REISEBRANCHE. Tourismus mit Zukunft». So heisst die neue Charta der Reisebranche, die der Schweizerische Reisebüroverband (SRV) an der Tourismusfachmesse TTW in Montreux vergangene Woche vorgestellt hat – in einem kleinen Raum ohne Fenster, vor Fachjournalisten und einigen wenigen Interessierten, während draussen in den Messehallen rund 450 Aussteller und hunderte von Besuchern über die neuesten Produkttrends fachsimpelten.

Die Charta soll die Erklärung von Kreta ersetzen, welche der SRV 1997 ins Leben gerufen hat. Diese hatte zum Ziel, Hoteliers in Badeferiendestinationen für Umweltanliegen zu sensibilisieren. Die jüngste Initiative aus der Reisebranche ist ein weiterer Schritt, um die negativen Folgen des Tourismus zu minimieren. Dazu gehören unter anderem der Respekt gegenüber der lokalen Bevölkerung, der Schutz der Kinder vor Gewalt und Ausbeutung, der rücksichtsvolle Umgang mit der Natur, lokale Dienstleistungen und Produkte berücksichtigen oder die Sensibilisierung bei der Wahl von Reiseziel und Transportmittel.

«Grundsätze reichen nicht»

Hansruedi Müller, Professor für Freizeit und Tourismus an der Universität Bern, reagiert skeptisch auf den Effort aus der Branche: «Mit ein paar Grundsätzen hat man noch nie etwas geändert. Die Charta des SRV ist nichts anderes als ein oberstes Commitment.» Nun müssten weitere Instrumente entwickelt werden. Als gutes Beispiel nennt Müller den Verhaltenskodex gegen Kinderprostitution.Dieser verpflichtet Unternehmen, Kindersextourismus nicht nur zu verurteilen, sondern auch aktiv zu bekämpfen, indem Mitarbeiter in der Feriendestination geschult und Gäste sensibilisiert werden. Am TTW hat Globetrotter diesen Code unterschrieben, Kuoni und Hotelplan sind bereits länger tatkräftig dabei. Dass Umwelt und soziale Verantwortung in der Reisebranche ein Thema geworden sind, zeigt auch die Neuerung bei Hotelplan: Ab 1. November 2007 bietet Hotelplan zusammen mit der Zürcher Stiftung Myclimate eine «vollständig integrierte Buchungslösung» an, wie Hotelplan-Sprecher Peter Schmidli bestätigt (siehe auch Kasten). Ähnlich wie beim Angebot von Kuoni muss jede Person, die bei Hotelplan bucht, die Frage beantworten, ob sie den CO2-Ausstoss, welchen ihre Flugreise verursacht, kompensieren will.Hotelplan-Konkurrent Kuoni ist seit Sommer 2007 Partner von Myclimate, informiert seither auf seiner Homepage und bei der Internetbuchung über die Möglichkeit zu kompensieren und legt in den Reisebüros Flyer zum Thema auf. Mit dem Geld wird eine Abfallbehandlungsanlage auf der Insel Bali unterstützt.Der Response ist allerdings gering: «Bei Kuoni Schweiz haben seit Juli 2007 erst rund 50 Kundinnen und Kunden ihre Flugreise kompensiert», sagt Fausta Borsani, Head of Corporate Responsability bei Kuoni. Das Ziel sei, dass einmal 10% der Gäste klimaneutrale Flugreisen buchen. Neben der Partnerschaft mit Myclimate engagiert sich Kuoni für andere tourismusbezogene Projekte, wie zum Beispiel das Wasserdammprojekt in der Umgebung von Mombasa. Borsani: «Ein Tourist in einem Viersternehotel braucht pro Tag 400 l Trinkwasser. Mit dem Projekt in Mombasa helfen wir, sicherzustellen, dass die lokale Bevölkerung trotzdem genug Wasser hat.» Insgesamt investiert Kuoni (Umsatz 2006 4 Mrd Fr.) rund 1 Mio Fr. pro Jahr in Umwelt- und Sozialprojekte.

Anzeige

Schweizer Käse in Luxus-Lodge

Dazu gehört auch die abgelegene Luxus-Lodge im Wildpark Masai Mara in Kenya: Sie wird mit Solarstrom betrieben und hat ein innovatives Abwasserreinigungssystem, das mit Pflanzen funktioniert. Trotz Umweltfreundlichkeit nimmt Kuoni Kompromisse in Kauf: Nächstens soll das Frühstücksbuffet in der Lodge mit Käse aus der Schweiz angereichert werden. «Die Gäste haben hier sehr hohe Ansprüche», stellt Borsani fest. Einerseits den Luxus haben wie zu Hause, andererseits hunderte von Kilometern zurücklegen, um Neues zu sehen – das sind die Kundenbedürfnisse, denen Reiseunternehmen gerecht werden müssen. Symptomatisch für den Interessenkonflikt der Branche ist die Szene am TTW: Jean-Marc Thévenaz, Gastreferent und CEO des Billigfliegers Easyjet, wird per Lautsprecher angekündigt, die Durchsage unterbricht mehrmals die Unterzeichnung des Verhaltenskodexes gegen Kinderprostitution durch Globetrotter-Chef André Lüthi. Der Gastreferent zog denn auch ein Mehrfaches an Publikum an als die Sozial- und Umweltveranstaltung.

Treibhausgase

Kompensation

Treibhausgase

Kompensation