Mit dem geleasten Auto noch schnell ein Gratishandy abholen und dann mit der Kreditkarte ab in die Einkaufsmeile nach dem Motto: Heute kaufen, morgen bezahlen. Mit Ausnahme des Bezahlens stimmt das für viele Jugendliche. 85% der 14- bis 24-Jährigen bezeichnen Shoppen als ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Und jeder Vierte gibt mehr Geld aus, als er hat. Das ergab eine breitangelegte Studie der AG für Werbemedienforschung (Wemf).

«Die erste Klippe lauert im Alter zwischen 13 und 14 Jahren, hier beginnt sprunghaft das Schuldenmachen mit kleineren Beträgen. Das steigt dann kontinuierlich an bis zum 18. Geburtstag», sagt Bettina Bickel, Pressesprecherin von Intrum Justitia. «Dramatisch wird es ab 19 Jahren. 41,2% der Jugendlichen machen zwischen 18 und 19 Jahren in grösserem Ausmass Schulden», hat Bickel auf Grund von Untersuchungen festgestellt.

Frauen stärker verschuldet

Bei jedem Zehnten macht die Schuldensumme mehr als 1000 Fr. aus. Das lässt sich erklären. Zu diesem Zeitpunkt haben viele die Lehre abgeschlossen, leisten sich ihre erste Wohnung und ein eigenes Auto. Interessant ist, dass der Anteil der Frauen unter den verschuldeten Jugendlichen 63% ausmacht.

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Eine Schuldenkarriere beginnt gemäss Jürg Gschwend, Präsident des Dachverbandes Schuldenberatung, meist unverdächtig und schleichend. Auf Pump zu leben gehört für viele Kids zum «Courant normal». Irgendwann schnappt die Schuldenfalle zu. Viele Jugendliche unterschätzen, was auf sie zukommt: Krankenkassenprämien, Steuern, Autoversicherung, Handyrechnungen, Zinsen.

Obwohl alle Studien und es gibt deren viele zum Thema Jugendverschuldung konkrete Angaben über die Alterskategorien, Einkaufsgewohnheiten und Höhe der Einzelausstände machen können, beklagen weder Banken noch Boutiquen oder Handyanbieter besonders hohe Ausfälle. Wie kommt das? «Das hängt damit zusammen, dass wir die Eintrittsschwelle für unsere PlusCard hoch angesetzt haben», sagt Ernst Pfenninger, Pressesprecher von Globus. Der Antragsteller muss sein Einkommen deklarieren, dann wird eine Auskunft bei der Zentralstelle für Kreditinformation (ZEK) eingeholt. Wenn diese Bonitätsprüfung noch nicht befriedigend ausfällt, wird ein Auszug aus dem Betreibungsregister angefordert.

Auch bei den Banken ist man vorsichtig geworden. Gemäss Pressesprecher Franz Würth von den Raiffeisenbanken wird die Eintritts-Latte für einen Kredit-Antragsteller, der jünger als 25 ist, besonders hoch gelegt. Nach den üblichen Bonitätsabklärungen wird ihm eine Verschuldens-Limite von 10 bis 30% zugestanden. Überzieht er den Kredit, ist Schluss: «Einen zweiten Kredit geben wir grundsätzlich nicht.» Bei der UBS kann ein Jugendlicher ab 12 ein Konto eröffnen, aber nur mit Zustimmung der Eltern. Ab 15 kann er dies selber tun, muss es aber als Lohnkonto verwenden. Wird überzogen, bekommt der Inhaber sofort eine Mahnung. Zahlen über solche Vorfälle gibt Florian Michel von der Pressestelle keine bekannt. Aber es seien in den letzten Jahren praktisch keine Zunahmen verzeichnet worden.

Alle Untersuchungen erwähnen die Handyausgaben als ersten Grund für die relativ hohe Verschuldung von Jugendlichen. Erstaunlich: Handyanbieter beklagen praktisch keine Ausfälle. «Das hängt damit zusammen, dass immer mehr Jugendliche ein Prepaid-Handy benützen», sagt Swisscom-Pressesprecher Sepp Huber. Zahlen über nicht bezahlte Handyrechnungen gebe es keine.

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Auch bei Sunrise weist Pressesprecher Kian Ramesani auf die hohe Zahl der jugendlichen Prepaid-Kunden hin. Ab 18 können Jugendliche mit Zustimmung der Eltern ein Abo lösen. Werden die Rechnungen nicht bezahlt, flattern mehrere Mahnungen ins Haus. Ein Inkassobüro sorgt dafür, dass die Schulden eingetrieben werden. Therese Wenger von Orange beteuert, das Kontroll- und Mahnwesen sei wesentlich verbessert worden. Orange scheint am langmütigsten zu sein. Wer 51 Tage nach Rechnungsstellung nicht bezahlt, bekommt die erste Mahnung, nach 58 Tagen die zweite per SMS. Nach 65 Tagen werden die ausgehenden Anrufe gesperrt. Nach 74 Tagen gibt es nochmals eine Mahnung. Wenn dann noch immer keine Zahlung eingeht, wird die SIM-Karte vollständig gesperrt.

Kaum Klagen

In den Boutiquen von Esprit, Hermès und Lacoste weiss man nichts von Jugendlichen, die Rechnungen nicht bezahlen können, obwohl in allen Studien davon die Rede ist, dass die Kids besonders viel Geld für Luxuskleider ausgeben. Warum klaffen die Zahlen über die Jugendverschuldung und die Beteuerung der Betroffenen, es sei alles paletti, so weit auseinander? Für Bettina Bickel ist klar: Niemand will zugeben, dass er zahlungsunwillige Kunden und das Mahnwesen nicht im Griff hat.

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Remo Sami von «Plusminus», das eine nationale Kampagne (Max.Money) gegen die Überschuldung von Jugendlichen gestartet hat, weiss: Diese geben im Schnitt 40 bis 50 Fr. pro Monat fürs Handy aus. Er verweist auf eine Studie der Uni Zürich, die in Gymnasien und Berufsschulen durchgeführt worden ist. Ergebnis: Ein Fünftel der Gymnasiasten hat Schulden, bei den Berufsschülern ist es ein Viertel . Insgesamt sagen nur 8,4%, sie hätten Sorgen mit Handyausgaben.