Wer als Unternehmer in einer zyklischen Branche tätig ist, hört das gern. Allein erscheint der aufkeimende Optimismus bei nüchterner Betrachtung auf einer hoffnungslosen Überinterpretation der Daten zu beruhen.

Spätestens seitdem das statistische Amt der Europäischen Union uns mitgeteilt hat, dass die Wirtschaft Europas zwar noch schrumpft, Deutschland aber im 2. Quartal gewachsen ist, gibt es bei den Optimisten kein Halten mehr. Jede leichte Aufwärtsbewegung in den Statistiken wird als Bestätigung des Aufschwungs gewertet. Schlechte Daten werden ignoriert und die Börse setzt ihren im März begonnenen Höhenflug unbeirrt fort.

Was Statistiker und Börsianer nicht wahrhaben wollen: Wirtschaftsaktivität wird nicht in Wachstumsraten bemessen. Nicht die Veränderung des Auftragseingangs ist, was am Ende zählt, sondern wohl eher das Auftragsvolumen und letztlich der Umsatz in Franken, Dollar oder Euro. Wachstumsraten sind nur Instrumente zur Illustration der Veränderung einer Entwicklung und hängen entscheidend von dem Zeitraum ab, über den sie gemessen werden. So ist Deutschland zwar im 2. Quartal um 0,3% gewachsen. Auf Jahresbasis liegt das Volkseinkommen unserer Nachbarn aber mehr als 5% unter dem Vorjahresniveau. Gemessen am Höhepunkt der Wirtschaftsentwicklung sind es sogar über 7%.

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Schlimmer noch: Quartalszahlen sind fast definitorisch sehr schwankend. Rein statistisch betrachtet folgt in Deutschland auf ein negatives Wachstumsquartal mit 64% Wahrscheinlichkeit ein positives, ohne dass man daraus den Aufschwung ableiten muss oder kann. Wenn man dann noch bedenkt, woher das in vielen Ländern gemessene Wachstum kommt, muss man sich wohl noch mehr über den augenblicklichen Optimismus wundern. In den USA, in Japan und in Deutschland ist die private Nachfrage immer noch im Rückwärtsgang. Somit erscheint die Sorge gerechtfertigt, dass das, was immer wir da als Aufschwung messen, nur vorübergehend sein könnte. Staatsausgaben sind eben keine nachhaltigen Wachstumsförderer.

Der kluge Optimist immunisiert seine Aufschwungsprognose dann auch mit dem warnenden Hinweis, dass der Aufschwung wohl nicht einer geraden Linie folgen wird. Meist wird die Form der Buchstaben des Alphabets bemüht, um diesen Punkt zu illustrieren. Neben das Hauptszenario einer V-förmigen Entwicklung wird das W als Risikoszenario gestellt. Ein genialer Trick, insbesondere, wenn man die Welt nur in Wachstumsraten betrachtet. Dann ist die Aussage des W-förmigen Verlaufs nämlich vollkommen inhaltsleer.

Ein W, dessen obere Punkte gerade mal an die Nulllinie des Wachstums heranreichen, ist nämlich etwas ganz anderes als ein W, dessen Spitzenwerte deutlich positiv sind. Im ersteren Fall geht die Wirtschaftsentwicklung nur leicht gebremst weiter deutlich abwärts. Im zweiten Fall kommt es zu zwei Rezessionen und zwei Aufschwungsphasen nacheinander. Das W klingt zwar gut, ist aber alleine genommen eine üble Irreführung der Empfänger der Prognose. Ohne Qualifikation der Aussage mit dem Hinweis darauf, wo die Hoch- und Tiefpunkte der Entwicklung liegen, ist das W nur ein Taschenspielertrick. W-Sager degradieren die Ökonomie damit zur billigen Wahrsagerei.

Dabei können wir auch heute wichtige Hinweise geben. Schon die blosse Feststellung, dass die kommenden Quartale kaum zu prognostizieren sind, ist eine hilfreiche Aussage. Nichtwissen zu erkennen, kann helfen, lebensbedrohende Fehler zu vermeiden. Das ist für den Unternehmer, der seinen Weg durch vielerlei Unsicherheiten mit Zuversicht gehen muss, nicht immer einfach zu akzeptieren. Wer aber vermeidet, sich in falscher Sicherheit zu wiegen, trifft bessere Entscheidungen als jemand, der sich auf eine Prognose verlässt, die man letztlich so nicht machen kann. Damit soll gar nicht gesagt sein, dass der Aufschwung nicht schon jetzt einsetzen kann. Für eine solche Prognose fehlt einfach die Basis. Sie ist nichts anderes als Propaganda.

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Wichtiger wäre es, sich damit auseinanderzusetzen, wie die Welt nach der Krise aussehen wird. Und genau hier kann die Ökonomie gute Dienste leisten. Wachstumsraten sind in der mittelfristigen Entwicklung sehr gut abschätzbar. Auch können wir Aussagen über die längerfristigen Währungsentwicklungen machen. Zinsen, Geldpolitik und Inflation: All das sind Themen, über die wir wichtige Beiträge für die Planung und Steuerung von Unternehmungen leisten können. Ökonomie kann viel leisten, allwissend macht sie aber nicht.