Der Schlagabtausch zwischen Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz und PostFinance-CEO Jürg Bucher geht in eine nächste Runde. Vincenz kritisiert scharf, dass Bucher behauptet, PostFinance erhalte mit einer Banklizenz keine massiven Refinanzierungsvorteile. «Im Moment hat PostFinance 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte Zinsvorteil mit einer Staatsgarantie», sagt er (siehe rechts). Vielleicht sei Bucher mit dem Banking noch nicht so vertraut. In der Regel habe man nicht immer dieselbe Fristigkeit und müsse einen Teil der Mittel am Kapitalmarkt aufnehmen. Vincenz: «Es geht um eine Grundsatzfrage für die nächsten 100 Jahre.»

Inzwischen warnt nicht nur Vincenz davor, dass er Filialen in den Regionen abbauen müsse, sofern PostFinance mit einer Banklizenz weiter bevorteilt würde. Auch Bernard Kobler, CEO der Luzerner Kantonalbank, sagt: «Es ist nicht auszuschliessen, dass regional tätige Banken versuchen würden, eine neue Wettbewerbslage auf der Kostenseite, dass heisst über eine Straffung ihres Filialnetzes in der Region, aufzufangen.» Ein Wegfall von Erträgen und Arbeitsstellen bei den Regionalbanken zugunsten einer zentralisierten Postbank wäre die Konsequenz, argumentiert auch der Verein Schweizerischer Kantonalbanken.

Durch Hintertür zu Lizenzen

Nachdem der Bundesrat im neuen Postgesetz PostFinance einzig der Finanzmarktaufsicht (Finma) unterstellen will, aber keine Banklizenz vorsieht und die Meinungen in der vor einigen Wochen abgelaufenen Vernehmlassung zum neuen Postgesetz geteilt sind, zeigt sich der PostFinance-Chef neuerdings kompromissbereit. «Es gibt Alternativen zur Universalbankenlizenz: Noch vorteilhaftere Kooperationen oder mit erweiterter Geschäftstätigkeit über das Postgesetz», sagte Bucher der «Handelszeitung».

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Doch existiert für PostFinance tatsächlich eine Hintertür, durch die sie ohne Banklizenz selbstständig Kredite und Hypotheken vergeben könnte? Laut Harald Hammel, Sprecher des Eidg. Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek), benötigen Institute, die eine Tätigkeit im Sinne der Bankenverordnung ausüben, eine Banklizenz. «Aber: Der Umfang der zulässigen Tätigkeit der PostFinance wird hingegen im Postorganisationsgesetz also durch den Eigner festgelegt; dort kann man etwa festhalten, dass die PostFinance nur Zahlungsverkehrstätigkeiten wahrnimmt oder dass sie auch Hypotheken und Kredite erteilt etc.», sagt Hammel.

Gemäss dem Entwurf des Postorganisationsgesetzes soll PostFinance nur Zahlungsverkehrstätigkeiten wahrnehmen. Die Botschaft des Bundesrates zum Postgesetz folgt per Anfang 2009.


NACHGEFRAGT
Pierin Vincenz, CEO Raiffeisen-Gruppe


«Es geht um die nächsten 100 Jahre»

PostFinance-Chef Jürg Bucher behauptet, Ihre Argumente gegen eine Banklizenz seien nicht stichhaltig. PostFinance habe keine Vorteile bei der Refinanzierung, weil sie keinen Refinanzierungsbedarf habe.

Pierin Vincenz: Daraus schliesse ich, dass PostFinance mit dem Banking noch nicht so vertraut ist, weil man die Refinanzierung auf jeden Fall sicherstellen muss. In der Regel hat man nicht immer dieselbe Fristigkeit, muss einen Teil der Mittel am Kapitalmarkt aufnehmen. Man kann sich nicht ewig aus den Spargeldern heraus finanzieren. Im Moment hat PostFinance 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte Zinsvorteil mit einer Staatsgarantie. Diesen Vorteil haben auch Kantonalbanken. Wenn ein Kunde mit drei Offerten auf uns zukommt, ist es eine Herausforderung für uns, wenn schon der Rohstoff des Konkurrenten viel günstiger ist.

Laut Bucher geht es auch mit einer Banklizenz sehr lang, bis PostFinance einen Refinanzierungsbedarf hat.

Vincenz: Ja, aber PostFinance wird Teile der 50 Mrd Fr. Spargelder anlegen und nebenbei neue Gelder billiger auf dem Kapitalmarkt beziehen. PostFinance wird ganz anders aussehen mit einer Banklizenz. PostFinance-Chef Bucher kann nicht sagen, dass er sich ewig aus den Spargeldern finanzieren wird.

Aber für die nächsten Jahre ist das laut Bucher kein Thema.

Vincenz: Ja, aber es geht um eine Grundsatzfrage für die nächsten 100 Jahre. Unsere Konkurrentin PostFinance hat mit einer Banklizenz Vorteile auf dem Kapitalmarkt. In einem liberalen Wirtschaftsumfeld kann es nicht sein, dass neben den Kantonalbanken auch der Bund eine Bank betreibt, da ja der Finanzmarkt dank grosser Konkurrenz funktioniert. Weiter ist zu betonen, dass es keine Verfassungsgrundlage gibt, wonach der Bund eine Bank führen darf. Viele der 50 Mrd Fr. hat PostFinance dank der Staatsgarantie erhalten. PostFinance ist kein Brandname, den der PostFinance-Chef erfunden hat. Jeder würde gerne mit dem Namen Post Geld sammeln. Das Geld, das PostFinance zufliesst, ist grösstenteils der Staatsgarantie zu verdanken.

Wie steht es mit Ihrer Expansion im Firmenkundengeschäft und den drei Pilotprojekten?

Vincenz: Wir haben bei den Gewerbetreibenden bereits einen Marktanteil von 18%. Bei grösseren Firmen haben wir unser Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Bisher haben wir Kredite lokal abgewickelt, doch für grössere Kredite braucht es Regionalzentren. Wir sind inzwischen an drei Stellen präsent ? in St. Gallen, in Luzern für die Zentralschweiz und in Lausanne. Im Herbst wird das auf einen normalen Betrieb umgestellt und dann auch weiter ausgebreitet in alle Regionen. Das Geschäft läuft gut, aber bevor wir mit grosser Kelle anrichten, wollen wir das Know-how noch besser ausbauen. Wir sind lieber ein wenig vorsichtig. Vielleicht unterschätzt Bucher das ? das Risiko in diesem Geschäft muss man kennen.