Stefan Lippe, der neue CEO der Swiss Re, steht vor riesigen Herausforderungen. Zum einen muss er mit einem Verwaltungsrat zusammenarbeiten, der die jetzt gescheiterte Geschäftsstrategie zu verantworten hat; Verwaltungsratspräsident Peter Forstmoser und Vize Walter Kielholz stehen massiv in der Kritik. Zum anderen muss Lippe an verschiedensten Baustellen zugleich arbeiten.

Vordringlich muss er das operative Geschäft auf Vordermann bringen. Hier gibt es immerhin positive Anzeichen. Zwar fürchten viele Anleger, dass die drohenden Bonitätsabstufungen eine ernsthafte Beeinträchtigung des Kerngeschäfts der Swiss Re bedeuten könnten. «Natürlich machen Erstversicherer am liebsten Geschäfte mit Gegenparteien, die eine hohe Bonitätsnote haben», erklärt James Quin, Analyst bei Citigroup. «Aber in der Praxis ist die Liste der Versicherungen mit sehr hoher Bonität sehr kurz, und die Rückversicherungsverträge lassen sich problemlos auch mit einem A-Rating abschliessen.»

Zurich Financial Services, ein wichtiger Swiss-Re-Kunde, liess durchblicken, dass man sich wohler fühlt, da Klarheit über die Bilanzverhältnisse herrscht. Jean-François Tremblay, Analyst bei RBS, hatte geschätzt, dass eine Herabstufung bei der Swiss Re zu einem Umsatzverlust von 1,8 Mrd Fr. führen könnte. Diese Berechnungen könnten zu hoch sein.

Anzeige

Konzentration aufs Kerngeschäft

Dennoch bleibt viel zu tun: Im Getöse um die Abschreiber ist nämlich untergegangen, dass die Swiss Re eine höhere Kostenbasis und eine tiefere Effizienz hat als viele Konkurrenten. Noch heikler sind aber zwei weitere Punkte: Der unter die kritische Schwelle gefallene Buchwert und die problematischen Anlagen, die weiterhin in den Büchern stehen.

Es spricht vieles dafür, dass die Versicherung selber das Problem der heiklen Anlagen und des daraus resultierenden Abschreibungsbedarfs nicht richtig eingeschätzt hat. Als Michael Huttner, Analyst bei JP Morgan, Ende November seine Verlustprognose für die Swiss Re veröffentlichte, verharmloste eine Sprecherin gegenüber der «Handelszeitung» den drohenden Milliardenverlust und das Problem bei den Finanzanlagen (siehe auch «Handelszeitung» Nr. 49 vom 3. 12. 08). «Die bisherigen Erklärungen der Swiss Re für die Abschreiber stehen auf sehr dünnem Grund», fasst auch Analyst Quin seine Skepsis zusammen, «und das macht eine sehr unbefriedigende Situation noch schlechter, denn so entsteht der Eindruck, dass die Firma ihre Zahlen nicht im Griff hat und es im Risikomanagement gravierende Schwächen gibt.»

Tiefer Buchwert als Problem

Heikel ist die Situation der Swiss Re auch wegen des tiefen Buchwerts. «Dass der Buchwert so massiv gefallen ist, ist wohl unsere grösste Enttäuschung», sagt William Hawkins, Analyst bei Keefe, Bruyette & Woods. Hawkins hatte einen Buchwert von 23,4 Mrd Fr. erwartet, der Stand bei Jahresende war aber nur bei 19,5 Mrd Fr. Der Buchwert entspricht, ähnlich wie bei Banken, dem Kapital, mit dem das operative Geschäft unterlegt wird. Wenn der Buchwert einbricht, steigt das Risiko für die Swiss-Re-Kunden, und die Bonitätswächter reduzieren ihre Noten. Dadurch steigt auch der Zins, der die Swiss Re ihren Gläubigern entrichten muss, was wiederum zulasten der Gewinne geht.

Zudem gibt es noch eine Reihe von weiteren Brennpunkten (siehe auch Tabelle). So stehen Kreditderivate im Wert von 32,5 Mrd Fr. in der Bilanz. Aus den wenigen vorhandenen Eckdaten geht hervor, dass die Situation weiterhin sehr unangenehm ist: Diese Derivate werden gesamthaft zu 84% des Nennwerts in den Büchern geführt. Das sind im Vergleich zu den Banken optimistische Abschreibungsniveaus. Die Swiss Re hatte zudem «bedeutende Ineffizienzen beim Hedging» angetönt - ein weiterer Hinweis auf Probleme im Risikomanagement. Verkaufen lassen sich diese Assets vorläufig nicht. Zu den Problemanlagen kommen die Verpflichtungen aus Kreditausfallversicherungen (CDS) und Finanzgarantiegeschäften hinzu. Deren Bereinigung könnte weitere Milliardenverluste bringen. «Der Normalisierungsprozess hat erst begonnen und wird lange dauern», glaubt Vontobel-Analyst Stefan Schürmann.

Anzeige