Gut ein Jahr ist es her, als Tidjane Thiam die Führung der Credit Suisse übernahm. Seitdem musste der neue CEO fast nur schlechte Nachrichten verkünden. Das dürfte am Donnerstag nicht anders sein: Analysten erwarten, dass die Grossbank im zweiten Quartal erneut einen hohen Verlust gemacht hat. Morgan Stanley schätzt das Minus auf 256 Millionen Franken. Ein Jahr zuvor hatte die CS noch etwas mehr als 1 Milliarde Franken Gewinn geschrieben.

Die CS steht mit ihren schlechteren Zahlen nicht alleine da. Schon die US-Grossbanken haben deutliche Gewinnrückgänge verkündet, die Deutsche Bank hielt sich nur knapp in den schwarzen Zahlen. Und Analysten erkennen bei der CS Lichtblicke: Gegenüber dem Verlust von 300 Millionen Franken im ersten Quartal fällt das Ergebnis wohl besser aus. Die CS profitiert ausgerechnet von jenem Geschäft im Investment Banking, das Thiam stark verkleinern will: den Handel mit festverzinslichen Anlagen.

Ein Berg von riskanten Anlagen

Durchatmen kann Thiam aber auf keinen Fall. Schliesslich hat die Grossbank weiterhin Dutzende von Milliarden Franken Risikopositionen in der Bilanz. Bankenprofessor Maurice Pedergnana schätzt diesen toxischen Berg in einem Blogbeitrag auf 120 Milliarden Franken. Um das Problem loszuwerden, benötigt die CS viel Eigenkapital.

Frisches Geld braucht die CS auch auf Druck der Nationalbank – die SNB hat der UBS und der CS aufgetragen, sich Milliarden an zusätzlichem Kapital zu beschaffen. Wegen dieses Kapitalbedarfs könnte die CS laut Morgan Stanley heuer die Dividende kürzen. Aus demselben Grund wird spekuliert, dass die CS erneut Kapital aufnehmen könnte. Die Bank erhofft sich auch viel zusätzliches Eigenmittel durch den partiellen Börsengang der Tochtergesellschaft Schweizer Universalbank (SUB).

Der Kurs hat sich leicht erholt

Die Probleme der CS spiegeln sich an der Börse: Zwar hat sich der Kurs seit dem Absturz unter 10 Franken Anfang Juli wieder auf 11,40 Franken erholt. Doch an der Börse ist die Bank mit einem Wert von knapp 24 Milliarden Franken weiterhin ein Schnäppchen. In ihren Büchern bewertet sich die Credit Suisse selber mit 45 Milliarden Franken – also mit fast doppelt so viel.

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Verschiedene Beobachter sehen die zweitgrösste Schweizer Bank darum weiterhin als Übernahmekandidatin. Bankenprofessor Pedergnana nennt in seinem Blogbeitrag sogar zwei mögliche Käufer: Die US-Grossbanken Morgan Stanley oder Wells Fargo.

Auf Thiam kommen also stürmische Monate zu. Damit steht er nicht allein. Andere Bankenchefs in Europa übernahmen wie der Ivorer im vergangenen Jahr ebenfalls das Ruder: Alle starteten wie Thiam als Hoffnungsträger und sind heute gewaltig unter Druck. So kürzte etwa der neue Barclays-Chef Jes Staley im Frühjahr die Dividende bei der Grossbank (siehe Bildergalerie oben).

UBS schreibt solide Gewinne

Die Schweizer Nummer eins muss hingegen keine Übernahme fürchten: Obwohl auch die UBS-Aktie seit Jahresanfang um fast ein Drittel gesunken ist, ist die Bank in einer viel komfortableren Situation. Die UBS profitiert davon, dass sie ihren Fokus schon viel früher auf die Vermögensverwaltung ausgerichtet hat – und das risikobehaftete Investment Banking heruntergefahren hat.

Die UBS wird nach Schätzungen von Morgan Stanley am Freitag einen Quartalsgewinn von knapp 750 Millionen Franken präsentieren, ein Jahr zuvor hatte sie noch gut 1,2 Milliarden Franken verdient.

Das Problem in Frankreich

CEO Sergio Ermotti wird am Freitag aber dennoch mit unangenehmen Fragen konfrontiert werden. Denn die französische Justiz will die UBS laut Medien mit einer Busse von mehreren Milliarden Euro belegen. Wenn es wirklich dazu kommt, müssten womöglich auch die Aktionäre der UBS mit einer Dividendenkürzung rechnen.