Wie hoch ist das Risiko, dass Rieter Konkurs anmelden muss?

Hartmut Reuter: Wir sind sehr hart von der wirtschaftlichen Entwicklung getroffen. Derzeit verhandeln wir mit den Banken, damit wir die bestehenden Kreditlinien ausschöpfen können. Wenn das möglich ist, geraten wir nicht in Schwierigkeiten, schliesslich sind wir sehr solide finanziert. Nur: Einen Umsatzrückgang von über 20% auf Konzernstufe muss man zuerst einmal verkraften. Die Restrukturierungskosten, gerade in Europa, sind sehr hoch. Daher ist es wichtig, dass wir die Kreditlinien ausschöpfen können.

Wie viel Cash verbrauchen Sie derzeit?

Reuter: Wir werden das Restrukturierungsprogramm, das uns 250 Mio Fr. kos-tet, noch in diesem Jahr verbuchen. Zusätzlich werden wir aufgrund der negativen Entwicklungen 100 Mio Fr. beim Goodwill abschreiben. Das heisst, dass wir insgesamt 350 Mio Fr. der diesjährigen Erfolgsrechnung belasten werden. Der Cash-abfluss wird vor allem 2009 wirksam.

Schreibt Rieter 2008 rote Zahlen?

Reuter: Beim Betriebsgewinn auf Stufe Ebit werden wir noch schwarze Zahlen ausweisen können. Auf Stufe Reingewinn werden wir aufgrund der Sonderbelastungen und des schlechteren Finanzergebnisses einen Verlust schreiben.

Sie verhandeln derzeit mit Ihren Banken. Wie verlaufen die Gespräche?

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Reuter: Die Kreditversorgung hat sich deutlich verändert. Bis vor kurzem war es kein Problem, Geld aufzunehmen. Nun ist dies nur noch eingeschränkt beziehungsweise zu viel teureren Konditionen möglich. Das merken alle Industrieunternehmen, auch wir.

Wirtschaftsministerin Doris Leuthard stellte die Idee in den Raum, Schweizer Firmen Direktkredite aus der Exportrisikogarantie zur Verfügung zu stellen. Was halten Sie davon?

Reuter: Ich kenne diesen Vorschlag und finde ihn gut. Bisher ist ausschliesslich den Banken Geld zugesprochen worden. Die Idee dahinter war ja, dass die Banken die Mittel zur Finanzierung verwenden ...

... was aber nicht passiert ...

Reuter: ... deshalb hat die Finanzierungsübung aus Sicht der Industrie ihr Ziel bislang verfehlt. Die Politik sollte der schwer angeschlagenen Autoindustrie meiner Meinung nach schon noch erklären, warum für sie kein Geld gesprochen wird, während weltweit 100 Mrd Dollar in die Finanzindustrie gepumpt wurden.

Könnte sich Rieter grundsätzlich vorstellen, auf Staatshilfe zurückzugreifen?

Reuter: Wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen, die notwendig sind.

Braucht auch die Schweizer Industrie Direkthilfe vom Staat?

Reuter: Wir haben eine Wirtschaftskrise, wie wir sie in den vergangenen 80 Jahren nicht gesehen haben. Der Abschwung trifft uns in einem Ausmass und mit einer Geschwindigkeit, mit der keiner gerechnet hat. Es ist jetzt absolut zentral, dass die Geldversorgung der Märkte so schnell wie möglich wieder in Gang kommt. Sonst drohen die verteilten Steuermilliarden im Finanzsektor zu versickern.

Es gibt noch andere Quellen, um zu Geld zu kommen, etwa mit einer Kapitalerhöhung. Ist auch dies eine Option für Rieter?

Reuter: Ich will zum heutigen Zeitpunkt nichts ausschliessen.

Falsche Produkte werden nicht nachgefragt, sagen kritische Stimmen. Hat auch Rieter Fehler gemacht?

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Reuter: Bei Bestellungsrückgängen von bis zu 65% in der Textil-Division, ohne dass wir Marktanteile verlieren, geht es nicht um die Frage, ob unsere Produkte gut oder schlecht sind. Analog ist die Lage in der Automotive-Sparte.

Mit der Automobil-Division beliefern Sie auch die kriselnden US-Hersteller. Prüfen Sie derzeit Ihr Kundenportfolio?

Reuter: Wir haben langfristige Kundenverträge. Derzeit führen wir intensive Gespräche, wie es weitergehen kann.

Worüber sprechen Sie?

Reuter: Über Kompensationen für die Rohmaterialpreissteigerungen, die uns bis Mitte 2008 stark belastet haben. Über selektive Preiserhöhungen bei Produkten, bei denen wir nicht genügend Margen haben. Und über Zahlungskonditionen.

Warum? Sinkt die Zahlungsmoral?

Reuter: Nein, wir haben bisher keine Ausfälle und werden pünktlich ? das heisst, zu den vereinbarten Konditionen ? bezahlt.

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Werden Sie sich von Kunden trennen?

Reuter: Ja, wenn es keine gemeinsame wirtschaftliche Basis mehr gibt.

Das hat auch Folgen auf Ihre Werkstruktur. Rieter verfügt weltweit rund 50 Produktionsstätten für die Automobilindustrie. Welche schliessen Sie?

Reuter: Per Ende Jahr schliessen wir ein Werk in den USA. Im Verlauf des nächsten Jahres legen wir in Spanien drei Werke zu einem zusammen. Im deutschen Bebra schliessen wir ebenfalls eine Produktionsstätte. In Frankreich werden wir in einem Werk die Kapazitäten reduzieren, die Verhandlungen laufen.

Reicht das?

Reuter: Aufgrund der jüngsten Volumenentwicklungen ist völlig klar, dass es weitere Massnahmen braucht ? von Kurzarbeit bis Stellenabbau und möglicherweise auch Werkschliessungen.

In den USA verfügen Sie mit zehn Werken über die meisten Standorte innerhalb eines Landes. Streichen Sie hier weiter?

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Reuter: Man darf nicht vergessen, dass wir in den USA zu einem signifikanten Teil für japanische Hersteller produzieren. Hier verzeichnen wir kaum Umsatzeinbussen, weil wir vom US-Zulieferer Collins & Aikman, der vor drei Jahren Konkurs ging, neue Aufträge übernehmen konnten.

Rieter Automotive hatte noch im September Pläne für eine Expansion nach Russland ? ein weisser Fleck auf Ihrer Karte ? geäussert. Ist das vom Tisch?

Reuter: Wir haben unsere Expansionsprojekte im Gleichschritt mit unseren Kundden auf Eis gelegt.

Wie viel investiert der Konzern 2009?

Reuter: Eine konkrete Zahl möchte ich nicht nennen. Im Vergleich zum Vorjahr werden wir die Investitionen massiv reduzieren und geben das Geld entsprechend der wirtschaftlichen Entwicklung frei. Wir haben für 2009 ein Budget gemacht, doch wir planen zurzeit eher kurzfristig.

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Wann läuft die Autoindustrie wieder an?

Reuter: Wir glauben, dass 2009 ein sehr schwieriges Jahr wird. Klar ist: Irgendwann werden sich Angebot und Nachfrage ausbalanciert haben. Wenn wir ehrlich sind, weiss heute niemand, wohin die Reise geht. Sogar die Herren renommierter Forschungsinstitute passen ihre Prognosen im Wochentakt an.

Neben dem Automobil-Geschäft baut Rieter auch noch Textilmaschinen. Jetzt stecken beide Sparten in der Krise. Zeit, sich von der Dualstrategie zu verabschieden?

Reuter: Die Strategie hat 25 Jahre funktioniert. Zudem muss man sich heute fragen, was die Alternativen in der aktuellen Situation wären. Entweder hätten wir nur ein Standbein ? und dann würden uns dieselben Probleme treffen, aber halt nur eine Sparte. Oder wir würden verschiedene Divisionen führen, doch in einer allgemeinen Wirtschaftskrise wären ebenfalls alle Geschäfte betroffen.

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Fiat-Chef Sergio Marchionne plädierte, dass Autohersteller und Zulieferer die Konsolidierung in ihrer Branche vorantreiben. Ist Rieter offen für Partnerschaften?

Reuter: Klar ist, dass etwas passieren muss. Die Konsolidierung wurde in den vergangenen Jahren von Private-Equity-Unternehmen verhindert.

Welche Rolle wird Rieter spielen?

Reuter: Wir sind ein führender Autozulieferer und werden eine dominierende Rolle spielen.

Sie wollen akquirieren?

Reuter: Mittelfristig ja, aber heute haben wir andere Hausaufgaben.

Die Kaufpreise sinken, gut positionierte Firmen können jetzt einen Schritt nach vorne machen. Gehört Rieter auch dazu?

Reuter: Das werden wir sehen. Aber ich bin sicher, dass es im nächsten Jahr einige Veränderungen geben wird.

Harte Zeiten erlebt auch die Textilmaschinen-Division. Wie ist das Geschäft im Oktober gelaufen?

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Reuter: Wir haben am vergangenen Montag einen Rückgang beim Auftragseingang von 65% gemeldet. Per Ende Juni lag der Rückgang bei rund 60%. Daraus lässt sich ablesen, dass es sicher nicht besser geworden ist.

Wird es in den Schlüsselmärkten Türkei, China und Indien wieder zu einer echten Erholung kommen?

Reuter: Auf jeden Fall. Wir erleben derzeit einen extremen Zyklus. Irgendwann wird es für die bestehenden Installationen Ersatzbedarf geben.

Wann?

Reuter: Im Sommer gingen wir davon aus, dass das Geschäft 2009 wieder anzieht. Aber seit Mitte September hat sich die Weltwirtschaft so massiv abgekühlt, dass wir vorerst keine Prognosen mehr abgeben möchten. Heute gehen wir davon aus, dass 2009 schwierig bleibt.

Werden neue Textilmärkte entstehen?

Reuter: Wir sehen, dass Länder wie Indonesien, Bangladesch, Ägypten, Usbekistan und Kasachstan Kapazitäten aufbauen, wenn auch auf tiefem Niveau.

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Welche Restrukturierungsmassnahmen planen Sie in der Textilmaschinen-Sparte?

Reuter: Wir werden per Ende Jahr knapp 1000 Temporärstellen weniger führen als per Ende 2007. Zudem führen wir an verschiedenen Verhandlungen mit Personalvertretern, insbesondere am Standort Ingolstadt. Hier geht es um den Abbau von einer grösseren Zahl von Arbeitsplätzen. In diversen weiteren Produktionsstätten haben wir Kurzarbeit geführt, und zwar mit relativ hohen Sätzen zu 40, 50%, darunter in Winterthur. Hier bleiben wir so lange in Kurzarbeit, bis Besserung eintritt.

Geben Sie im Textilbereich Werke auf?

Reuter: Das will ich nicht ausschliessen.