Seit das erste Erdgas in den frühen 60er-Jahren von Deutschland in die Schweiz geflossen ist, stand Erdgas im Wettbewerb mit anderen Energieträgern. Während Jahrzehnten war Heizöl die grosse Konkurrenz; Erdgas musste sich über seine Umweltfreundlichkeit positionieren - lange bevor die Klimaänderung zum Megatrend erklärt wurde.

Dank dieser geschickten Positionierung und der kontinuierlichen Aufbauarbeit der Gasversorger gelang es, Erdgas zu einem Marktanteil von rund 12% am Gesamtenergieverbrauch der Schweiz aufzubauen.

Heute kommt der Wettbewerbsdruck von ganz anderen Seiten: Auf der Produktseite wird Erdgas grün überholt von den erneuerbaren Energien wie Solarzellen, Wärmepumpen oder Holzpellets. Und durch die Öffnung der Energiemärkte in der EU ist plötzlich Konkurrenz entlang der ganzen Wertschöpfungskette ein Thema.

Im Gegensatz zur Elektrizitätswirtschaft, wo die Schweiz einen Grossteil der Versorgung mit relativ günstiger Eigenproduktion decken kann, verfügt unser Land im Erdgas über keine wirtschaftlich nutzbaren Produktionskapazitäten. Die Schweiz steht hier mitten im europäischen Beschaffungswettbewerb.

Änderungen frühzeitig erkennen

Bei der Erdgas Ostschweiz wurden diese Veränderungen frühzeitig erkannt und wurde in der Folge ein Strategieüberprüfungsprozess eingeleitet. In beiden Kernaufgaben des Unternehmens - im Erdgaseinkauf und im Transport - wurde Handlungsbedarf identifiziert und wurden anschliessend Massnahmen getroffen.

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Der Erdgaseinkauf wurde komplett umstrukturiert. Ausgehend von einer überwiegend langfris-tig orientierten Beschaffung mittels ölgebundener Verträge wird sukzessive auf strukturierte Beschaffung umgestellt. Dies mit dem Ziel, den lokalen Versorgern und damit den Endkunden jederzeit bedarfsgerechte Preis- und Versorgungsmodelle anbieten zu können. Dazu zählen flexible und feste Preismodelle mit und ohne Ölpreisbindung sowie Hedge-Möglichkeiten zur Begrenzung der Risiken von variablen Einkaufskosten. Da die Erdgasmärkte erst langsam genügend Liquidität an den Handelspunkten erreichen, ist dieser Prozess nur Schritt für Schritt über mehrere Jahre zu erreichen.

Interne Organisation angepasst

Im Erdgastransport werden Kostentransparenz und eine kompetitive Kostenstruktur gefordert, die sich an internationalen Benchmarks orientiert. Auch dies kann nur schrittweise erreicht werden, da bisher weder die buchhalterischen noch die prozessualen Voraussetzungen vorhanden waren.

Die Entscheidungen zur Umsetzung der notwendigen Anpassungen wurden bei der Erdgas Ostschweiz in den letzten beiden Jahren getroffen. Als Folge wurde die interne Organisation angepasst und verstärkt auf die neuen Prozessanforderungen fokussiert. Die Systemträgheit, bedingt durch die langfristigen Investitionszyklen in Leitungs- und Produktionsinfrastruktur, verlangt aber sowohl von den Grosskunden als auch den Behörden etwas Geduld.

Mit diesen Anpassungen kann sich die Erdgas Ostschweiz zusammen mit ihren Marktpartnern den offenen Energiemärkten stellen. Die Kunden profitieren in jedem Fall von mehr Wahlmöglichkeiten und transparenter Preisstellung. Ob die Preise insgesamt günstiger werden, ist allerdings fraglich, da dem Vorteil des verstärkten Wettbewerbs der Nachteil der erhöhten Komplexität eines offenen Marktes entgegensteht.

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