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Von Roll: Langsame Dämmerung

Solaranlage: Der Ausflug in die Branche endet früh

Mit viel Brimborium stiess der Industriekonzern in das Solargeschäft vor. Jetzt will er es bereits wieder loswerden. Dafür wird nun das langweilige, aber solide alte Geschäft forciert.

Von Benita Vogel
am 28.03.2012

Der kantonale Volkswirtschaftsdirektor persönlich lud zum symbolischen Spatenstich der Hightech-Neuansiedlung. Im idyllischen Ort Tägerwilen wurde ein Solartechnologie-Kompetenzzentrum eröffnet. Darauf war die Regierung mächtig stolz, schliesslich hatte sie eine Wachstumsfirma in die Provinz gelockt. Von Roll wollte im Thurgau die «leichteste», «billigste» und «effizienteste» Solarzelle der Welt bauen und so 100 Stellen schaffen. Dem Vokabular der Superlative war bald der ganze Kanton verfallen. Vom «grössten Arbeitgeber der Region» war die Rede, von «ganz neuen Dimensionen» und vom «Silicon Valley der Schweiz». Das war im Frühling 2010.

Inzwischen ist der Traum geplatzt. Das Solarzentrum von Von Roll in Tägerwilen steht vor dem Aus. «Solar ist für uns Geschichte, wir investieren nicht mehr», bestätigt Firmenchef Matthias Oppermann. Der Deutsche, der seit letztem Jahr am Ruder ist, will das Kerngeschäft mit Materialien für die elektrische Isolation und Verbundwerksstoffen ausbauen und in Rohstoffe investieren. In der krisengeschüttelten Solarbranche sieht er keine Zukunft.

Schwierige Suche nach Investoren

Den Wachstumsballon Solar liess Oppermann-Vorgänger Thomas Limberger steigen. Der Ex-Chef wollte den konservativen Industriekonzern mit einer attraktiven Wachstumsstory versehen. Die Ziele setzte er hoch. Die Super-Solarzelle aus Tägerwilen hätte dieses Jahr in Serienproduktion gehen sollen. Dazu kommt es nicht.

Die flexiblen Module aus Cadmium­tellurid haben interne technische Ziele ­erfüllt. Sie weisen für Dünnschichtzellen eine akzeptable Effizienz von 9 Prozent aus, die auf 14 Prozent gesteigert werden kann. Die Herstellungskosten liegen laut Oppermann zudem rund 30 Prozent unter denjenigen vergleichbarer Produkte. Die Wirtschaftlichkeit ist damit aber noch nicht bewiesen. Dafür ist eine Serienfer­tigung nötig. Die Pilotserie kostet weitere 10 Millionen Franken, dazu kommen laufende Kosten von 1 bis 2 Millionen Franken pro Halbjahr. Das Geld will Oppermann nicht mehr in die Hand nehmen. Er hat bereits 3 Millionen Franken auf dem Solarprojekt abgeschrieben. Deshalb sucht er nun einen Käufer oder will die Sparte ans Management verkaufen.

40 Initiativen definiert

Die Zeit ist knapp. Den Ausstiegsentscheid traf der Verwaltungsrat erst Mitte März. Bereits Ende Juli will er eine Lösung für den Bereich sehen. Firmenkenner gehen davon aus, dass nur ein Management-Buy-out realistisch ist. Die Suche nach Investoren läuft zwar auf Hochtouren. Doch die Katerstimmung im Solarmarkt macht potenzielle Interessenten skeptisch. Bleibt die Suche erfolglos, schliesst Von Roll den Standort Tägerwilen und entlässt das verbleibende Dutzend Mitarbeiter. «Die Solarkrise hat den Ausstiegsentscheid beschleunigt», sagt Oppermann.

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