GESUNDHEITSKOSTEN. Für Versicherungsunternehmen öffnet sich ein attraktiver Markt – die Pflegeversicherung. «Die Unternehmen werden Lücken im Sozialversicherungssystem mit attraktiven Ergänzungsversicherungen abdecken», prognostiziert Sabine Alder vom Schweizerischen Versicherungsverband SVV. Es werde ein Wettbewerb zwischen Krankenversicherern und Privatversicherern entstehen, vermutet auch Peter Marbet, Sprecher des Krankenkassenverbands Santésuisse, nach dem Parlamentsentscheid in der vergangenen Herbstsession (siehe Kasten).

Daniel Lang, Projektleiter am Institut für Versicherungswissenschaft der Universität St. Gallen, glaubt, dass vor allem die Privatversicherer profitieren. «Die Assekuranz verfügt über ein Vertriebsnetzwerk, welches in der Lage ist, eine Pflegeversicherung als Kapitalschutz- und Assistanceversicherung zu positionieren», sagt er. Die Chance der Krankenversicherer liege hingegen bei Pflegezusatzversicherungen in Ergänzung zur Grundversicherung. Voraussetzung sei allerdings, dass die Versicherung nicht teuer und die Risikoprüfung nicht rigoros sei.

Schweizer Angebote florieren

In anderen Ländern sind private Pflegeversicherungen bereits stark verbreitet. So wurden in den USA in den vergangenen 30 Jahren rund 10 Mio Verträge abgeschlossen. Und in Frankreich stopfen mit solchen Lösungen rund 1,7 Mio Personen mit einem jährlichen Prämienvolumen von 300 Mio Euro die Deckungslücken des Sozialversicherungssystems. In der Schweiz sind erst vereinzelte Angebote vorhanden. Es sind einerseits Produkte im Rahmen der 3. Säule und andererseits Krankenzusatzversicherungen. Helsana zählt bereits 124000 Kundinnen und Kunden bei ihren Langzeitpflege-Angeboten Cura und Vivante. Auch bei Visana nutzen 100000 der rund 800000 Versicherten Produkte in diesem Bereich. «Das Interesse an Pflegeversicherungen könnte schon bald merklich zunehmen», erwartet François Vetri von Generali. Der Privatversicherer mischt seit einem Jahr mit einer neuen Generation der Pflegerente im Markt mit. Mit ihrer Initiative terzAvita ist die Helvetia ebenfalls aktiv im Kundensegment 50+ und beteiligt sich zudem als Investorin an der Tertianum-Gruppe. «Bereits jeder zweite Kunde bei uns ist älter als 50 Jahre. Das bedeutet, dass jeder siebte Schweizer über 50 Jahre Kunde der Helvetia ist. Darin liegt ein enormes Potenzial», sagt der Leiter Marktleistungen, Thomas Bahc. Eigentliche Pflegeversicherungen bietet die Helvetia zwar nicht. Doch engagiert sich das Unternehmen im Bereich der Pensionsplanung. Bei den Rentenversicherungen wie auch im Anlagebereich sieht die Helvetia noch beachtliches Wachstumspotenzial.Ein bedürfnisgerechtes Angebot zu lancieren, das das Langzeitrisiko finanziell absichert, sei auch für die CSS ein Thema, meint Direktionsmitglied Stephan Michel. Bei Zurich Financial Services hat man ebenfalls mehrere Optionen analysiert und will reagieren, je nachdem, wie sich die rechtlichen und steuerrechtlichen Rahmenbedingungen entwickeln.

Anzeige

Absturzgefahr ist klein

Trotz intakten Wachstums-chancen bei Pflegerisikoprodukten rechnet allerdings niemand mit einem Boom, der den gesättigten Schweizer Versicherungsmarkt auf den Kopf stellen würde. Denn die gesetzliche Lösung mit Ergänzungsleistungen und Hilflosenentschädigung deckt trotz Vermögensverzehr die grossen Pflegerisiken ab, sodass die wenigsten Betagten durch Pflegebedürftigkeit zum klassischen Sozialfall werden. Ausserdem sind laut den Experten Personen in jüngerem und mittlerem Alter schwer für den Abschluss einer Pflegeversicherung zu motivieren. «Man interessiert sich erst dann für eine Pflegeversicherung, wenn das Haus bereits brennt», so Christian Beusch, Mediensprecher von Visana. Dann seien die Prämien hoch, falls überhaupt noch eine Versicherung abgeschlossen werden könne. Abgesehen davon ist klar, dass für Personen mit kleinem Einkommen eine Pflegeversicherung unerschwinglich bleiben wird.Für Vermögende stellt Pflegebedürftigkeit kein Risiko dar. Als Zielgruppe machen die Versicherungen deshalb den oberen Mittelstand aus. Hier wäre der grösste Anreiz für den Abschluss einer Pflegeversicherung eine steuerfreie Säule 3c. Vorderhand ist eine solche jedoch nicht realisierbar. Wurde doch die Säule 3c vom Nationalrat klar abgelehnt.

Gesundheitskosten

Finanzierung