Vor der Kamera posieren, statt Zeugnisse kopieren – diese Bewerbungsstrategie macht Schule. Immer mehr Jobsuchende hängen kurze Videoclips an ihre Online-Bewerbung oder stellen sie ins Netz in der Hoffnung, so prospektive Arbeitgeber zu überzeugen. Wer jetzt aber glaubt, fehlende Erfahrung mit Enthusiasmus vor der Kamera ausgleichen zu können, sollte lieber zweimal überlegen. Denn der Grat zwischen Peinlichkeit und gelungener Eigenwerbung ist schmal.

Bekanntestes Negativbeispiel ist das Machwerk eines gewissen Aleksey Vayner, Absolvent der US-Eliteuniversität Yale. Der Tausendsassa hatte unlängst ein Bewerbungsvideo mit dem unbescheidenen Titel «Impossible is nothing» ins Netz gestellt, das ihn beim Tennisspielen, beim Tanzen mit einer leichtbekleideten Dame und im Fitnessstudio zeigt (Gewicht der Hanteln insgesamt 130 kg). Eigentlich wollte sich der Absolvent damit einen Job bei der Investmentbank UBS angeln. Stattdessen ging das Video um die Welt und Vayner wurde mit Hohn und Spott übergossen.

Genau hier liegt das Problem von Videobewerbungen: Wie der Clip ankommt, hängt stark vom Empfänger ab – und wie der tickt, lässt sich nur schwer abschätzen. Dazu einige Grundregeln:

- Das Video darf nicht länger als drei Minuten dauern.
- Es gelten die gleichen Kleidungsregeln wie beim Vorstellungsgespräch.
- Der Bewerber sollte Versprecher, Ähs und Umgangssprache auf ein Minimum reduzieren.
- Trotzdem darf der Auftritt nicht auswendig gelernt wirken.

Professionell, aber nicht langweilig, locker, aber nicht kumpelhaft, das ist ein schwieriger Spagat. «Es gibt noch keine feste Form», bestätigt Markus Bälli. Der Schweizer Fernsehprofi dreht im Auftrag von Stellensuchern seit einiger Zeit Clips. Seine Klienten kommen vor allem aus Ressorts, in denen der öffentliche Auftritt eine besonders grosse Rolle spielt, etwa dem Verkauf. «Es reicht nicht, sich einfach nur auf einen Stuhl zu setzen», meint der Experte. Viele seiner Kunden liessen auch daheim filmen, beim Sport oder unter freiem Himmel, denn «ein wenig Unterhaltung darf schon sein».

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Wer sich keine Profis leisten will, der kann mit Hilfe der Software «CV One» für wenige Franken selber drehen; für die Aufnahme der Bilder reicht eine einfache Webcam. Allerdings ist noch eine zweite Warnung angezeigt: Die meisten Personalverantwortlichen stehen Bewerbungsvideos nämlich skeptisch bis ablehnend gegenüber. Dazu kommt, dass im Rahmen von Antidiskriminierungsbemühungen in Zukunft immer mehr persönlichkeitsbezogene Angaben aus den Bewerbungen entfernt werden, wie etwa ein Foto. Wie aber passt das zu einer Videobewerbung?