Herr Koopmann, das Schweizer Stimmvolk hat der «1:12»-Initiative die Gefolgschaft verweigert. Wie erleichtert sind Sie darüber? 
Andreas Koopmann:
Ich freue mich sehr über dieses klare Votum. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben offensichtlich erkannt, welche negativen Folgen eine Annahme der Initiative für den Wirtschaftsstandort Schweiz gehabt hätte.

Sind Sie von der Deutlichkeit des Resultats nicht überrascht - zumal sich die Bevölkerung im vergangenen März mit überwältigender Deutlichkeit für die «Abzocker-Initiative» ausgesprochen hat?
Warum ein bestens bewährtes System aufs Spiel setzen? Lohnfragen sind eine Sache der Sozialpartner, dieses System hat über Jahrzehnte einwandfrei funktioniert und ist nicht zuletzt eine der Grundlagen für den Wohlstand in diesem Land. Der Staat muss sich hier nicht einmischen.

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Nun ist die 1:12-Initiative erst der Beginn einer ganzen Reihe von umstrittenen wirtschaftspolitischen Abstimmungen. Wie interpretieren Sie das Abstimmungsresultat im Hinblick auf die Mindestlohn-, Masseneinwanderung-, Erbschaftssteuer-Initiative und der Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen?
Das Nein ist ein Ja zu unserer heute existierenden Wirtschaftsordnung. Das Votum ist ein wichtiges Signal dafür, Lohnfragen weiterhin im Rahmen der Sozialpartnerschaft zwischen Gewerkschaften und Unternehmen oder Verbänden zu regeln. Dieses Modell hat sich seit Jahrzehnten bewährt und unseren heutigen Wohlstand ermöglicht. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wollen diese Sozialpartnerschaft offensichtlich nicht aufs Spiel setzen.

Glauben Sie wirklich, dass die Wirtschaft diese wegweisenden Abstimmungen für sich entscheiden kann?
Das doch klare Nein der 1:12-Initiative ist ein starkes Signal und ich hoffe, dass dieser Entscheid wegweisend ist für die noch kommenden Abstimmungen, die in unsere existierende Wirtschaftsordnung eingreifen wollen.

Allerdings lässt sich bei der «Mindestlohn»-Initiative die Warnung vor Firmenverlagerungen und Jobabbau nicht als Argument ins Feld führen - zumal sich die Bevölkerung im Falle der «Abzocker-Initiative» von dieser Drohung nicht einschüchtern liess.
Was schliesslich den Ausschlag gegeben hat, werden die genauen Analysen in den nächsten Wochen zeigen. Die Abstimmung hat aber bewiesen, dass die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sich nicht von emotionalen Aspekten leiten lassen und davon unabhängig gut überlegte Entscheidungen treffen.

Teilen Sie den Eindruck, dass angesichts solcher Initiativen in der Schweiz ein Klassenkampf entbrannt ist? 
Nein. Es gab in der Vergangenheit vereinzelte Salär-Exzesse, welche das Vertrauen in die Wirtschaft erschüttert haben. Von einem Klassenkampf zu sprechen, ist aber übertrieben. Ich bin überzeugt, dass der Souverän auch in Zukunft Ideen ablehnen wird, die zu stark in die Sozialpartnerschaft eingreifen und unsere heutige Wirtschaftsordnung in Frage stellen werden.

Die Detailhandelsriesen haben derweil begonnen, den Initianten den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem die Mindestlöhne um bis zu 2 Prozent angehoben wurden. Ist das von Georg Fischer auch zu erwarten?
Die Anpassung der Löhne wird jährlich neu verhandelt, das hat nichts mit der Abstimmung über die Mindestlohn-Initiative zu tun. Diese Verhandlungen sind Sache der Konzernleitung und der Personalvertreter, die eine gute Lösung für die Mitarbeitenden finden werden.

Neben der Mindestlohn-Initiative hat SVP-Präsident Toni Brunner den Abstimmungskampf zur Zuwanderungs-Initiative eröffnet und der Wirtschaft vorgeworfen, ausländische Arbeitskräfte auszunutzen. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf?
Heute steht für mich die Ablehnung der 1:12-Initiative im Mittelpunkt, für die Diskussionen um die kommenden Initiativen bleibt noch genügend Zeit. Aufgrund meiner Kenntnisse kann ich keine Ausnützung ausländischer Arbeitskräfte feststellen. Qualifizierte ausländische Arbeitnehmer haben das Wachstum in der Schweiz in den letzten Jahren erst möglich gemacht.