Sie sind seit mehr als 25 Jahren in der Alheimer-Forschung, haben also all die Höhen und Tiefen der miterlebt. Gab es Momente, wo Sie sich schwer taten damit, dass die Forschung an Ort trat? Wo Sie dachten: Warum bin ich nicht in der Krebsforschung, wo sich so viel bewegt?
Nein, niemals. Ich war immer interessiert darin, was den Menschen zum Menschen macht, seine Erfahrungen und seine Gedanken; wie wir Menschen in der Welt funktionieren. Und das hat mit unserem Gehirn tun. Wie das Gehirn arbeitet und was es braucht, damit die Gehirnfunktionen erhalten bleiben. Zudem: Es ist ja nicht so, dass es keine Fortschritte gab. Wir kommen aus einer Zeit ganz ohne Medikamente. Heute haben wir zugelassene Medikamente, welche die Symptome bekämpfen; zumindest während einer gewissen Zeit führt das dazu, dass die mentalen Funktionen besser erhalten bleiben. Aber es ist schon so: Uns fehlen Therapien, die den Krankheitsverlauf dauerhaft verlangsamen oder wenn möglich sogar stoppen.

Sie haben selbst Patienten betreut, bevor Sie zu Roche kamen. Weshalb haben Sie sich entschieden, in die Industrie zu wechseln?
Weil Roche ein Unternehmen ist, das bei Alzheimer wirklich etwas ausrichten kann. Wir arbeiten ja nicht nur an Therapien, sondern auch an diagnostischen Instrumenten, um die Krankheit möglichst früh zu erkennen. Wir suchen Biomarker, also körperliche Indikatoren, die auf Alzheimer hinweisen, bevor die Krankheit ausbricht, oder die uns Aufschluss geben, wie schnell die Krankheit fortschreitet. Wir arbeiten an digitalen Tools zur Früherkennung oder um den Krankheitsverlauf besser beobachten zu können und hoffen, irgendeinmal präventive Therapien zu haben. Das alles wäre sehr hilfreich für die Patienten und ihre Familien. Unser Anspruch ist, für alle Alzheimer-Patienten eine Lösung zu haben.

Rachelle Doody

Rachelle Doody ist Global Head of Neurodegeneration bei Genentech und damit die oberste Forscherin des Roche-Konzerns im Bereich von Krankheiten wie Alzheimer und Demenz. Zuvor war sie Professorin für Neurologie am Baylor College of Medicine in Houston, wobei sie ebenfalls primär in der Alzheimer-Forschung tätig war.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie hörten, dass Biogen die Zulassung für ein Alzheimer-Medikament beantragen wird?
Uns liegen natürlich nicht die genauen Daten vor. Aber ich denke alle, die sich wie ich mit Alzheimer beschäftigen, sind froh über jede potentielle Verbesserung für die Patienten. Jeder mögliche Fortschritt für Patienten ist zu begrüssen, egal wo er herkommt.

Ändert sich damit etwas bei Roche?
Nein, für uns ändert sich nichts. Wir haben seit Jahren ein breit aufgestelltes Forschungsprogramm zu Alzheimer und treiben die Entwicklung unsere eigenen Moleküle energisch voran. Ob ein Molekül erfolgreich ist oder scheitert, wird durch wissenschaftliche Daten bestimmt.

Aducanumab, der Wirkstoff von Biogen, der nun womöglich Medizingeschichte schreiben wird, ist ein Amyloid-Antikörper – also ein Molekül, das eines der beiden Proteine unschädlich macht, die für die mit Alzheimer verbundenen Ablagerungen im Gehirn verantwortlich sind. Die Wirkstoffkategorie hatte nach dem Scheitern zahlreicher Studien, darunter auch einer von Roche, nicht mehr viel Kredit. Heisst das, die Amyloid-Antikörper sind wieder im Spiel?
Die Wissenschaft war immer der Meinung, dass die Amyloide ein wichtigstes Ziel für mögliche Behandlungen sind. Die Misserfolge in früheren Studien haben daran nichts geändert.

«Es kann sein, dass wir irgendwann eine Mischung aus Ansätzen haben, die sowohl präventiv als auch behandelnd »

Sind die Amyloide der Grund für die Krankheit oder eine Folge von ihr?
Das ist eine wichtige Frage, die uns in der Wissenschaft umtreibt: Wie ist die Beziehung zwischen der Krankheit und den Amyloiden genau? Wir wissen, dass die Überproduktion von Amyloiden bei rund 1 Prozent der Patienten auf eine genetische Mutation zurück zu führen ist. Bei den restlichen 99 Prozent der Patienten wissen wir, dass die Amyloide ein Teil der Erkrankung sind, aber vielleicht ist das nicht die ganze Geschichte.

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Und wie könnte die ganze Geschichte aussehen?
Man muss vorsichtig beim Spekulieren sein. Es kann sein, dass wir irgendwann eine Mischung aus Ansätzen haben, die sowohl präventiv als auch behandelnd wirken. Und dass es für verschiedene Patientengruppen verschiedene Behandlungsansätze gibt.

«Wichtig ist es, dass wir schauen, ob die Therapie im weiblichen Organismus anders wirkt als im männlichen.»

Anfang Jahr hat Roche eine Studie mit Crenezumab gestoppt – dem Antikörper, den Sie zusammen mit dem Lausanner Biotech-Startup AC Immune entwickeln. Was haben Sie noch in der Pipeline?
Zur Zeit testen wir Crenezumab weiter in Kolumbien, an Patienten, die unter einer Form von genetisch bedingtem Alzheimer leiden; um zu schauen, ob sich hier eine Verbesserung ergibt, wenn man den Wirkstoff frühzeitig verabreicht, bevor Symptome auftreten. Und wir sehen ob wir daraus etwas für die 99 Prozent Patienten lernen können, die keine genetische Disposition haben. Wir haben zwei weitere Moleküle in der späten klinischen Entwicklung – eines ist Gantenerumab, ein weiterer Amyloid-Antikörper, und eines ist ein Antikörper gegen Tau, das zweite Protein, das sich bei Alzheimer-Patienten im Gehirn akkumuliert.  Und wir haben eine ganze Reihe von Projekten im vorklinischen Stadium: Wir suchen nach genetischen Ansätzen, wir verfolgen Projekte, die bei der Entzündung ansetzen, die durch Alzheimer im Gehirn versursacht werden. Und wir haben eine frühe klinische Studie mit einer «Gehirn-Shuttle»-Version von Gantenerumab in der Pipeline.

Das müssen Sie erklären.
Die Blut-Gehirn-Schranke schützt das Gehirn gegen toxische Stoffe und gegen Krankheitserreger, die in den Blutbahnen zirkulieren. Das führt dazu, dass nur ein Bruchteil der Antikörper ins Gehirn des Patienten gelangen; etwa 0,1 bis 0,2 Prozent. Wir arbeiten deshalb an Technologien, die geeignet sind, deutlich höhere Dosierungen unterschiedlicher Antikörper durch die Blut-Gehirn-Schranke zu schleusen.

Wenn das gelingt, dann könnte die Dosis gesenkt werden.
Es ist zu früh, um solche Schlussfolgerungen zu ziehen. Denkbar ist, dass man weniger Antikörper braucht. Wir hoffen aber auch, dass diese Technologie dazu führt, dass sich der Wirkstoff besser im Gehirn verteilt und damit länger wirkt.

Zwei Drittel der Alzheimer-Patienten sind Frauen. Wie tragen Sie dem Rechnung?
Das ist richtig. Das kommt zum Teil daher, dass Frauen statistisch älter werden als Männer. Das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, ist für Männer und Frauen in etwa gleich. In Studien sind es etwas mehr Männer, mal mehr Frauen in einer gegebenen Population. Das kann sich von Klinik zu Klinik ändern. Es gibt deshalb keine Notwendigkeit, das Geschlechterverhältnis von Frauen und Männern in den Studien zu korrigieren. Wichtig ist es, dass wir schauen, ob die Therapie im weiblichen Organismus anders wirkt als im männlichen. Doch das tun wir immer, wenn wir klinische Studienresultate anschauen. Die höhere Prävalenz in Frauen ist nicht der Grund, warum die Last von Alzheimer vor allem bei den Frauen liegt.

Sondern?
Alzheimer belastet die Frauen viel mehr, weil sie oft die Last für die Betreuung tragen, als Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter. Man darf nicht vergessen, dass diese Krankheit oft für das gesamte Familienumfeld eine Herausforderung ist.

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Wie viele Patienten hat Roche im Moment bei Alzheimer in klinischen Studien?
Es sind 2'700 rund um die Welt. Roche gehörte zu den ersten Unternehmen, die China in die klinischen Studien einbezog. Bei Alzheimer, aber auch bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson und Huntington war das von Anfang an der Fall.

Hoffnung Aducanumab. In der Alzheimer-Forschung ist die Hoffnung zurück. Im Oktober gab das amerikanische Biotechunternehmen Biogen bekannt, dass es nun doch die Zulassung für den Wirkstoff Aducanumab beantragen wird. Dies, nachdem es noch im Frühling geheissen hatte, die Daten reichten dafür nicht aus. Am 5. Dezember 2019 ging Biogen an einem Alzheimer-Kongress in San Diego in die Details. 

Erste Aussagen: Bei einem Antikörper kam es zu einem statistisch signifikanten Effekt: Bei den Patienten, die hochdosiert mit Aducanumab behandelt wurden, kam es zu in einer Verlangsamung des mit Alzheimer verbundenen kognitiven Niedergangs – im Umfang von 23 Prozent. Bei den Patienten, die eine tiefe Dosis bekamen, lag die Quote bei 14 Prozent – sie war also nicht signifikant. Bei einem anderen Antikörper kam es bei den Patienten mit der hohen Dosis zu einer Verlangsamung des kognitiven Niedergangs im Umfang von zwei Prozent, bei denjenigen mit der tiefen Dosis verschlechterten sich die Indikatoren um zwölf Prozent. +++ Mehr.

Konzentrieren Sie sich auf alternde Gesellschaften?
Alle Gesellschaften altern. Als ich das letzte Mal nachschaute, war Bangladesh die am schnellsten alternde Bevölkerung der Welt. Das war, weil die Sterblichkeit bei den Jüngeren sinkt. Wir richten unsere Studien nicht danach aus, wo es am meisten potentielle Patienten gibt. Wir setzen Studien soweit möglich global auf und arbeiten dort, wo man klinische Studien professionell durchführen kann.

Heisst das, wir werden irgendwann Alzheimer-Früherkennung machen – so wie wir das heute bei Krebs machen?
Das ist das Ziel. In Europa haben wir bereits einen Test auf dem Markt, der die Amyloid- und Tau-Konzentration in der Wirbelsäulenflüssigkeit misst, in den USA hat das Verfahren einen privilegierten Zulassungsstatus. Nun arbeiten wir an Testverfahren, die weniger invasiv sind, darunter Blut- und Online- oder Digitaltests.

Trotzdem, von aussen sieht es aus, als tue sich kaum etwas bei Alzheimer – einmal abgesehen vom möglichen Durchbruch bei Biogen.
Ich verstehe, dass man zu diesem Eindruck kommen kann. Doch er ist nicht richtig. Wir arbeiten daran, für jeden Patienten die individuell richtige Lösung zu finden, um die Krankheit möglichst früh zu erkennen und um sie behandeln zu können.

Aus Ihrer praktischen Erfahrung: Denken Sie, die Menschen wollen es wissen, wenn sie ein erhöhtes Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken?
Unbedingt. Die meisten Leute wollen das wissen. Selbst wenn es keine definitiven Behandlungsmöglichkeiten gibt. Wenn wir um die Risiken wissen, dann können wir unser Leben ändern. Ich betrachte Information als etwas Positives.