung ein – obwohl er sie für ein Vehikel aus dem 19. Jahrhundert hält. Aber solange die Politik keine anderen Mittel finde, um die Vielfalt in der Literatur zu erhalten, solange man lieber Kampfjets kaufe, als ein Literaturförderungsprogramm anzunehmen, so lange brauche es die Buchpreisbindung. «Wissen Sie», sagt Haag, während er sich aufrecht hinsetzt, «sobald es um Kultur geht, gibt es in der Schweiz einen Reflex nach innen. Als über die neue Rechtschreibreform debattiert wurde, da sagten die Schweizer zu den Deutschen und Österreichern: ‹Es ist eure Sprache, entscheidet ihr›. Ich würde gerne in einer Schweiz leben, die auch im Kulturellen selbstbewusst auftritt, nicht nur im Wirtschaftlichen.» Für einen Moment verliert der Mann seine Gelassenheit.

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(rcv)