Die New Economy bewirkte einen allgemeinen Rauschzustand. Begierig, auf keinen Fall den Anschluss an den neuen Informations- und Biotechnologiemarkt zu verpassen, und vom Wunsch beseelt, auf diese Weise die möglichen Rückschläge aus dem Untergang geweihten Aktivitäten der Old Economy abzufangen, glaubten viele Unternehmer, den zum Geschäfts- und Investitionserfolg führenden Stein der Weisen gefunden zu haben. Die willkommenen Auswirkungen ausserordentlicher Finanzgewinne auf die Wirtschaftsrechnung erledigten dann den Rest.

Im Laufe der letzten Jahre gab es bei jeder Machbarkeitsstudie Extrapolationen von exponentiellen Fakturierungszunahmen, ohne dass man sich zumindest die Frage gestellt hat, ob denn eine solche Entwicklung auch nur die geringste Entsprechung in der Realität habe. Finanzpläne mit gewaltigen Verlusten für die nachfolgenden Jahre, Firmen in der Verlustzone und mit negativem Cashflow wurden bei der Platzierung auf dem Markt mit stratosphärischen Bewertungen ihrer Aktien gefeiert. Schwere Verantwortung tragen hier auch die Investment-Banken, die, wenn auch unbewusst, eine Pseudorealität geschaffen haben, von der sie übermässig profitierten.

Ausgesprochen seriöse und genaue Menschen kamen mit dem Vorschlag, sich an Incubators zu beteiligen. Diese geheimnisvollen Namen erleichtern den Erfolg, weil sie sich den aus unserer Unwissenheit stammenden Minderwertigkeitskomplex zu Nutze machen. Kurz gesagt sind Inkubatoren jene Gesellschaften, die eigentlich nur Ideen ausbrüten, von denen man hofft, sie seien brillant und würden dann im Rahmen der New Economy technologisch umgesetzt.

Ich erinnere mich, dass mich vor einiger Zeit zwei dieser Experten um 100 Millionen Schweizerfranken baten, um sich mit 40 Prozent an einem solchen Unternehmen zu beteiligen. In meiner naiven Unwissenheit und meiner bäuerlich geprägten Präferenz für materielle Realitäten erlaubte ich mir die Frage, wer die restlichen 60 Prozent des Kapitals beisteuern würde. Als Dummkopf betrachtet, bekam ich die nachdrückliche Antwort, die dem damaligen Zeitgeist entsprach: Die 60 Prozent bestünden aus acht Ideen, die mit meinem Geld entwickelt würden. Da nach erfolgter Entwicklung (Zeitraum zwei Jahre) die Ideen einen Wert von zwei Milliarden erreichten (die Zahlen sind nicht erfunden), würden aus meinen 100 Millionen 800 Millionen geworden sein. Es sei wirklich ein attraktives Angebot. Was wollte ich denn noch mehr? Ich gestand, dass es mich überhaupt nicht stören würde, wenn die Anbieter mit den Ideen 1,2 Milliarden Franken verdienten, dass aber im Falle eines Verlustes ich derjenige wäre, der alles verlöre.

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Diese wahrheitsgetreue Erzählung berichtet nicht von einem Einzelfall. Bedeutende und erfahrene Unternehmer investierten in die New Economy. Einige erzielten anfänglich traumhafte Gewinne. Es ist bestimmt nicht üblich, die Anfangsinvestition um das 100fache oder noch mehr zu vermehren. Einige Jahre später lösten sich diese Buchgewinne in nichts auf und mit ihnen auch das ganze Kapital.

Wir leben in einer Übergangsperiode mit tief greifenden Veränderungen, mit interessanten Möglichkeiten, aber mit ebenso vielen Risiken, denen wir auf diesen unbekannten Pfaden begegnen können. Dies ist schon immer so gewesen. Doch immer wenn die Menschheit eine Entwicklungsstufe weitergekommen war und die Widrigkeiten überwunden hatte, befand sie sich auch wirtschaftlich auf einem höheren Wohlstandsniveau.

Diese Zwischenphasen der Wirtschaftsgeschichte bieten unweigerlich auch Prahlern und Schwindlern breiten Spielraum, da diese aus dem Wissensdefizit und der Unerfahrenheit der Menschen und der ungewissen Lage Nutzen ziehen. Häufiger, als man meint, geht der Schwindler von der Überzeugung aus, korrekt zu handeln, und rutscht dann – aus Unwissenheit, leichtfertigem Optimismus, Oberflächlichkeit – in regelwidrige Verhaltensweisen und schliesslich in die Unehrlichkeit ab.

Wie ist das Verhalten unehrlicher und unfähiger Manager zu rechtfertigen? Zwar ist richtig, dass die Missetaten und auch nur die Gier gewisser Verwaltungsräte nicht einfach verheimlicht werden dürfen, gleichzeitig muss man jedoch anerkennen, dass Letztere nur eine Minderheit darstellen gegenüber der grossen Mehrheit der fähigen und rechtschaffenen Firmenchefs. Wie immer kommen – zu Recht – Fehler und Fehlverhalten an die Öffentlichkeit, da sich Skandalmeldungen besser verkaufen. Von dem, was gut funktioniert, ist viel weniger zu hören.

Hier darf nicht vergessen werden, dass neben den unehrlichen Managern, die vom Rausch unrechtmässig profitierten, selbst Firmenchefs nicht selten in einen Rausch gerieten und unsinnigerweise davon überzeugt waren, Supermänner geworden zu sein, denen alles erlaubt war und denen alles gelingen würde.

Die Überbetonung der Unternehmungsführung erlebte, wie immer in solchen Fällen, ihre Ausartungen. Die zunehmende Zahl von Büchern, Seminaren und Lehrgängen für Betriebswirtschaft jeglicher Art machten glauben, dass die Führung eines Unternehmens oder, noch schlimmer, die Funktion des Unternehmers am grünen Tisch gelernt werden könne.
So schossen Beratungsfirmen wie Pilze aus dem Boden, deren Nützlichkeit und deren Ratschläge mich häufig zum Staunen gebracht haben. Manager oder Verwaltungsräte, die allzu oft deren Dienste beanspruchen, erregen mein Misstrauen. Ich frage mich ernsthaft, ob der beste Experte nicht die effektive Geschäftsführung der Firma selbst sein sollte und warum denn mit Theorie und Kasuistik voll gestopfte junge Leute besser informiert und kompetenter sein sollten als jener, der das Unternehmen täglich erlebt und formt. Aber es kommt noch schlimmer. Oft sind die Honorarforderungen solcher Konsulenten nur der Preis für ein Alibi, eine Gelegenheit, um sich einer Verantwortung zu entledigen, um bestimmte Situationen zu blockieren, schwierige Beschlüsse zu verschieben.

Warum unterstütze ich das kapitalistische System? In erster Linie, weil es das System ist, in dem Freiheit, Wettbewerb, Transparenz und Verantwortung eine wesentliche Rolle spielen. Schlimm sind nicht die schwarzen Schafe und die Auswüchse, die nie ganz beseitigt werden können. Schlimm wäre es, wenn die schwarzen Schafe nicht ausfindig gemacht würden, wenn die Auswüchse nicht zu entfernen wären und den ganzen Organismus infizieren würden.
Wenn es zudem wahr ist, dass das Bild der Wirtschaft auch das Resultat der unzähligen Beurteilungs- und Verhaltensfehler der Menschen ist, trifft es jedoch ebenfalls zu, dass diese Unzahl von individuellen Fehlern sich teilweise rückgängig macht und kompensiert. Ich ziehe das Risiko so vieler individueller Irrtümer vor, die jenem einzigen Irrtum enormen Ausmasses gegenüberstehen, der von einer allgegenwärtigen orwellschen Übermacht verübt wird.
Vergessen wir auch nicht, dass der Staat viel grössere Schnitzer macht. Bislang ist noch kein Anleger bei einer schweizerischen Privatbank zu Schaden gekommen, indessen sind schon etliche politisch geführte Kantonalbanken in Situationen geraten, die bei einer Aktiengesellschaft als Konkurs bezeichnet würden. Das Short Selling, das heisst das Verkaufen von Dingen, die man gar nicht besitzt und nach vernünftigen Erwartungen auch nie besitzen wird, ist zudem in der Politik gang und gäbe, zum Beispiel in der AHV. Der Umstand, dass die Steuerzahler die Rechnung schliesslich begleichen, sollte nicht zur Meinung verleiten, der Staat manage seine Angelegenheiten besser als die Privatwirtschaft.
Mir liegt daran, die kapitalistische Ordnung zu verteidigen, weil die Geschichte und die Wirtschaft empirisch belegen, dass sie entscheidend zur Verbreitung des Wohlstandes, zur Verbesserung des generellen Lebensstandards, zur Entwicklung der Wissenschaft und des Wissens im Allgemeinen beigetragen hat. Zugegeben, es ist ein System mit Mängeln, die jedoch zu beheben sind, mit Ungleichheiten – und diese wird es immer geben –, doch in massiven Fällen muss man mit allen Mitteln für Abhilfe sorgen. Und in diesem System, wie in allen Gesellschaften und Systemen, nisten sich auch Betrüger, Kriecher, unredliche Leute ein – und diese Liste menschlicher Typen könnten wir beliebig fortführen. Aber es ist auch ein System, das die Energien aufbringt, um sich selbst wieder einzubringen und in Bewegung zu setzen, um aus dem eigenen Körper gewisse Krankheitserreger auszuscheiden, ohne auf das vom Staat verteilte Antibiotikum zu warten.

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Es ist ein System mit zwei grossen Vorzügen. Der erste ist seine Anpassungsfähigkeit und Flexibilität und seine Fähigkeit, sich an die neuen Anforderungen einer Gesellschaft anzupassen, die in ständiger Entwicklung ist und neue Arbeitsweisen erfindet. Der andere Vorzug besteht darin, dass es von einem nicht per Gesetz zu verordnenden, sondern täglich neu zu gewinnenden Vertrauen lebt. In seiner brillanten Geschichte des Geldes behauptet René Sedillot, ein grosser, ins Meer gestürzter Felsblock stelle immer noch einen Wert dar und werde als Wechselgeld für das Vertrauen benutzt, das der betroffene primitive Stamm dort verberge.

Das Vertrauen ist die Hauptkomponente des Geldes und ein wichtiger Spieler im Markt. Selbstverständlich ist das Vertrauen nur robust, wenn es das Nebenprodukt effektiven Verhaltens ist. Seine Produktion kann deshalb auch nicht stark beschleunigt werden, weder durch publizierte und antrainierte Codes of Conduct noch durch angeheuerte Berater, die für teures Geld versprechen, Vertrauen zu schaffen. Hier besteht eine Asymmetrie: Vertrauen kann in beliebigem Tempo zerstört, aber nicht in beliebigem Tempo aufgebaut werden.
Und das gesunde Misstrauen? Der Kapitalismus ist so robust, weil den Leuten die Erfahrung zugemutet wird, auch ein gesundes Misstrauen zu bewahren. Dass uns in diesem System auch Risiken zugemutet werden, bringt ein pathologisches Schwanken zwischen den beiden Polen Vertrauen und Misstrauen in ein funktionsfähiges Gleichgewicht. Wenn wir schon von Vertrauen sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass wir uns in einer Rezession befinden, weil uns die Zuversicht fehlt (Confidence, nicht Trust), die Zuversicht, dass heutige Investitionen morgen eine Rendite haben werden. Wir trauen dem Konsumenten nicht in dem Sinne, dass wir bezweifeln, ob er unsere Innovationen nachfragen wird. Ich glaube nicht, dass das, was die Medien als Managementskandale bezeichnen, einen entscheidenden Einfluss auf die Nachfrage hat. Im Jahr 2002 wurde der Markt von einer schweren Vertrauenskrise heimgesucht – und noch vor den Massnahmen von Seiten der Institutionen, um unter anderem den bisher unerwarteten und unbekannten Situationen zu begegnen, waren die an der Börse kotierten Gesellschaften und andere Akteure des Marktes am Werk, um den von einigen Missetätern angerichteten Schaden zu beheben.

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Warum? Weil sie wussten, dass es in ihrem Interesse ist und dass in einer entwickelten Wirtschaftsgesellschaft das Vertrauen eine Grundkomponente des Geschäftserfolges ist, was die Transaktionskosten enorm reduziert. Vertrauen ist eine der Voraussetzungen dafür, dass das Kapital – über den Markt – in die Produktionstätigkeit fliessen kann.
Man nenne mir ein anderes System, das in zwei Jahrhunderten so viel Wohlstand produziert und auf derart positive Weise die Lebensbedingungen seiner Nutzniesser verändert hat, und ich bin bereit, diesem beizutreten.