Maisstärke? Moment mal, das war doch jenes weisse, mehlartige Pulver, mit dem unsere Grossmütter zu dünne Saucen wieder aufpeppten. Richtig. Aber bei Puma hat es keine kulinarische, sondern eine umweltspezifische Funktion: Gemäss CEO Jochen Zeitz werden Puma-Textilkollektionen künftig in Beuteln aus diesem biologisch abbaubaren Grundstoff verpackt. Sie ersetzen die traditionellen Kunststofftaschen aus Polyethylen. Damit können 720 Tonnen an Kunststofftaschen pro Jahr eingespart werden, was 29 Millionen Plastiktüten oder einer Fläche von 1000 Fussballfeldern entspricht. Stefan Seidel, verantwortlich für Umwelt und Soziales bei Puma in Herzogenaurach, setzt noch eins drauf: «Die Puma-Shirts werden zusätzlich einmal mehr gefaltet, um die Packungsgrösse und damit die für die Verpackung verwendeten Ressourcen zu verringern. Dadurch werden zudem CO?-Emissionen und Transportkosten reduziert.»

Die «gescheite» Schuhbox

Weiteres Kernstück dieser Nachhaltigkeitsstrategie ist der von Yves Béhar, derzeitiger Star unter den Industrie-Designern, entworfene Clever Little Bag. Der Bag ersetzt den herkömmlichen Schuhkarton. Der mehrmals verwendbare Clever Little Bag (siehe Bild Seite 53) hat es in sich: Er schützt jedes Paar Schuhe, angefangen in der Produktionsstätte bis zum Point of Sales. «Der Materialeinsatz wird minimiert, das Gewicht beim Transport reduziert, und beim Transport nach Hause kann auf eine Plastiktüte verzichtet werden», haben Umweltspezialisten ausgerechnet. Macht - nicht nach Adam Riese, sondern nach einem von Puma in Auftrag gegebenen Life Cycle Assessment - eine Einsparung von 8500 Tonnen Papier, 20 Mégajoule Elektrizität, 1 Million Liter Treibstoff und 1 Million Liter Wasser.

Gemäss Seidel sind erste Feldversuche soeben zur Zufriedenheit abgeschlossen worden. «Die Akzeptanz bei den Kunden ist unerwartet hoch.» Der Clever Little Bag ist bereits im Puma-Store Zürich Sihlcity verfügbar. Vorgesehen ist die flächendeckende Einführung für die 2. Jahreshälfte 2011. Alles in allem: Gemäss Zeitz soll bis 2015 die Hälfte der gesamten Kollektion aus umweltfreundlichem und damit nachhaltigem Material gefertigt werden. Leichtfertig wurde dabei bestimmt nicht kalkuliert - nicht zuletzt der wachsamen Konkurrenz wegen.

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Die gibt sich nämlich ebenfalls grosse Mühe, einen Umwelttouch zu erhalten. Nike präsentierte zwar bereits vor fünf Jahren eine Ökoschuhlinie, die aber als Marke nicht von Erfolg gekrönt war. Adidas startete 2005 die Green Company Initiative, die beispielsweise den Papierverbrauch pro Mitarbeiter um die Hälfte reduzieren soll. Allerdings mit längerfristigen Zielen. Bei Puma sind es 75 Prozent, mit dem Zusatzziel, möglichst viel Recyclingpapier zu verwenden und parallel dazu auch noch Bäume als Ersatz für den Papiereinsatz und zum Schutz des Klimas zu pflanzen.

In der Vorreiterrolle

«Im Gegenteil zu einigen Wettbewerbern sagen wir nicht, dass wir jetzt auch noch eine Ökolinie in unserem Produktionsprogramm haben, sondern setzen unser Nachhaltigkeitsziel über alle Kollektionen hinweg durch», sagt Zeitz. Klar, dass mit diesen Bestrebungen auch ökonomische Vorteile erhofft werden: Das verhehlt am Hauptsitz im fränkischen Herzogenraurach niemand. «Von dieser neuen Strategie erhoffen wir uns mittelfristig auch geringere Transport- und Energiekosten», betont Stefan Seidel.

Der damit einhergehende Windfallprofit kommt aber auch der Allgemeinheit in Form von einem stark reduzierten Abfall und verminderten CO?-Emissionen zugute. Ebenso klar ist auch, dass man sich mit diesem Gewaltakt - immerhin stehen jahrzehntelange Verpackungs-Gewohnheiten auf dem Spiel - einen Imagegewinn und somit einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz erhofft. Kommt hinzu, dass der intelligente Schuhkarton oder die umweltfreundliche Einkaufstasche aus Maisstärke länger als Werbefläche dienen als eine Verpackung, die eh gleich nach dem Öffnen im Kehricht landet.

 

 


«Es gibt noch viel beim Thema Verpackung zu tun»

Es ist davon auszugehen, dass neben dem Umweltschutzgedanken auch handfeste pekuniäre Interessen zum neuen Vertriebs- und Verpackungskonzept von Puma geführt haben. Wie hoch werden die jährlichen Einsparungen sein?

Jochen Zeitz: Zunächst bringt es keine Ersparnis. Es ist einfach ein innovativer Schritt zu einer umweltverträglicheren Variante. Aber damit ist nicht das Ende erreicht. Es gibt noch viel beim Thema Verpackung zu tun. Daran arbeiten wir. Unsere Nachhaltigkeitsinitiativen zielen auch nicht auf kurzfristige Einsparungen ab, sondern es ist ein langfristiges Programm, das mit klaren Zielen fest in der Unternehmensstrategie verankert ist.

Inwieweit hat der Vorteil gegenüber der Konkurrenz bei der Konzipierung eine Rolle gespielt?

Zeitz: Das Thema Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren wettbewerbsrelevant geworden. Unternehmen, die auf diesem Feld eine führende Rolle übernehmen, werden sowohl gegenüber dem Wettbewerb als auch von Kunden, Investoren und Mitarbeitern als innovativ wahrgenommen. Die Auszeichnung mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2010 in der Kategorie «Nachhaltigste Zukunftsstrategie» bestärkt uns darin, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Deshalb werden wir unsere Nachhaltigkeitsziele konsequent weiterverfolgen. Ich denke, dass «Doing well by doing good» ein Motto der Zukunft sein kann und sein wird. Und das ist auch gut so.

Sind Sie sicher, dass das Gros der Kunden so grossen Wert auf umweltfreundliche Verpackungen legt? Oder ist das am Ende wie mit den Eiern von glücklichen Hühnern. In Umfragen werden sie befürwortet, im Laden entscheidet dann oft doch das Portemonnaie.

Zeitz: Konsumgüterindustrie und Handel stehen durch das Thema Nachhaltigkeit für tiefgreifende Veränderungen. Immer mehr Verbraucher interessiert es, ob Konsumgüter unter Wahrung angemessener Löhne und Umwelt- und Sozialstandards in die Regale gelangen. Deshalb arbeiten wir unermüdlich daran, unsere Produkte noch nachhaltiger herzustellen und zu vertreiben. Die Ausrichtung unserer Kollektionen auf nachhaltige Produkte mit dem Ziel, einen Beitrag für eine sichere, saubere und friedlichere Welt zu leisten, wird sich daher langfristig auszahlen. Und am Ende müssen wir berücksichtigen, dass das Problem, das mit dem heutigen Konsum verbunden ist, nicht in erster Linie ein Problem des Verbrauchers ist, sondern der Industrie. Denn wir sind am Ende genauso verantwortlich in Kooperation mit den Konsumenten selbst.

Wird das Konzept von Puma Schule machen?

Zeitz: Wir hoffen beziehungsweise ich weiss, dass wir mit dem Clever Little Bag eine Diskussion in unserer Industrie angestossen haben, die insgesamt zum Einsatz von nachhaltigeren Verpackungskonzepten führen wird. Beim Clever Little Bag hätten wir nichts dagegen, wenn unser Konzept von anderen kopiert würde, denn das ist der erste Schritt. Ein kleiner zwar ?