Die VoIP-Dienste (Voice over IP, Internettelefonie) sind nicht Business-tauglich! Der kürzliche Ausfall des weltweit grössten Anbieters Skype hat dieses Vorurteil bei vielen verfestigt. Zwei Tage lang war der Service für einen Grossteil seiner Nutzer nur sporadisch erreichbar. Und der nachfolgende, misslungene Versuch von Skype, die Schuld für die Panne auf Microsoft abzuschieben, kann auch nicht gerade als vertrauensbildende Massnahme bezeichnet werden. Trotzdem ist das Vorurteil nur zum Teil richtig: Skype und ähnliche Dienste wie das Gizmo-Projekt von Linspire- und MP3.com-Gründer Michael Robertson mögen als Festnetzersatz für viele Firmen nicht genügen. Ihren eigentlichen Wert bringen sie Firmen aber in einem anderen Bereich: Sie sind effektive Kollaborations-Tools für geografisch verteilte Organisationen.


Geschäftsreisen einsparen

Für Gerd Frera, Geschäftsführer der Berner Beratungsfirma caJoue, ist der Skype-Ausfall ein normales Nebengeräusch, wie es in der Informatik immer wieder vorkommt. Frera beschäftigt sich seit Jahren mit VoIP und hat zum Thema auch schon ein Buch publiziert. Er nutzt Skype im eigenen Unternehmen: «Für uns ist es schlicht die einfachste Art, eine Telefonkonferenz abzuhalten. Unsere Mitarbeiter sind meist über das ganze Land verteilt. So gesehen ist Skype für mich weniger ein Festnetz-, sondern vor allem ein Reiseersatz.» Mit Skype können bis zu zehn Teilnehmer miteinander konferieren, wenn gewünscht inklusive Videoverbindung und Dateienaustausch. Eine solche Konferenz ist mit wenigen Mausklicks gestartet. Ähnliche Services der Festnetzanbieter sind viel komplizierter in der Nutzung, und ihr Gebrauch kostet zudem Gebühren. Unbestritten nützlich ist Skype zudem auch für die Kommunikation mit Mitarbeitern im Ausland.

Als eigentlicher Ersatz für das Festnetztelefon sind die VoIP-Dienste demgegenüber nur beschränkt brauchbar. Zum einen entspricht die Tonqualität nicht derjenigen des Festnetzes. Im Normalfall telefoniert man etwa in Handyqualität. Recht häufig kommen jedoch Echoeffekte und Knackgeräusche dazu, die in einem professionellen Umfeld kaum tolerierbar sind.


Sicherheitsbedenken

Auch in Sachen Sicherheit ist vor allem Skype nicht über alle Zweifel erhaben. Der Dienst nutzt proprietäre Software, in die niemand Einsicht hat. Zudem ist auch nicht klar, wie vertrauenswürdig der Dienst mit den Nutzerdaten umgeht. Erst dieses Frühjahr wurde bekannt, dass Skype die BIOS-Daten des Rechners ausliest, die die Seriennummer der Mutterplatine enthalten und damit eine Indentifikation ermöglichen.
Für Unternehmen problematisch ist aber auch die Architektur des Skype-Dienstes. Der als sogenanntes Peer-to-Peer-Netzwerk aufgebaute Service nutzt die Rechner seiner Anwender, um die Kontaktlisten und Profile seiner inzwischen über 170 Mio registrierten User zu speichern. Somit gibt es keine überprüfbare Sicherheit für diese Daten. Für Bereiche, in denen mit Geheiminformationen gearbeitet wird, ist Skype darum auf keinen Fall geeignet.

Anzeige

Neben dem Marktführer steht heute eine Reihe weiterer Gratis-services zur Verfügung. So wurden in den letzten Jahren alle bekannten Instant-Messaging-Dienste um Video-Telefoniefähigkeiten ausgebaut. Die Services von Yahoo, Microsoft, AOL und Google bieten allerdings keine Konferenzfunktionalitäten. Sie sind auch eher auf Privatanwender ausgerichtet.

Im Vergleich zwischen Gizmo und Skype überzeugt der Marktführer durch ausgefeilte Funktionalitäten und die grosse Nutzerzahl. Gegenwärtig sind zu jedem Zeitpunkt über 8 Mio Menschen auf Skype aktiv. Gizmo kann demgegenüber durch die Verwendung des offenen SIP-Standards (Session Initiation Protocol) punkten. Dies ermöglicht es zum Beipiel, dass über Gizmo auch Yahoo-, Microsoft- und Google-Anwender kostenlos angerufen und in Konferenzschaltungen miteinbezogen werden können. Auch die Integration der Gizmo-Software mit der Open-Source-VoIP-Telefonanlage Asterisk ist sicher ein Pluspunkt für den Herausforderer. Damit steht eine integrierte Unternehmenslösung zur Verfügung, die die Vorteile einer eigenen Telefonieanlage auf VoIP-Basis mit jener eines flexiblen, webbasierten Dienstes verbindet.

------

Musik aus der Zukunft

Die VoIP-Dienste wie Skype, Gizmo, GoogleTalk, Yahoo, AOL Instant Messenger und Windows Live Messenger sind erste allgemein verfügbare Vorboten aus der kommenden Kommunikationswelt. Mit der in wenigen Jahren erwarteten, vollständigen Digitalisierung der Telefonnetze werden alle Kommunikationskanäle vom Telefon, Handy und WLAN, über E-Mail, Messaging und Videoconferencing bis zu Kollaborationsanwendungen und Datentransaktionen verschmelzen. Eine Person kann dann auf eine beliebige Art kontaktiert werden. Die Systeme merken von selber, wie der Empfänger derzeit erreichbar ist oder sein will, und sie bereiten die Informationen entsprechend auf. Für die Nutzer ist neben der Flexibilität vor allem auch der Umstand attraktiv, dass sie grundsätzlich nur noch eine Nummer für Handy, Festnetz, Messaging, Videotelefonie und Mail benötigen.

Für Privatanwender ist dies zwar noch Zukunftsmusik, aber eine, deren Melodie man in modernen Unternehmen schon jetzt hören kann. Diese haben bereits Systeme installiert, die die verschiedenen Kommunikations- und Datenkanäle zusammenführen, die Verfügbarkeit der einzelnen Möglichkeiten abklären und dann den bevorzugten Kontakt herstellen. Für die meisten KMU und vor allem für Privatanwender sind solche Installationen derzeit aber noch zu teuer. Dies könnte sich allerdings schon in diesem Herbst ändern, wenn Microsoft den Office Communications Server 2007 auf den Markt bringt, der die Unified-Communications-Welt recht preisgünstig für KMU zugänglich machen soll.