Wenn die Börsen die wirtschaftlichen Aussichten vorwegnehmen, dann ist von der Schweinegrippe wenig zu befürchten. Selbst als die Weltgesundheitsorganisation WHO die Pandemiewarnstufe auf das zweithöchste Level 5 erhöht hat, haben die Kurse weltweit sogar noch zugelegt. Doch Aktienmärkte nehmen nicht die Zukunft vorweg, sie bilden bloss die Mehrheitsmeinung über deren Verlauf ab.

Alles hängt vom konkreten weiteren Verlauf der Grippe ab. Steigen die Todesfälle weiter an, insbesondere ausserhalb von Mexiko, und erweist sich das Virus oder eine Mutation davon als aggressiver als bisher angenommen, ist die Gelassenheit verflogen.

Die wirtschaftlichen Folgen könnten dann verheerend sein. Allerdings variieren die Schätzungen zu den konkreten Konsequenzen stark. Hauptsächlich weil hier mit vielen Unbekannten gerechnet werden muss, vor allem zur Aggressivität des Virus. Als Berechnungsgrundlagen dienen hauptsächlich bisherige Epidemien (siehe Kasten).

Wie die WHO unterscheidet auch der erst im Januar aktualisierte Schweizer Pandemieplan je nach Dramatik sechs Phasen.

Bis zu Gewaltausbrüchen

Im schlimmsten Fall, dem Szenario 6.2, mit einer weltweiten Verbreitung eines aggressiven Grippevirus und einer Übertragung von Mensch zu Mensch könnte das Gesundheitssystem überlastet sein. Die Krisensituation kann dann, laut dem Plan, «zu Unruhen in der Bevölkerung, Schwarzmärkten und Gewaltausbrüchen führen».Schon 2003 hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auch die ökonomischen Folgen einer Grippepandemie in der Schweiz durch das britische Forschungsinstitut «Mapi Values» eruieren lassen. Gemäss dem dort für wahrscheinlich gehaltenen Szenario würden auf die Schweiz Maximalkosten von 2,3 Mrd Fr. zukommen, das entspricht einem relativ harmlosen halben Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 2003 (dem Jahr der Studie). Geht man von Szenarien aus, die andere internationale Studien erwarten, könnten sich die Kosten für die Schweiz auf bis zu 35 Mrd Fr. belaufen. Das entspräche dramatischen 8% des BIP von 2003. Weil die Schweizer Wirtschaftsleistung seither real etwa 10% zugelegt hat, würden die Kosten aller Szenarien heute deutlich höher ausfallen.

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Den geringsten Anteil machen laut der Studie die direkten Kosten im Gesundheitswesen für Spital- und Arztleistungen sowie Medikamente und Impfungen aus: Nur 17%, bzw. 405 Mio Fr. Mit 83% (1,935 Mrd Fr.) den Hauptharst der Kosten ergeben sich durch Absenzen am Arbeitsplatz. Während zwei bis drei Wochen würden sich die Arbeitskräfte grippebedingt um einen Drittel reduzieren. Dazu kommen noch Absenzen für die Pflege von Angehörigen und weil viele so einer Ansteckung zu entgehen versuchen. Insgesamt würden 20% der gewöhnlichen Arbeitskapazität während dreier Monate ausfallen. Das würde zu einem deutlichen Produktivitätsrückgang in allen Sektoren führen. Dazu kommen nachfragebedingte Ausfälle bei Konsumgütern, Dienstleistungen und im Personenverkehr. Besonders betroffen wären auch die Hotellerie, das Gastgewerbe, die Kultur und der Sportbereich.

Immerhin wirkt die aktuelle Krise wirtschaftlich weltweit mildernd. Da die Nachfrage ohnehin leidet, auch jene nach Arbeitskräften, fällt der zusätzliche Ausfall kleiner aus. Allerdings würden die Ängste einen kommenden Aufschwung weiter hinausschieben.

Exportabhängigkeit als Nachteil

Da die Schweizer Wirtschaft vom Export abhängt, sind auch Daten zu den internationalen Auswirkungen einer Pandemie von grosser Bedeutung. Gemäss einer im letzten September aufdatierten Studie der Weltbank könnte das weltweite Bruttoinlandprodukt (BIP) bei einer dramatisch verlaufenden Grippepandemie um bis zu 4,8% einbrechen. In Europa und Zentralasien sogar um beinahe 10%. In diesem Fall würden an der Pandemie weltweit 71 Mio Menschen sterben. Den dramatischen Einbruch der Schweizer Exporte durch eine solche Entwicklung beziffert noch keine Studie.