Eine Umfrage der «Handelszeitung» zeigt: Die Versicherer rechnen im Jahr 2009 mit einer höheren Schaden-Kosten-Quote (Combined Ratio, siehe Kasten). «Aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeiten gehen wir davon aus, dass die Schadenbelastungen 2009 höher als in vergangenen Jahren ausfallen werden», sagt Philipp Gmür, CEO Helvetia Schweiz, stellvertretend für die angefragten Schweizer Versicherungen. So sei die Schadenbelastung 2008 im gesamten Nichtlebenbereich auch im langjährigen Vergleich sehr tief gewesen. Je höher die Combined Ratio ausfällt, umso weniger Einnahmen generieren die Versicherungen aus dem Sachgeschäft. Folge: Die Prämien werden steigen. «Offen bleibt aber, wer den ersten Schritt macht», sagte Manfred Knof, CEO Allianz Suisse, gegenüber der «Handelszeitung».

Ein möglicher Anstieg der Combined Ratio steht bisher nicht im Zusammenhang mit dem Wetter. «Das laufende Jahr ist bis anhin kein Schadenjahr, was das Wetter anbelangt», sagt Christian Wegmüller, Leiter Markt Management bei Mobiliar. Viel eher haben sich einzelne Assekuranzen den Anstieg ihrer Schadenquote teilweise selber zuzuschreiben. «Viele Versicherer haben in den letzten Monaten mit Dumpingpreisen zusätzliche Kunden angeworben», sagt Hans Künzle, CEO Nationale Suisse (siehe «Nachgefragt»). Entsprechend werde die Retourkutsche folgen. «Nicht risikodeckende Prämien führen früher oder später zu einer Verschlechterung der Combined Ratio», sagt Künzle.

Aber auch im gesamten Versicherungsgeschäft dürfte es zunehmend schwierig werden, gute Ergebnisse zu schreiben. «In rezessiven Zeiten ist grundsätzlich eine erhöhte Schadenfrequenz festzustellen», sagt Andreas Krümmel, Leiter Nichtlebenbereich der Axa Winterthur. Zudem weisen einzelne der angefragten Versicherer darauf hin, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht zuletzt die Zahl der Missbräuche steigt. Dennoch hinkt das Versicherungsgeschäft generell dem allgemeinen Konjunkturzyklus hinterher. Daher rechnet beispielsweise der Helvetia-Schweiz-CEO für 2009 mit einem leichten Rückgang des Prämienwachstums. «2010 wird sich aber die Situation eher verschärfen», so Gmür.

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Gefahr: Krankentaggeld

Besonders die Unfall- und Krankentaggeldversicherung bereitet den hiesigen Assekuranzen zunehmend Sorge. «Aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise gehen wir davon aus, dass das Krankentaggeld-Geschäft während der nächsten ein, zwei Jahre massiv unter Druck geraten wird», sagt Bâloise-Mediensprecher Amos Winteler. Der Grund liegt darin, dass diese Einnahmen in Abhängigkeit zur Lohnsumme stehen. Entsprechend rechnen die hiesigen Versicherer aufgrund des zunehmenden Stellenabbaus und der geringeren Lohnerhöhungen mit Einbussen in diesem Segment. Aber auch die sinkende Bereitschaft zur Reintegration von erkrankten Arbeitnehmern und die zunehmende Tendenz zur bewussten Invalidisierung lastet auf den Versicherern.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, haben nun mehrere Versicherer sogenannte betriebliche Gesundheitsmanagement-Massnahmen eingeleitet. Dies dient zur Senkung krankheitsbedingter Fehlzeiten. Damit kann ein mögliches Kostenwachstum im Krankentaggeld frühzeit erkannt und teilweise umgangen werden.


NACHGEFRAGT

Hans Künzle, CEO Nationale Suisse, Basel
«Zahl der Missbräuche steigt»

Bereitet Ihnen die Wettersituation in der Schweiz zunehmend Sorge?

Hans Künzle: Das 1. Halbjahr 2009 war wiederum geprägt von wenig Hagel- und Überschwemmungsschäden. Das heisst, dass die Schadenentwicklung bisher günstig war. Der Schadensatz hängt aber generell sehr stark von einem qualitätsorientierten Underwriting - also genaue Betrachtung der zu zeichnenden Risiken - und einem professionellen und kundenfreudlichen Schadenmanagement ab.

Wird Nationale Suisse ihre Combined Ratio - also Schaden- Kosten-Quote von 97,7% 2009 halten können?

Künzle: Da die Combined Ratio für einen Versicherer erst am 31. Dezember um 24.00 Uhr feststeht - es kann nämlich noch im Dezember zu Stürmen kommen - ist es noch zu früh, Prognosen für 2009 zu stellen. Allerdings war unsere Schadenentwicklung im vergangenen 1. Halbjahr gut. Das wird zu weiteren Verbesserungen gegenüber dem letzten Jahr führen.

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Was machen Sie besser als die Konkurrenz?

Künzle: Viele Versicherer haben in den letzten Monaten mit Dumpingpreisen zusätzliche Kunden abgeworben. Da wird es zu einer Retourkutsche kommen, weil nicht risikodeckende Prämien früher oder später zu einer Verschlechterung der Combined Ratio führen. Nationale Suisse hat einen anderen Weg gewählt. Wir hielten und halten an risikogerechten Prämien fest.

Welchen Einfluss hat die laufende Rezession auf die Combined Ratio der Versicherer?

Künzle: Generell wird die Rezession negative Folgen auf den Schadenverlauf haben. Die Versicherten sind zum Beispiel öfter krank. Dazu kommt, dass in wirtschaftlich engen Zeiten die Anzahl der Missbräuche steigt. Im Interesse aller Versicherten kommt dem Missbrauchsmanagement daher grössere Bedeutung zu. Auch wir haben dieses in den letzten Jahren verstärkt.

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Wie wirkt sich die Rezession allgemein auf Ihren Geschäftsverlauf aus?

Künzle: Viele Kunden sind noch preissensitiver geworden und schauen sich genauer an, welchen Versicherer sie wählen. Das sind durchaus auch Chancen. So verfügen wir beispielsweise über smile.direct, womit die Kunden ihr Fahrzeug oder ihren Hausrat preisgünstig über das Telefon oder das Internet versichern können.

Wie entwickelt sich Ihre Nischensparte, die Kunstversicherung, im aktuellen Umfeld?

Künzle: Auch in der Kunstversicherung bieten sich Chancen. So führt die momentane Situation bei den Kunden zu einem erhöhten Risikobewusstsein. Dementsprechend werden Kunstgegenstände oder Schmuck eher versichert als in Zeiten der Hochkonjunktur.