Heinz Karrer soll neuer Präsident von Economiesuisse werden. Auf den ersten Blick ist das eine gute Nachricht – insbesondere deshalb, weil es dem Vorstandsmitglied Rolf Soiron, der mit der Nachfolgeregelung des zurückgetretenen Präsidenten Rudolf Wehrli und Direktors Pascal Gentinetta betraut wurde, gelungen ist, ein Schwergewicht aus der Wirtschaft mit Politerfahrung für das höchste Amt des Wirtschaftsdachverbandes zu gewinnen. 

Bei genauerer Betrachtung weichen die positiven Gefühle ob der Rekrutierung des Axpo-Chefs der Skepsis. Die Gründe dafür sind vielfältig: So musste die Findungskommission um den Doyen der Schweizer Wirtschaft in den vergangenen Monaten gleich eine Reihe von Absagen hinnehmen. 

Wurde Karrer vom Economiesuisse-Vorstand gedrängt? 

Wunschkandidaten wie der ehemalige SVP-Nationalrat und Unternehmer Peter Spuhler, der intern respektierte und hoch geschätzte Economiesuisse-Vizepräsident Hans Hess, Arbeitgeber-Präsident Valentin Vogt, Swisscom-Präsident Hansueli Loosli, Alt Bundesrätin Ruth Metzler und Axpo-Chef Heinz Karrer konnten sich mit dem Gedanken, den Lobbyingverband aus der Krise zu führen, nicht anfreunden. Doch jetzt hat Letzterer eine atemberaubende Kehrtwende vollzogen und begründet diese mit «intensiven Gesprächen mit der Findungskommission».

Allerdings hat sich der agile Kommunikator mit selbstsicherem Auftritt und hoher Glaubwürdigkeit mit dem Meinungsumschwung keinen Gefallen getan – im Gegenteil: Vielmehr stellt sich die Frage: Wurde der konziliante Axpo-Chef nach den unzähligen Absagen vom Economiesuisse-Vorstand zum Präsidium gedrängt? 

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Wie präsent wird Karrer im Abstimmungskampf sein?

Darüber hinaus werfen die Anstellungsbedingungen von Heinz Karrer beim Energieriesen Fragen auf. Wie wichtig ist Heinz Karrer sein neues Amt in Tat und Wahrheit, wenn dieser aufgrund einer zwölfmonatigen Kündigungsfrist bei der Axpo das Economiesuisse-Präsidium erst im Sommer 2014 vollständig antreten kann? Und welchen nachhaltigen Schaden wird der Wirtschaftsstandort Schweiz nehmen, sollte der Economiesuisse-Präsident während des Abstimmungskampfes zur «1:12»- und «Mindestlohn»-Initiative wie bei der «Abzocker»-Initiative im vergangenen März durch Abwesenheit glänzen?

Ausserdem bleibt ungeklärt, wie Karrer (zudem auch als «Königsmacher» beim Reisekonzern Kuoni agierend) den zerstrittenen Dachverband versöhnen, der Öffentlichkeit die Vorzüge der bilateralen Verträge näher bringen und die Annahme der «Ecopop»-Initiative verhindern will. Oder wie der neue starke Mann bei Economiesuisse und flammende Befürworter der Kernenergie die Schweizer Wirtschaft glaubhaft und nachhaltig in die Energiewende führen will? 

All diesen drängenden Fragen wollten weder der scheidende Präsident Rudolf Wehrli noch Axpo-Chef Heinz Karrer beantworten – im Gegenteil: Kritische Fragen sind derzeit unerwünscht. Damit bleibt lediglich die Hoffnung, dass Heinz Karrer auf die anstehenden Herausforderungen schon bald Taten folgen lässt.