Es mangelt den Geschäftsbanken an gegenseitigem Vertrauen. Noch immer, auch Wochen nach dem Ausbruch der Kreditkrise. Ebenso steht es um die Investoren, auch sie suchen verzweifelt nach Gründen, um neues Vertrauen aufzubauen. Viele Experten sind erstaunt darüber, dass der Markt noch nicht stärker zu normalen Verhältnissen zurückgefunden hat. «Die Krise dauert schon länger, als wir ursprünglich gedacht haben», sagt Jan Amrit Poser, Chefökonom der Bank Sarasin.

Gemäss Philipp Hildebrand, Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), kann und wird sich der Interbankenmarkt aber den neuen Umständen anpassen. «Doch die Umstände müssen in den nächsten Wochen klar werden», sagte Hildebrand kürzlich in einer Rede. «Andauernde Liquiditätsengpässe wären für das globale Finanzsystem ein äusserst gefährlicher Zustand», warnte er. Nicht nur würden Institute früher oder später in Solvenzschwierigkeiten geraten, eine solche Situation würde sich zwangsläufig auch stark negativ auf die Konjunktur auswirken. Somit sei die Priorität im Moment klar: «Die Liquiditätsverhältnisse im Finanzsystem müssen sich wieder normalisieren.»

Transparenz bei Banken

Dabei seien vor allem auch die Geschäftsbanken gefordert: «Die Banken müssen alles unternehmen, um möglichst klare Verhältnisse im Hinblick auf ihre Exponierungen im Kreditmarkt zu schaffen.» Auch Jan Amrit Poser von der Bank Sarasin meint: «Es muss Transparenz geschaffen werden. Die Banken müssen miteinander sprechen.» Dafür braucht es aber einen Kraftakt. «Die Notenbanken können das Vertrauen zwischen den Banken nicht wieder herstellen», so Poser. Dies müssten die Banken schon selber tun.
Seit Ausbruch der Kreditkrise hat das Vertrauen am Geldmarkt zwar wieder leicht zugenommen, es ist aber noch immer relativ tief. Der Risikoaufschlag (Spread) liegt noch immer höher als vor Ausbruch der Krise (siehe Grafik).
Die US-amerikanische Notenbank Fed sorgt mit der Senkung der Leitzinsen zumindest von einer anderen Seite her für eine Entspannung der Lage. «Mit der Zinssenkung lindert die Fed die Krise am US-Immobilienmarkt und trägt damit auch dazu bei, dass die Kreditpositionen wieder bewertet werden können. Dies dürfte die Kreditmärkte insgesamt beruhigen», schätzt auch Thomas Steinemann, Chefstratege der Vontobel-Gruppe.
Damit Vertrauen in die Märkte zurückkomme, müssten sich die Immobilienpreise in den USA stabilisieren. Aber «falls die Preise um mehr als die erwarteten 10% zurückgehen, würde die Krise länger dauern als erwartet und die Märkte illiquid bleiben», so Steinemann. Er ist jedoch insgesamt zuversichtlich, dass die Probleme gelöst werden und nur minime regulatorische Massnahmen dazu nötig sein werden.
Die Anleger haben neben den Immobilienpreisen in den USA derzeit auch andere Konjunkturdaten fest im Blick. Sie suchen nach Anhaltspunkten für die weitere Entwicklung. «Das Vertrauen der Investoren kehrt erst wieder zurück, wenn die Gewissheit besteht, dass es in den USA zu keiner Rezession kommt», erwartet Birgit Kulhoff, Analystin bei Rahn & Bodmer.
Bezüglich der Auswirkungen auf die Konjunktur versprühen viele Experten deutlichen Optimismus. «Die Marktteilnehmer haben Angst vor einer Rezession. Es ist aber relativ unwahrscheinlich, dass es zu einer kommt», sagt etwa Anastassios Frangulidis, Leiter Volkswirtschaft und Anlagestrategie International der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Es sehe danach aus, als ob die US-Notenbank mit ihrer Reflationierungspolitik erfolgreich sein werde. Frangulidis sieht denn auch bereits jetzt wieder einen guten Zeitpunkt, um in Aktien einzusteigen.

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Für Einstieg noch zu früh

Für andere ist es dagegen noch zu früh, um Positionen aufzubauen. «Für ein richtiges Kaufsignal haben die Aktienmärkte noch zu wenig korrigiert», so Vontobel-Chefstratege Steinemann. Auch für Birgit Kulhoff wäre ein Einstieg erst nach einer «deutlichen» Korrektur wieder interessant: «Die Bewertung des Aktienmarktes scheint zwar tief, doch die Gewinnschätzungen dürften jetzt ebenfalls nach unten angepasst werden.»
Dagegen halten die Strategen von Morgan Stanley die gegenwärtige Bewertung der Aktienmärkte für attraktiv. Zudem sei die Stimmung der Investoren weiterhin gedämpft, was als Kontraindikator zusätzlich für einen Einstieg spreche (siehe separten Text). Auf der anderen Seite steckten die Geldmärkte nach wie vor in Schwierigkeiten und die Wachstumsperspektiven hätten sich bereits abgeschwächt. Diese Argumente gegen einen Einstieg würden im Moment die positiven Argumente überwiegen.
Es gibt verschiedene Indikatoren, mit denen sich die Stimmung der Investoren messen lässt. Die einen entstehen aus Umfragen, wie etwa der State-Street-Index. Demnach hat das Vertrauen der Institutionellen zuletzt einen neuen Tiefstand erreicht. Auch in der jüngsten Befragung von Merrill Lynch hat sich die Stimmung der Fondsmanager drastisch verschlechtert, wenngleich sich dies nicht unbedingt in den Taten der Fondsmanager spiegelt. Dagegen zeigt die Call/Put-Ratio das tatsächliche Absicherungsbedürfnis der Investoren ohne zeitliche Verzögerung. Aktuell ist der Anteil Puts etwas kleiner als der Anteil der Calls, was zumindest heisst, das die Investoren keine Hausse erwarten. Stimmungsindikatoren gelten als Kontra-Indikatoren: Sind die Anleger übertrieben optimistisch, senden sie Warnsignale aus. Sind sie mehrheitlich pessimistisch gestimmt, gibt es Hoffnung auf eine Erholung. Wenn die Unsicherheit gross ist, bieten sich also grundsätzlich Kaufgelegenheiten. Sendet ein Indikator ein Kaufsignal aus, kann es dennoch sein, dass dieses ignoriert wird, weil die Gegenargumente überwiegen. Denn der Anlageentscheid stützt sich nicht nur auf den Stimmungsindikator ab.