Bis heute ist die Sanduhr ein beliebtes Zeitsymbol. In der Computerwelt und an Geldautomaten hat sie sich als Aufforderung zum Warten etabliert. Im modernen Haushalt dient sie zum Eierkochen oder für Gesellschaftsspiele. Kinder lernen dank ihr, die Dauer des Zähneputzens einzuschätzen. Und auch in der Sauna haben sich die temperaturunempfindlichen Zeitmesser bewährt. Besonders häufig wird die Sanduhr in der Werbung eingesetzt. Für den Countdown der europäischen Markteinführung des neuen BMW 7er beispielsweise wurde im Juli 2008 auf dem Roten Platz in Moskau eine riesige Sanduhr aufgebaut. Der fast 12 m hohe und 40 t schwere Gigant sorgte vor der Kulisse des Kreml einige Tage lang für Aufsehen. In der oberen Hälfte der Konstruktion aus Acrylglas und Stahl parkte die neue BMW-7er-Limousine – zunächst verborgen von mehr als 180000 silbernen Kugeln. Diese fielen nach und nach in den unteren Kegel und enthüllten schliesslich den neuen Luxus aus München.

Verrückte Sanduhrenwelten

Mittlerweile gibt es sogar elektronische Sanduhren, made in Hongkong, oder paradoxe Stundengläser, bei denen der Sand von unten nach oben fliesst. Das Angebot ist breit, doch wirklich exklusive Stücke sind selten. Am ehesten findet man sie in Geschäften, die auf maritimes Zubehör spezialisiert sind. Eine nach altem Vorbild gefertigte Sanduhr mit kardanischer Aufhängung kann bis zu 300 Fr. kosten. Alte Sammlerstücke sind im Handel jedoch äusserst rar geworden.

Der genaue Ort und Zeitpunkt ihrer Erfindung ist übrigens unbekannt. Lange ging man davon aus, dass die Sanduhr, wie auch die Sonnen- und die Wasseruhr, schon in der Antike bekannt war. Die Literatur erwähnt die Sanduhr jedoch nicht, und es gibt auch keine Darstellungen aus dem Altertum.

Als Erfinder wird immer wieder der Mönch Luitiprand aus Chartres aus dem 9. Jahrhundert genannt, der sich auf dem Gebiet der Glasherstellung hervorgetan hatte. Denn die Entwicklung eines solchen Zeitmessers war erst möglich, als man gelernt hatte, durchsichtiges Glas herzustellen. Die älteste bekannte Darstellung findet sich jedoch erst auf einem Fresko von Lorenzetti in Siena aus dem Jahre 1338, die deutlich eine Sanduhr mit allen Details zeigt. Auch die ersten schriftlichen Hinweise stammen aus dieser Zeit. Exklusive Sanduhren waren beim Adel über die Jahrhunderte beliebte Sammelobjekte. Die frühesten erhaltenen Exemplare stammen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert und befinden sich in Kirchen, Museen und Privatsammlungen. Auffällig ist ihre grosse künstlerische und technische Vielfalt. Von der einfachen Reisesanduhr bis zum seltenen Stundenglas mit fünf Gläserpaaren reicht die Palette.

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Eine Sanduhr war relativ einfach herzustellen und ohne mathematische Kenntnisse zu handhaben. Künstler wie Holbein d. J. entwarfen Gehäuse für Sanduhren, die oftmals auch mit kleinen Sonnenuhren verbunden wurden. Ihre Gehäuse waren aus Holz, Messing oder Silber. Spezielle Zähleinrichtungen, die am Rahmen angebracht waren, gaben an, wie oft eine Uhr abgelaufen war. Komplizierte Angaben wie bei den Sonnenuhren oder frühen astronomischen Uhren entfielen. Die simple Anwendung war einer der Gründe für ihre schnelle Verbreitung. Im 16. Jahrhundert war die Sanduhr allgemein bekannt; Nürnberg und Venedig wurden die Zentren dieses Kunsthandwerks.

Das Geheimnis einer guten Sanduhr liegt in der Ausführung der Öffnung, durch die der Sand rieselt, und in der Art und Beschaffenheit des Sandes. Die Schwere des Sandes beeinflusst die Laufgeschwindigkeit. Da sich der Sand nach und nach zerreibt, also feinkörniger wird, verkürzt sich die Durchlaufzeit allmählich. Zudem wird durch den scharfkantigen Sand die Durchflussöffnung allmählich ausgeschliffen und erweitert. Besonders bewährt hat sich deshalb schwerer, bleihaltiger Sand, wie er in der Gegend um Venedig vorkam. Dank der schmierenden Wirkung des Bleis wurde das Glas weniger angegriffen und der Sand nicht so schnell zerrieben.

Ihre wohl grösste Bedeutung erlangte die Sanduhr in der Seefahrt, wo sie schon bald nach ihrer Erfindung zum Einsatz kam. Während der grossen Entdeckungsfahrten richtete sich der Dienst auf den Segelschiffen nach Sanduhren. Die Borduhr wurde Glas genannt und lief eine halbe Stunde. Acht Glasen waren vier Stunden, was einer Wache entsprach. Die halbe Stunde wurde mit einem einfachen, die vollen Stunden mit einem Doppelschlag an der Schiffsglocke angeschlagen. Acht Glasen, also vier Doppelschläge, bedeuteten Wachablösung.

Bereits Kolumbus führte zahlreiche Halbstundengläser mit, sogenannte «ampolettas». Über einen Zeitraum von mehr als 400 Jahren wurde die Sanduhr bis ins 19. Jahrundert auf See benutzt. Ihre Beliebtheit verdankt sie nicht ihren genauen Gangergebnissen, sondern vor allem ihrem vergleichsweise günstigen Preis, ihrer Wetterfestigkeit und ihrer relativ geringen Störanfälligkeit. Auf den alten Seglern waren Sanduhren – ähnlich wie die Schiffschronometer – mit einer kardanischen Aufhängung versehen, die dafür sorgt, dass die Uhr auch bei heftigem Wellengang stets ihre waagerechte Lage behält.

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Gegen Vielredner auf der Kanzel

Bei Eieruhren dauert es 3 bis 5 Minuten, bis der obere Behälter leer ist; grosse Schiffsuhren hatten eine Laufzeit von bis zu 4 Stunden. In der Regel dienten sie jedoch für kürzere Zeitabschnitte. Stundengläser massen – wie schon die Wasseruhren in der Antike – den Rednern ihre Zeit zu. Sie waren selbst dann noch beliebt, als die Räderuhr schon weit verbreitet war. Besonders häufig verwendete man sie als Kanzeluhren, um die Länge der Predigt zu kontrollieren. Auch allzu redefreudige Anwälte und Richter wurden in den Gerichtssälen durch Sanduhren gebremst. Sie wurden bei Auktionen eingesetzt, Ärzte benutzten sie mit einer Sandmenge von 15 Sekunden, um den Puls zu messen, und auch in den Küchen durften sie nicht fehlen. Wie auch die Wasser- und Öluhren registrieren Sanduhren den stetigen Ablauf eines Vorgangs nach statistischen Gesetzen. Ihre Aufgabe war es, unter sich gleiche Zeitspannen zu messen, nicht aber, den täglichen Zeitablauf in bestimmte Abschnitte zu teilen.

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