Der Lysser Komponentenhersteller Feintool durchlebt tiefgreifende Veränderungen: Auf den 1. Oktober 2009 werden das kleinste, defizitäre Segment Plastic/Metal Components geschlossen und die nordamerikanischen Aktivitäten des Autozulieferers vertikal integriert. Feintool tritt künftig mit den drei neu formierten Segmenten auf - Feinschneid- und Umformanlagen, Komponentenzulieferung und Montagesysteme. Verändert hat sich auch die Führungscrew: Alexander von Witzleben ist der neue starke Mann bei Feintool: Ex-CEO Joachim Kaufmann hat per 1. April 2009 das Feld geräumt, von Witzleben muss nun als Verwaltungsratspräsident, VR-Delegierter und CEO ad interim beweisen, dass er das angeschlagene Unternehmen auf Kurs bringt.

Hat Feintool die Talsohle durchschritten?

Alexander von Witzleben: Im globalen Teilegeschäft, wo wir mit längerfristigen Rahmenverträgen und kurzfristigen Lieferabrufen arbeiten, haben wir die Talsohle meiner Meinung nach durchschritten.

Woran erkennen Sie das?

Von Witzleben: Nehmen wir einen Automobilhersteller oder einen Grosszulieferer, der viele Millionen Teile im Jahr benötigt: Die Rahmenverträge erlauben es ihm heute, dass er nicht bestellen muss, sondern bestellen kann. Früher war dies anders: Damals konnten die Hersteller das Produktionsband nicht kurzfristig anhalten, wenn sich das Kaufverhalten der Kunden veränderte. Da gab es Lieferverpflichtungen, diese Prozesse liessen sich nicht stoppen. Das hat sich radikal geändert.

Inwiefern?

Von Witzleben: Unsere Kunden haben keine Verpflichtungen mehr, das abzunehmen, was sie prognostizierten. Dadurch können sie, brutal gesagt, einen Stopp einlegen. Das ist geschehen. Wenn unsere Abnehmer auf die Bremse treten, sind wir also direkt betroffen. Aber in diesem Bereich, wie gesagt im Teilegeschäft, haben wir das Schlimmste hinter uns.

Anzeige

Nochmals: Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Von Witzleben: Es haben sich verschiedene Effekte kumuliert. Viele Automobilhersteller haben zwei Boomjahre hinter sich. Wenn alles immer nach oben geht, wird tendenziell etwas «überbevorratet». Man will schliesslich ja auf der sicheren Seite sein, um Lieferengpässe zu vermeiden. Das gilt für die gesamte Wertschöpfungskette. Das ging so lange gut, bis die Situation kippte - dann wurden die Lager abgebaut. Das könnte man den Ziehharmonikaeffekt nennen. Im 1. Quartal unseres Geschäftsjahres 2008/09, das am 30. September endet, hat uns das voll getroffen. Ich glaube, dass langsam der Lagerzyklus wieder in Gang kommt. Nicht zu vergessen: Die Abwrackprämie in Deutschland. Die gibt es in ähnlicher Form in anderen europäischen Ländern auch, das hilft nur bei den kleineren Automodellen. Aus diesen Gründen sehe ich für den Teile-bereich eine gute Zukunft.

Die aktuellen Entwicklungen bei den Autoherstellern deuten derzeit eher auf eine massive Konsolidierung hin.

Von Witzleben: Die grossen Automobil-hersteller in Europa sind mit den US-Branchenriesen in Sippenhaft geraten. Dabei ist die Lage der Europäer erstaunlich stabil, angesichts der katastrophalen Marktsituation in den USA. Volkswagen, Europas grösster Automobilhersteller, ist erstaunlich gut aufgestellt. Oder nehmen wir Fiat - vor ein paar Jahren noch in grössten Schwierigkeiten. Die Turiner haben sich unter Sergio Marchionne wieder aufgerappelt. BMW und Mercedes stehen auch nicht schlecht da. Die Zahlen sprechen für sich. Nochmals: Probleme, welche die Amerikaner haben, dürfen einfach nicht auf die ganze Industrie ausgewalzt werden. Hier muss man differenzieren. Und vergessen Sie eines nicht: Wir sind in den wichtigen Schwellenländern Brasilien, Russland, Indien und China gut positioniert. Hier ist das Potenzial für Feintool-Produkte immens.

Anzeige

Wie geht es den anderen beiden Bereichen - Feinschneid- und Umformanlagen sowie Montagesysteme -, deren Aufträge einen längerfristigen Horizont haben?

Von Witzleben: Da profitieren wir noch vom guten Auftragsbestand aus den Boomjahren 2007 und 2008. Da wird sich erst zeigen, wie sich das weiterentwickelt.

Was erwarten Sie?

Von Witzleben: Man kann in diesem Geschäft nicht von einem Quartal auf das andere urteilen. Solche Aufträge kommen aktuell ja nicht mehr jeden Monat rein und die Durchlaufzeiten betragen gegen ein Jahr. Wir müssen sehen, wie sich die jetzige Krise auf die Investitionsneigung auswirkt.

Wann geht es aufwärts?

Von Witzleben: In den nächsten anderthalb bis zwei Jahren. Und das gilt nicht nur für Feintool, sondern für den gesamten Maschinen- und Anlagenbau.

Wie lange lässt Feintool kurzarbeiten?

Von Witzleben: Das kann ich nicht exakt beantworten. Zentral ist, dass wir die Leute halten und nicht entlassen wollen. Wir setzen auf Spezialisten. Hinzu kommt: Wir können auch in der Nacht einmal Sondereinsätze fahren, dort, wo die Auftrags- und Terminsituation es verlangen. Wir sind äusserst flexibel, wenn es der Kunde wünscht. Das kann man nicht mehr, wenn Leute entlassen worden sind.

Nochmals: Wie lange dauert die Kurzarbeit?

Von Witzleben: Wir werden den Rahmen, der in der Schweiz gesetzt wurde - es sind 18 Monate -, voraussichtlich ausschöpfen. Und ich nütze diese Frist lieber bis zum letzten Tag, als dass ich vorschnell Leute entlasse.

Welche Erwartungen haben Sie für das laufende Geschäftsjahr?

Von Witzleben: Der Einbruch in der Automobilindustrie wird auch bei uns nicht spurlos vorbeigehen. Der Zahlenkranz des 1. Quartals 2008/09 spricht für sich. Klar werden wir unter dem sehr guten Vorjahr liegen - bekannt als Basiseffekt. Eine wertmässige Prognose ist aufgrund ungenügender Visibilität nicht möglich. Das hängt vor allem auch mit der erwähnten verringerten Reichweite der Auftragsbestellungen unserer Komponentenkunden zusammen, die sich auf wenige Wochen reduziert hat.

Aber womit rechnen Sie?

Von Witzleben: Ehrlich, ich kann das jetzt für Feintool nicht auf Franken und Rappen genau sagen. Wir können uns dem allgemeinen Trend nicht entziehen. Nochmals: Wir haben letztes Jahr ein Rekordergebnis verzeichnet. Aber jetzt können auch wir nicht hexen.

Wie wird das 2. Halbjahr?

Von Witzleben: Bitte lassen Sie mir noch etwas Zeit, aber ich gehe von einem besseren 2. Semester aus.

Haben Sie was in der Schublade, wenn es schlimmer wird?

Von Witzleben: Viel schlimmer als im 1. Quartal kann es nicht werden.

Wieso?

Von Witzleben: Wir haben unsere Strukturen so umgebaut, dass wir flexibel genug sind, um auf weitere Nachfragerückgänge zu reagieren. Wir haben eine geringe Wertschöpfungsstufe, etwa im Bereich hydraulische Pressen der Premium-Marke Feintool, wo wir keine eigene Fabrik und somit keine Fixkosten haben.

Aber die Restrukturierung führt zu Sondereffekten. Womit müssen wir rechnen?

Von Witzleben: Wir werden im defizitären Plastics-Geschäft die Kosten erst zum Jahresende kennen. Das werden Sie mir möglicherweise nicht glauben, aber weil wir schliessen wollen und die Produktion auf einen Stichtag beenden, das ist Ende März 2010, müssen die Kunden noch anmelden, was sie bestellen wollen, bevor wir die Fabrik schliessen. Die Kosten können also höher ausfallen als ursprünglich angenommen.

Ist Feintool gross genug, um selbstständig zu überleben?

Von Witzleben: Im Technologiebereich Feinschneiden und Umformen sind wir die Nummer eins, im Komponentengeschäft sind wir global aufgestellt und gehören zur Weltspitze. Ist man in einer Nische ein führender Anbieter ist, stellt sich diese Frage schlicht nicht.

Und wie steht es mit allfälligen Partnerschaften?

Von Witzleben: Jedes Unternehmen, das in die Zukunft schaut, betreibt ein ständiges Monitoring. Das gilt auch für uns, aber derzeit ist nichts im Busch.

Wie lange bleiben Sie CEO ad interim?

Von Witzleben: Das ist ganz klar eine Übergangslösung, die vom Verwaltungsrat angesichts der derzeitigen Ausgangslage angestrebt wurde. Es geht darum, durch eine Kontinuität Vertrauen für alle Stakeholder zu schaffen. Aber Einigkeit herrscht darüber, dass - à la longue - die beiden Funktionen VR-Präsident und CEO wieder getrennt werden sollen.

Nach Vertrauen lechzen vor allem die verbleibenden Aktionäre - der Kurs der Feintool-Aktie hat sich binnen eines Jahres halbiert.

Von Witzleben: Solche Einbrüche gelten ja nicht nur für uns. Längerfristig betrachtet wird der Markt unsere Leistung beurteilen. Und darauf setzen wir.