Seit Jahresbeginn jagt eine Naturkatastrophe die nächste. Die Erdbeben in Haiti und Chile sowie das Sturmtief Xynthia hinterliessen Spuren der Verwüstung. Und ein Grossteil der Naturereignisse, wie die Hurrikansaison in den USA, steht noch bevor. Dieser Umstand dürfte auch bei den Versicherern für zunehmend schlaflose Nächte sorgen.

Die zunehmende Belastung durch Naturkatastrophen führte beim US-Versicherer Travelers bereits dazu, dass dieser für das 1. Quartal 2010 einen Grossteil seiner in den letzten Jahren aufgebauten Reserven anzapfen musste. Aber auch die hiesige Zurich Financial Services (ZFS) und der Rückversicherer Swiss Re dürften kaum verschont bleiben. So rechnet Vontobel für ZFS im 1. Quartal mit einer Schadenbelastung durch Naturkatastrophen von 400 Mio Dollar und für Swiss Re von 700 Mio Dollar.

Mehr Autoschäden

Während global Erdbeben und Stürme höhere Schäden verursachen, bleibt es in der Schweiz ruhig. «In der Schweiz sind wir im 1. Quartal 2010 von grossen Elementarschaden-Ereignissen verschont geblieben», sagt Manfred Knof, CEO Allianz Suisse. Ins selbe Horn stossen Axa Winterthur, Bâloise, Mobiliar und Helvetia. Aber auch wenn keine Naturkatastrophen den Versicherern die Kosten in die Höhe treiben, hinterlässt das Wetter dennoch Spuren. «Bei der Motorfahrzeugversicherung ist die Anzahl Schäden aufgrund des strengen Winters leicht gestiegen», sagt Urs Berger, CEO der Mobiliar. Dies bestätigt auch Allianz Suisse. Nebenbei würden auch zunehmend grosse Hagelereignisse das Versicherungsgeschäft verstärkt belasten. Für Allianz Suisse fällt vor allem der Hagelzug vom Juli 2009 ins Gewicht. «Von den rund 14 000 Schadenmeldungen konnten bis Ende 2009 rund zwei Drittel erledigt werden», sagt Knof. Für die restlichen Schäden mussten für das Geschäftsjahr 2010 Rückstellungen gebildet werden.

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Die zunehmenden Hagelzüge werden für die Assekuranzen zu einer kostspieligen Angelegenheit. «In der Motorfahrzeugkaskoversicherung stieg der durchschnittliche Aufwand pro Schadenfall durch Hagelschlag aus den Jahren 2004 bis 2008 von rund 2500 Fr. im Jahr 2009 auf fast 3300 Fr.», sagt Knof. Dies entspricht einer Erhöhung von knapp 32%.

Im Nichtleben kommt es unabhängig vom Wetter zunehmend zu einer Schadenbelastung durch Feuer. «Wir haben eine Häufung von Bränden festgestellt», sagt der Mobiliar-CEO. Auch Bâloise dürfte beispielsweise beim Grossbrand in einem Bell-Kühlhaus in Basel als Teilversicherer ebenfalls mit einem Millionenbetrag belastet werden.

Krise noch nicht ausgestanden

Ob die Brände allenfalls mit der Rezession zusammenhängen, ist unklar. Für Helvetia ist die Häufung von Brandereignissen bisher reiner Zufall. «Man weiss aber, dass der Versicherungsbetrug in wirtschaftlich engen Zeiten eher zunimmt», sagt Philipp Gmür, CEO Helvetia Schweiz. In einem klaren Zusammenhang zur Rezession steht die Krankentaggeldversicherung. Und diese dürfte trotz allmählicher Erholung auch 2010 weiter unter Druck bleiben. «Die Entwicklung des Arbeitsmarktes schlägt sich erfahrungsgemäss verzögert auf den Schadenverlauf beim Krankentaggeld nieder», sagt Axa-Winterthur-Sprecher Olivier Michel. Damit könnte auf die Versicherer noch einiges zukommen. «Die Arbeitslosenquote ist trotz wirtschaftlicher Erholung noch relativ hoch. Wir können nicht entwarnen», sagt Gmür. Da die Einnahmen der Krankentaggeldversicherung in Abhängigkeit zu den Lohnsummen stehen, führen der vergangene Stellenabbau und die teilweise geringeren Lohnerhöhungen zu Einnahmeneinbussen.

 

 


Erdbebenschutz ist hängig

Trotz dem verheerendem Ausmass der vergangenen Erdbeben zeigt sich die Schweiz punkto Erdbebendeckung gelassen. Obwohl sich der Bundesrat im April 2009 dafür entschieden hat, die Erdbebenvorsorge mit einem Massnahmenpaket zu intensivieren, steht der Entscheid über eine flächendeckende Versicherung noch immer aus. «Derzeit wird die Produktlösung von uns und den beteiligten Parteien überprüft und gegebenenfalls angepasst», sagt Frank Keidel, Sprecher des Schweizerischen Versicherungsverbandes SVV. Uneinig sind sich vor allem die Versicherungsbranche und der Hauseigentümerverband (HEV). Während die Versicherer für eine obligatorische Erdbebedeckung votieren, teilt der HEV die Ansicht, dass sich die Bevölkerung im Falle eines schweren Erbebenereignisses auf die Unterstützung des Bundes verlassen können sollte.

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Das Tauziehen um eine obligatorische Erdbebenversicherung mit nach wie vor offenem Ausgang irritiert den Helvetia- Schweiz-CEO Philipp Gmür. «Wir versichern uns tendenziell gegen alles. Da ist es unverständlich, dass Folgen aus Erdbeben, welche ein enormes Schadenpotenzial aufweisen können, nicht gedeckt sind.» Der Grund für die weiterlaufende Verzögerung sieht Gmür unter anderem in der Wirtschaftskrise. «Derzeit brennen andere Themen unter den Nägeln; Versicherungsfragen haben es schwer auf der politischen Agenda», sagt er. (mw)