Die Banken sind mit ihren faulen Kreditpapieren zur Knacknuss für die Revisoren geworden. Gewaltige Abschreibungen sind bei grossen Universalbanken bereits erfolgt. Was erwartet uns noch?

Peter Leibfried: Niemand kann exakte Prognosen machen. Solange nicht auf null abgeschrieben wurde, sind immer noch Werte übrig, die je nach Marktentwicklung entsprechend korrigiert werden müssen. Diese Impairments kommen teilweise zeitlich versetzt, weil sie nicht sofort vorzunehmen sind. Die Banken schleppen noch gewisse Abschreibungen hinterher.

Als Sofortmassnahme haben die Richtliniengeber US-GAAP und IASB die Möglichkeit eröffnet, dass man vorübergehend auf diesen Fair-Value-Ansatz, die Bewertung zu Marktwerten, verzichten kann.

Leibfried: Ja, aber wir haben uns des- wegen nicht generell vom Fair-Value- Ansatz verabschiedet, sondern lediglich punktuell.

Er gilt nur für die kreditunterlegten Wertpapierpositionen.

Leibfried: Ob das helfen wird, bleibt offen. Was jetzt veröffentlicht wird sind Zahlen, die im gegenwärtigen Markt nicht ganz stimmen. Das ist nicht sehr vertrauenserweckend.

Von namhaften Bankiers kommt die Forderung, die Auswirkungen für die Bewertung illiquider Anlagen in einem Buchführungsregime, das Vermögenswerte zu Marktpreisen bewertet, müssten dringend untersucht werden?

Leibfried: Die Fair-Value-Bewertung ist auf Wunsch der Financial Community eingeführt worden. In den letzten Jahren haben damit alle gut gelebt. Die einzelnen Positionen und das Eigenkapital sind gewachsen. Jetzt geht es in die andere Richtung, und damit erlebt die neue Methode ihren Feldtest. Es ist nicht konsequent, einfach je nach Marktlage andere Rechnungslegungsstandards zu fordern. Diese Richtlinien sind von den aktuellen politischen Strömungen zu entkoppeln.

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Dann ist der Entscheid zur temporären Ausklammerung der faulen Kreditpapiere eine Ausnahme?

Leibfried: Nicht nur, es gibt Stimmen, die nichts vom Prinzip des Fair Value halten und wieder zurück zu den historischen Kosten möchten. Das ist aber auch keine sinnvolle Alternative. Bei dieser Bewertungsmethode kann man die aktuelle Situation noch weniger gut beurteilen. In diesem Fall hätte man bis heute nicht gemerkt, dass es in den USA ein Problem mit den Hypothekarkrediten gibt. Deshalb glaube ich nicht an einen nachhaltigen Systemwechsel.

Der Fair-Value-Ansatz als Frühwarnsignal?

Leibfried: Ja, mit dieser Methode werden die Märkte gespiegelt. Wir dürfen uns davor nicht verschliessen. Allerdings: Was bilanziert wird, ist eine gar nicht so wichtige Frage. Es gibt nicht den einen richtigen Wert. Vielmehr geht es um Transparenz. Neben den historischen Kosten müssen wir den Anlegern zumindest indikativ zeigen, was der aktuelle Marktwert ist.

Wie sieht es nebst den Banken für die anderen börsenkotierten Gesellschaften aus?

Leibfried: Derzeit erfahren wir schmerzhaft, wie die Realwirtschaft der Finanzwirtschaft hinterherläuft. Wir werden diese Schwierigkeiten bei der Rechnungslegung zeitlich verzögert auch in den Industrieunternehmen beobachten. Zentrale Positionen sind zum einen die Firmenwerte und andererseits die Vorratsvermögen, weil sich in diesen Bereichen viele Bewertungsrisiken verbergen.

Das wirtschaftliche Klima hat sich abgekühlt. Die Unternehmensgewinne sind rückläufig. Werden jetzt zusätzliche Abschreibungen vorgenommen, um teuer bezahlte Akquisitionen in den Büchern nach unten zu korrigieren?

Leibfried: Ja, rund ein Drittel der Unternehmenswerte, die heute in den Bilanzen sind, wurden auf der Basis von Bewertungen gekauft, die über den jetzigen Werten liegen. Wenn eine Firma betriebswirtschaftlich insgesamt gut dasteht, kommt es unmittelbar zu keiner Abschreibung. Ausschlaggebend ist, wie lange die Krise anhält. Je länger sie dauert, umso weniger kann man damit rechnen, dass die ursprünglichen Werte wieder erreicht werden.

Mit anderen Worten: Es besteht Spielraum bei der Bewertung des Goodwill von übernommenen Firmen.

Leibfried: Natürlich gibt es diese Spielräume. Die Realität ist einfach zu komplex, um sie in Soll und Haben zu pressen.

Für die Wirtschaftsprüfer ergeben sich nach dem Kurssturz an den Börsen aber heikle Bewertungsfragen?

Leibfried: Der Jahresabschluss 2008 wird nicht überall angenehm. Das Fair Value Accounting und die Goodwill-Bewertung waren in den letzten Jahren kein Problem, weil es ständig nach oben ging. Nun geht es abwärts. Die Unternehmensleitungen werden Druck auf die Revisoren ausüben. Die Abschlussprüfer bewegen sich aber innerhalb von klaren Leitplanken, und können nur bedingt flexibel sein.

Die Anleger und die Öffentlichkeit werden die Jahresabschlüsse aus Risikoüberlegungen weit kritischer unter die Lupe nehmen als in den Jahren zuvor. Welche Rolle kommt dem Testat des Revisors zu?

Leibfried: Damit sagt die Revisionsgesellschaft nicht mehr und nicht weniger, als dass der Abschluss in Übereinstimmung mit den geltenden Rechnungslegungsstandards erstellt wurde. Für alle Anleger gilt in diesen unsicheren Zeiten: Die Jahresrechnung hat nur eine begrenzte Aussagekraft.

Läuft bei einem Unternehmen etwas schief, beginnt aber rasch die Suche nach den Verantwortlichen, und dazu gehören die Revisionsgesellschaften mit ihren Deep Pockets.

Leibfried: Bei der aktuellen Krise ist es relativ klar, wer im Fahrersitz sass. Der Fokus liegt zu Recht auf der Finanzbranche, und nicht bei den Revisoren. Die Abschlussprüfer sind heute wesentlich besser beaufsichtigt und können exakt nachweisen, was sie gemacht haben.

Der Jahresabschluss ist eine Momentaufnahme. Worauf muss man sonst noch achten?

Leibfried: Nach einem geflügelten Wort auf Money, Market und Management. In der Jahresrechnung müssen die Dinge in Ordnung sein. Gleichzeitig geht es aber um die Frage, welche Position die Unternehmung im Markt einnimmt und über welche Kompetenzen das Management verfügt. Der Trend geht in Richtung eines umfassenden Business Reporting.

Die Unternehmensskandale bei Enron und Worldcom haben in der Revisionsbranche eine Regulierungswelle ausgelöst. Trotzdem ist die Welt mit der Finanzmarktkrise in eine arge Schieflage geraten. Jetzt wird noch mehr reguliert. Bringt das etwas?

Leibfried: Es handelt sich um das ewige Spiel «Räuber und Poli». Aber wenn wir nicht regulieren, wäre es wahrscheinlich auch nicht besser. Ich bin optimistisch, dass wir in Europa und speziell in der Schweiz angemessene Lösungen hinbekommen.

Die Rechungslegung wird immer komplexer. Selbst Spezialisten und Analysten klagen, sie könnten das präsentierte Zahlenwerk kaum mehr durchschauen. Geht das im gleichen Stil weiter?

Leibfried: Ich befürchte ja. Die Welt wird immer bunter, und deshalb muss auch der Spiegel mehr aufnehmen können.

Die Finanzmarktkrise hat die Regulatoren und die grossen Revisionsgesellschaften im Zuge der Harmonisierungsbemühungen enger zusammengebracht. Ist das eine Chance, dass sich die Accounting- Standards von IFRS und US-GAAP stärker annähern?

Leibfried: Dass die Konvergenz von IFRS und US-GAAP kommt, ist für mich unumkehrbar. Es ist faszinierend zu beobachten, wie schnell es derzeit geht. Ein IFRS-Abschluss könnte für ein amerikanisches Unternehmen bereits 2010 Realität sein.

In der Schweiz unterstehen die Wirtschaftsprüfer seit gut einem Jahr der Revisionsaufsicht. Wird damit die Qualität der Prüfungsarbeit verbessert?

Leibfried: Ja. Es gibt in jeder Organisation Fehler, die vermieden werden können, wenn jemand die Sache kontrolliert. Zudem stärkt die Aufsichtsbehörde den Revisoren den Rücken, wenn sie von einem Auftraggeber unter Druck geraten.

Demgegenüber werden die Rating- Agenturen kaum überwacht. Wird sich das ändern?

Leibfried: Definitiv ja. Man müsste mit den Rating-Agenturen dasselbe machen wie mit den Revisionsgesellschaften im Zuge von Sarbannes-Oxley. Die Arbeitsgebiete, etwa von Beratung und Rating-Tätigkeit, müssen strikt auseinander gehalten werden. Zudem braucht es mehr Transparenz und eine schlagkräftige Aufsicht.

Sie plädieren für eine Financial Governance nach dem Muster der Corporate Governance. Was steht dabei im Mittelpunkt?

Leibfried: Heute orientieren sich viele Unternehmer an den Folgen für die externe Rechnungslegung, wenn sie eine operative Entscheidung treffen. Was passiert mit meinen Kennzahlen, wie kann man die Transaktion aus Accounting-Sicht optimal strukturieren und so weiter. Der Schwanz wedelt mit dem Hund. Mit der Financial Governance soll dieses Bild vom Kopf wieder auf die Füsse gestellt werden. Alle finanziellen Teildisziplinen sollen die Unterstützung des Unternehmertums zum Ziele haben, und nicht umgekehrt. Die Financial Governance ist in diesem Sinn ein Teil der Corporate Governance. Dabei brauchen wir auch Standards für diese Financial Governance.

Wie wichtig ist nebst den quantitativen Elementen eine Ethikdiskussion, wenn es um die Unternehmensabschlüsse geht?

Leibfried: Sobald die Standards ausdiskutiert sind, landet man immer wieder bei der ethischen Thematik. Ist etwas nicht geregelt, stellt sich die Frage: Wie machen wir das jetzt? Bei grossen Beträgen sind wir alle käuflich. Vor 20 Jahren war es nicht möglich, in kurzer Zeit 30 oder 50 Mio Fr. zu verdienen. Heute geht das. Deshalb spielen Vergütungsmodelle bei dieser Ethikdebatte eine ganz zentrale Rolle.