Vor einem halben Jahr habe ich hier Martin Suters «Montecristo» besprochen und nun geht es um Raoul Weils autobiografisches Buch «Der Fall Weil»**, das in diesen Tagen ein gutes Jahr nach seinem Freispruch durch ein amerikanisches Schwurgericht erscheint. Dabei gibt es durchaus Parallelen: Schreibt der eine (Suter) einen Kriminalroman mit Versatzstücken aus der realen Bankenwelt, so beschreibt der andere (Weil, der sich selbst als «Zahlenmensch» sieht) einen realen Kriminalfall in einer teilweise literarischen Sprache und mit schriftstellerischen Werkzeugen wie «Side Stories» oder Rückblenden, die Spannung schaffen.

Beide Autoren arbeiten mit nur unschwer auf real lebende Personen und Institutionen übertragbaren Namen (bei Weil steht «Dunkel» für «Liechti», «OSB» für «UBS» et cetera), beide setzen durchaus gekonnt und in der richtigen Dosis Ironie ein, und bei beiden entsteht jene Spannung, die einen über die 300 (Suter) beziehungsweise rund 360 Seiten (Weil) problemlos am Lesen hält.

Wenig Selbstmitleid und Wut

Wenig überraschend kann Weils Werk in literarisch-sprachlicher Hinsicht nicht mit Suters Roman konkurrieren. Dennoch erreicht der gelernte Volkswirt und Banker hier ein beachtliches Niveau – auch wenn die eine oder andere Plattitüde das Lektorat leider überstanden hat.

Wohltuend ist, dass Raoul Weil trotz der ausdrücklichen «Warnung» im Vorwort, dass er die Geschehnisse «ausschliesslich aus der subjektiven Sicht des Autors» darstelle, an praktisch keiner Stelle in Selbstmitleid versinkt oder seine Wut ausbreitet. Im Gegenteil: Über weite Strecken liest sich «Der Fall Weil» wie eine von einem Drittautor verfasste Biografie, sieht man einmal von jenen Abschnitten ab, wo er seine Partnerin Susanne überschwänglich lobt oder ganz persönliche Stimmungen aus der «Opfer-Perspektive» wiedergibt.

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Erhellender Zeitzeugenbericht

Anders als bei Suter stellt sich hier nicht die Frage, ob sich die Geschichte in der Realität abspielen könnte. Sie hat sich real ereignet: Raoul Weil ist ein Zeitzeuge, der im Rahmen der amerikanischen Jagd auf Steuersünder und deren Auswirkungen auf das Schweizer Bankgeheimnis zu einer (umstrittenen) Symbolfigur geworden ist. Während seine Geschichte mit dem Freispruch und damit aus seiner Sicht mit dem Sieg Davids (Weil) gegen Goliath (USA) ausgeht, sieht er das im zugrunde liegenden Konflikt anders: Hier zwingt Goliath (USA) die Schweiz (David) in seinem Empfinden zur Aufgabe des Bankgeheimnisses.

Wie immer man diese Entwicklungen für den Bankenplatz beurteilt – und ich selbst habe ja früh gewisse Tabus in Frage gestellt –, ob man in Weil nun einen Opportunisten oder einen Helden sieht: Seine Geschichte erhellt wichtige Hintergründe zum Verständnis des Bankenstreits zwischen den USA und der Schweiz.

Für Spannung sorgt der O-Ton aus der Haft

Das Buch ist – nach einer kurzen «Eigenpräsentation» des Autors – in Form eines Tagebuchs geschrieben, das am Freitag, 18. Oktober 2013, am Vorabend der Verhaftung in Bologna beginnt und am Montag, 3. November, mit dem Freispruch in Fort Lauderdale in Florida endet. Dazwischen liegen fast zwei Monate Haft in Italien, Auslieferung und zehn Monate Hausarrest mit GPS-Fussfessel in den USA.

Weil selbst schildert die Ereignisse und seine Gedanken dazu in den drei Hauptkapiteln «Albtraum ohne Ende», «Gefangen im Land der Freiheit» und «Showdown in Florida»: Besonders spannend sind die Schilderungen seiner Haft in Bologna, wo er eine fast soziologische Milieustudie über seine Mitgefangenen und Zellengenossen liefert, mit entsprechend expliziter Sprache, die zeigt, dass er diesen «Originalton» wohl wirklich schon im Gefängnis notiert hat. So zitiert er etwa einen Mitgefangenen, dem er sagt, er sei Banker: «Oh, dann sind wir ja aus derselben Branche. Ich bin Bankräuber.»  

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Buch bietet viele neue Details

Schliesslich liegt eine Qualität des Buches auch in den vielen Details, die man so bisher noch nirgends lesen konnte: Zum Beispiel, dass ein besonders aufmerksamer Hotelportier Auslöser der Verhaftung war. Beeindruckend sind auch die detailreichen Schilderungen der Prozessvorbereitung durch das hochkarätige Anwaltsteam, der entscheidenden Recherche von Weil-Partnerin Susanne und der Prozesstage.

Die Geschichte zeigt, wie hart und unerbittlich die USA einen einmal eingeschlagenen Weg verfolgen. Ich bin froh, dass wir bei Raiffeisen nur am Rand betroffen waren. Und ich staune, wie konsequent Weil einen Vergleich ablehnte und im Prozess aufs Ganze ging.

Für Dramatik sorgen andere

Das Buch Raoul Weils erscheint im «Wörterseh»-Verlag, der vor allem für Werke der «Betroffenheits-Literatur» bekannt ist. Es gelingt dem früheren Banker aber erstaunlich gut, trotz der doch immensen und aus seiner Sicht unverschuldeten Fallhöhe vom Chef über mehr als 60'000 Mitarbeitende zum Häftling relativ gelassen und sachlich seine Geschichte zu schildern.

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Natürlich ist es seine ganz persönliche Perspektive, aber die handelnden und sprechenden Personen sind andere, zum Beispiel sein Verteidiger, der sich in seinem Plädoyer mit dramatischen Worten an die Geschworenen wendet: «Wie auch immer Sie entscheiden werden, Herr Weils Karriere, Herr Weils Reputation, ja Herr Weils Leben: Das ist alles schon zerstört.»

Möglich Parallele auf Staatenebene

Den Eindruck eines zerstörten Menschen vermittelt Weil keineswegs. Er scheint trotz allem so etwas wie seinen Frieden gefunden zu haben. Auch das eine Parallele zum Verhältnis USA-Schweiz in Sachen Finanzplatz? Es ist zu hoffen.

* Pierin Vincenz war zum Zeitpunkt des Fall Raoul Weils Chef der Raiffeisen-Gruppe, seit Oktober ist er Präsident des Verwaltungsrats der Helvetia Versicherungen.

** Der Fall Weil – Wie mein Leben in den Fängen der US-Justiz zum Albtraum wurde, 368 Seiten, Wörtersee Verlag, 41,90 Franken

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