Haben wir bei der Finanzkrise das Schlimmste hinter uns?

Tito Tettamanti: Ich gehe davon aus, aber damit ist der Schrecken nicht einfach vorbei. Denn wir haben im Moment zwei Krisen: Die eine ist die der Banken und Finanzmärkte und die andere jene der Börsen. Der Crash an den Aktienmärkten tut zwar weh, ist aber nicht tragisch. Dramatisch ist hingegen die Bankenkrise.

Wird die Rettungsaktion der Euro-Länder die Stabilität ins Finanzsystem zurückbringen?

Tettamanti: Die Massnahmen sind positiv, aber die Finanzkrise ist nicht weggezaubert. Auch wenn wir das Schlimmste überstanden haben, wird uns die Krise noch über Jahre hinweg belasten. Das Finanzsystem und seine Ströme sind das Blut der Weltwirtschaft. Wenn die Geldströme zwischen den Banken, wie wir dies erlebt haben, nicht mehr fliessen, bricht diese ein. Das Rettungspaket der Euro-Länder ist sinnvoll und bringt wieder mehr Stabilität.

Was braucht es, damit wir das Vertrauen zurückholen können?

Tettamanti: Ganz so schnell wird das Vertrauen nicht zurückkehren. Trotzdem sind die Garantien der Staaten für die Kreditgeschäfte unter den Banken und die Rekapitalisierung der Banken der richtige Weg. Die Banken müssen jetzt wieder beginnen, das Geld zirkulieren zu lassen.

Rechnen Sie trotzdem mit weiteren Bankenzusammenbrüchen?

Tettamanti: Ja, wir werden noch weitere Bankenzusammenschlüsse sehen. Die Bankenwelt wird sich weiter verändern. Vor allen in den USA wird es noch zu weiteren Zusammenbrüchen kommen.

Wie schätzen Sie die Situation bei der UBS und bei der CS ein?

Tettmanti: Die UBS hat nach all den Fehlern, die sie gemacht hat, rasch reagiert und Kapital aufgenommen, als dies noch besser möglich war. Ich bin zuversichtlich, dass die UBS wieder zur Stärke kommt. Auch die CS steht nicht schlecht da. Sorgen machen mir allerdings bei der CS deren Engagement im Private-Equity-Bereich und bei den kreditfinanzierten Übernahmen. Da könnte es auch bei der CS noch negative Überraschungen geben.

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Nutzen Sie auch die tiefen Kurse für neue Engagements?

Tettamanti: Noch nicht. Ich warte ab, bis wir in den Unternehmen die Zahlen für das 3. Quartal und den Forecast 2009 analysieren können. Man sollte jetzt nicht zu früh einsteigen.

Haben Sie über die Sterling Group neue Beteiligungen aufgebaut ? etwa an Schweizer Firmen?

Tettamanti: Dazu äussern wir uns grundsätzlich nicht öffentlich. Nur so viel: Bei der Sterling sind wir weiter sehr liquid und vorsichtig.

Heisst dies, dass Sie auch nach der neusten Erholung noch weitere Rückschläge erwarten?

Tettamanti: Ich bin kein Guru, aber bin bereit zu wetten. Ich wette darauf, dass wir an den Börsen die Tiefstkurse noch nicht gesehen haben. Die Aktienkurse werden in den nächsten Monaten noch neue Tiefst testen. Der Crash ist trotz der neusten Erholung noch nicht vorbei. An den Aktienmärkten wird es noch viele Enttäuschungen geben. Wir gehen durch eine Jahrhundertkrise. Davon werden sich die Börsen nicht so rasch erholen.

Sind denn die Aktien nach wie vor überbewertet?

Tettamanti: Meines Erachtens sind viele Aktien immer noch überbewertet. Wenn man die Kurs-Gewinn-Verhältnisse betrachtet, sind die Aktien zwar auf den ersten Blick spottbillig, doch diese Kennzahlen geben momentan einen falschen Eindruck. Diese Zahlen basieren auf unrealistischen Gewinnschätzungen. Wenn die Wirtschaft in eine Rezession abgleitet, werden die Gewinne der Unternehmen ebenfalls stark zurückgehen. Das ist in vielen Gewinnschätzungen noch viel zu wenig berücksichtigt.

Wie viel Geld haben Sie verloren?

Tettamanti: Jeder hat Geld verloren. Wenn ich sagen würde, ich hätte kein Geld verloren, würde ich lügen. Doch für mich sind das nur Buchverluste. Ich kann damit leben. Ich muss nicht verkaufen.

Was empfehlen Sie den Investoren?

Tettamanti: Man sollte nicht in Panik verkaufen. Das bringt doch nichts. Man sollte sich auf Qualität konzentrieren und auf Sicherheit.

Was bietet noch Sicherheit?

Tettamanti: International bekannte Qualitätsunternehmen. Hohe Sicherheit bieten Schweizer Konzerne wie Nestlé und Roche, aber auch US-Firmen wie McDonalds. Banken würde ich meiden.

Wird die Schweiz und der hiesige Finanzplatz als Gewinner aus der Krise gehen?

Tettamanti: Trotz der Milliardenabschreiber bei der UBS stehen die Schweizer Banken im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht da. Ich schliesse nicht aus, dass der Finanzplatz Schweiz als Gewinner aus der Krise  geht.

Müssten sich die Schweizer Grossbanken UBS und CS stärker auf ihr Kerngeschäft Vermögensverwaltung konzentrieren?

Tettamanti: Sicher. UBS und CS müssen sich verkleinern. Diese Riesen sind zu gross geworden und viel zu stark in den USA aktiv. Die Bilanzen Grossbanken glichen denjenigen eines Hedge Funds. Sie waren kein vertrauenswürdiger Vermögensverwalter für Witwen und Waisen mehr. Das muss sich ändern. UBS und CS sollten sich auf das Private Banking und Vermögensverwaltung konzentrieren, das ist ihre Stärke. Das ist eine Lehre aus der Krise.

Braucht es für die Schweizer Banken weit strengere Eigenmittelvorschriften?

Tettamanti: Obschon dadurch die Kosten bei den Banken steigen, bin ich dafür. Es ist besser eine Bank zu haben, die höhere Eigenmittel haben muss als ein Institut, das beim nächsten Erdbeben wieder abstürzt. Für die Gesundung unserer Banken braucht es strengere Eigenmittelvorschriften und für die Banken auf Weltebene Regeln daüber, was unter dem Namen „Bank“ getätigt werden kann.

Wie wird sich die Krise auf den Rest der Wirtschaft auswirken?

Tettamanti: Die Krise hat gravierende Folgen auch für den Rest der Wirtschaft. Einige Firmen werden auch in der Schweiz noch Konkurs gehen oder übernommen werden. Noch haben die Unternehmen günstige Darlehen. Doch irgendwann laufen diese aus. Ich zweifle, dass die Banken künftig noch allen Firmen genügend Kredit geben werden. Viele Firmen werden in einen Existenznotstand geraten. Das wird erst im nächsten Jahr sichtbar. Das konjunkturelle Wachstum wird sich klar verlangsamen.