Luis und Michaela sind begeisterte Bahnfahrer. Doch diesmal macht es sich das Studentenpaar aus Zürich am Sihlquai in den Sitzen eines Fernbusses nach München bequem. Die Zeit im mit WLAN ausgestatteten Fahrzeug vergeht schnell. Rund vier Stunden nach der Abfahrt treffen sie mit dem Allgäu-Express am Ziel ein. Lediglich 25 Euro pro Person haben sie bezahlt.

Dass man mit dem Bus günstig nach München fährt, hat sich herumgesprochen. Zwar bedient auch die Bahn die bayrische Metropole. Aber das Streckennetz zwischen Bodensee und München ist nicht elektrifiziert. Ab Lindau ist eine Diesellok nötig. Der Bus ist schneller als der Zug.

Flächendeckendes Netz

Es liefern sich mehr als ein halbes Dutzend Anbieter zwischen Zürich und München einen erbitterten Konkurrenzkampf. Am 1. Januar 2013 ist in Deutschland ein Monopol gefallen: Seitdem sind Langstreckenverbindungen im öffentlichen Verkehr nicht länger für den Schienenverkehr reserviert. Nach der Liberalisierung überzieht ein flächendeckendes Fernbusnetz Deutschland. Als Branchenführer hat sich «Mein Fernbus» mit einem Marktanteil von 40 Prozent etabliert.

Die Nummer zwei ist die Deutsche Bahn, mit einem Anteil von 20 Prozent. Sie versucht mit einer eigenen Busflotte der Konkurrenz Paroli zu bieten. Und sie kannibalisiert das eigene Angebot. Ebenso gibt es Anbieter wie Flixbus und den von der Deutschen Post und dem Automobilclub ADAC betriebenen Postbus. Der ADAC-Postbus soll bald auch nach Zürich ­kommen.

Deutlich günstigere Tickets

Die im Vergleich zur Bahn deutlich günstigeren Tickets beruhen auf einer knappen Kalkulation. Mit Preisen von 4 bis 10 Cents pro Kilometer kämpfen die Anbieter um Fahrgäste. «Der Wettbewerb wird allein über den Preis geführt», sagt Patrick Angehrn, Geschäftsführer der Expressbus AG, des Marktführers in der Schweiz. Lohnend wird das Geschäft für die Unternehmen erst, wenn die Busse zu mindestens zwei Dritteln besetzt sind. «Mit der Auslastung auf unseren Linien sind wir sehr zufrieden», sagt Gregor Hintz, Sprecher von «Mein Fernbus», ohne Zahlen zu verraten. Die Busreisenden – es sind Studenten, Rentner, aber auch Geschäftsleute – schätzen Steckdosen, WLAN, Snacks und Liegesitze. Im schlechtesten Fall sind die Busse verspätet. Bezüglich Pünktlichkeit können sie nicht mit der Bahn mithalten.

Schon seit Jahrzehnten gibt es Fernbuslinien von der Schweiz ins Ausland. «Bis vor wenigen Jahren waren es Angebote fast ausschliesslich für in der Schweiz lebende Menschen mit Migra­tionshintergrund, die so in ihre alte Heimat im südlichen Europa reisten», sagt Andreas Windlinger, Sprecher des Bundesamtes für Verkehr.

Ausserhalb der EU gibt es Barrieren

Ein Konkurrenzkampf, wie er jetzt auf der Strecke Zürich–München tobt, wäre auf einer Route von der Schweiz in ein Nicht-EU-Land unvorstellbar. Der Grund ist eine gesetzliche Restriktion, wonach pro Strecke zwischen zwei Städten nur eine Konzession vergeben werden kann. Zudem erteilt das Bundesamt für Ver-kehr Konzessionen nur an Kooperationen zwischen schweizerischen Firmen und ­einem Unternehmen aus dem Zielstaat. Im Busfernverkehr Schweiz–EU exis­tieren hingegen keine derartigen den Wettbewerb einschränkenden Bestimmungen.

Mittlerweile werden von 40 Orten in der Schweiz via 150 Linien rund 400 Ziele in ganz Europa angesteuert, mehrheitlich in Ost- und Südeuropa. Ab Zürich, Bern, Basel oder Genf geht es also nach Palermo, Lissabon, Bukarest, Pristina oder eben nach Berlin oder Hamburg. Von Zürich in die Hansestadt dauert die Busreise 13 Stunden, mit dem Zug sind es 8 bis 10. Dort, wo ICE-Verbindungen bestehen, ist die Bahn also weiterhin schneller. Die günstigste Busfahrt nach Hamburg kostet 40 Franken, das Spar–Bahnticket hingegen knapp 100 Franken.

SBB: Keine Kannibalisierung

Auf der Strecke Zürich–München sind seit Dezember 2013 täglich vier Busse der SBB im Einsatz. Von Kannibalisierung des eigenen Schienenangebotes könne deswegen keine Rede sein, stellt SBB-Sprecherin Lea Meyer klar. Die SBB sieht die Busse bloss als temporäres Angebot. «Oberstes Ziel bleibt der Streckenausbau mit der raschen Elektrifizierung der Linie Zürich–München auf der deutschen Seite», so Meyer. Das soll bis 2019 realisiert sein. Bis dann kann also auf der Fernbuslinie Zürich–München weiter Goldgräberstimmung herrschen.

 

Der Markt für Fernbusse

Auf dem Markt für Fernbusse gibt es Grossanbieter sowie Kleinstunternehmen, die nur eine Strecke bedienen. ­Der einzige grössere Schweizer Anbieter ist die Expressbus AG in Weggis LU mit 13 ­Linien in Europa.

Linien Noch grösser als Expressbus ist nach Zahl der konzessionierten Linien – in diesem Fall 19 – die Eurolines Alsa+Egg­mann. Die ursprünglich schweizerische Firma befindet sich im Besitz der spanischen National Express.

Passagiere Zahlen zur Schweiz gibt es nicht. In Deutschland sollen 2013 bereits 9 Millionen ­Menschen auf den ­deutschen Fernbuslinien unterwegs gewesen sein. 60 Prozent der Passagiere waren ­zwischen 18 und 35 Jahren alt.

Anzeige